Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 21 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Spize Ahron Eisenberg steht. Die Gesellschaft verfügt bereits über ein Vermögen von mehreren Millionen Kronen und wird nun in Tiberias ein modern eingerichtetes Kurbad errichten. Vor kurzer Zeit wurde der Tiberiassee von englischen Chemikern analysiert und als eines der besten Mineralwässer der Welt bezeichnet. Es ist besonders bei Rheumitismus, Haut-, Nerven- und Frauenkrankheiten sehr heilwirkend. Rabbi Chaim Berlin in Jerusalem, der seit dem Tode des Oberrabbiners Salant als die größte talmudische Autorität und als religiöses Oberhaupt der Jerusalemer Aschkenasimgemeinde galt, ist im Alter von 75 Jahren veischieden. Rabbi Chaim Berlin war ein Sohn des berühmten Leiters der Jeschiba in Woloshin (Rußland), R. Naftali Zewi Berlin, und bekleidete selbst vor seiner Uebersiedelung nach Palästina Rabbinatsämter in den angesehensten Gemeinden Rußlands, zuletzt in Moskau. Jacob B. Brandeis, der als Publizist und Verlagsbuchhändler über die Grenzen Böhmens bekannt war, ist jüngst in Prag gestorben. Er gründete mehrere jüdische Humanitätsvereine, war Mitglied des Prager Stadtverordnetenkollegiums, redigierte die „Isr. Gemeinde-Zeitung", begründete den nach ihm benannten „Isr. Volkskalender" und die „Jüdische Universalbibliothek". Wie Antisemiten für Dr. Cohn stimmten. Auf dem kürzlich in Chemnitz stattgefundenen Parteitag der deutschen Sozialdemokraten erzählte der Reichstagsabgeordnete Scheidemann über die Wahl in Nordhausen und über die Stellung der Antisemiten bei der Stichwahl zwischen dem freisinnigen Abgeordneten Wiemet und dem Sozialdemokraten Cohn eine äußerst launige Geschichte, die auch an dieser Stelle vermerkt zu werden verdient. Seine mit stürmischer Heiterkeit aufgenommenen Ausführungen charakterisierten so recht die Gesinnungstüchtigkeit der Antisemiten, die sich bekanntlich als die zuverlässigsten Stützen von Thron und Alt.ir girieren und keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne die Juden als die eigentlichen Förderer und Protektoren der „Umsturzpartei" zu bezeichnen. Der Reichstagsabgeordnete Scheidemann teilt nach einem Bericht des „Berliner Tageblatts" folgendes mit: „In der Hauptwahl hatte Genosse Cohn 7500, der freisinnige Dr. Wiemcr 5200 und der Antisemit 3800 Stimmen erhalten. Nun hat Genosse Cohn gewiß ausgezeichnete Eigenschaften, aber daß er sich nun besonders dafür eignet, die Antisemiten und Kriegervereine für sich einzunehmen, daß scheint mir doch über seine Kraft zu gehen. Er hat es trotzdem fertig gebracht. Mit wahrer Begeisterung haben die Kriegervereinc die Parole für Cohn ausgegeben. (Stürmische Heiterkeit). Auf der einen Seite stand der freisinnige Dr. Wiemer, an dem jeder Zoll ein Kriegervereinsmitglied ist, und auf der anderen Seite stand Dr. Cohn. Nun wünschte der Antisemit einen Kuhhandel zwischen Eschwege und Nordhausen. In Eschwege sollte der Antisemit mit freisinniger Hilfe gewählt werden, und in Nordhausen Dr. Wiemer mit antisemitischer Hilfe herausgehauen werden. Daraus wurde nichts. In Eschwege wurde Genosse Thüne mit freisinniger Hilfe gewählt, und nun dachten die Antisemiten in Nordhausen „Rache ist Blutwurscht". (Stürmische Heiterkeit). Die Kriegervereine gerieten in schwere Kalamität, w.is sie nun machen sollten. Sie gingen zu einem Amtsvorsteher, Rittmeister a. D., und fragten, was sie nun tun sollten. Der Rittmeister war ein Diplomat und sagte; „Ich habe heute meinen roten Tag, macht ihr, was ihr wollt". (Stürmische Heiterkeit). Ein anderer Führer der Kriegervereine wurde vor eine kitzlichere Frage gestellt: Als der Kriegerverein die Parole für Cohn bekommen hatte, erklärten einige Mitglieder: Sagen Sie einmal, Sie wissen doch, daß wir bei früheren Wahlen deshalb kein Fahnenband bekommen haben, weil man annahm, wir hätten einen Sozialdemokraten gewählt. Darauf erwiderte er: Wählt den Cohn, dann kriegt ihr das Fahnenband. (Stürmische Heiterkeit). Also die Parole hatte sich vollständig gewendet. Bei den Hauptwahlen hieß es: „Mit Gott für König und Vaterland", und bei den Stichwahlen hieß es: „Mit Gott für Cohn und Vaterland, ohne Cohn kein Fahnenband". (Minutenlange stürmische Heiterkeit). Oberrabbiner Dr. J. Unger in Iglau ist im 87. Lebensjahr am 16. d. M. verschieden. Er blickte auf eine 54jährige verdienst» volle Tätigkeit zurück. Als Hebraist genoß er einen Weltruf, als Kanzelredner war er weithin geschätzt. ZEITSCHRIFTEN-RUNDSCHAU. Aphorismen zur Judenfrage. In der Zeitschrift „Pan" veröffentlicht Alfred Kerr zum Thema .Juden" folgende sehr interessante Aphorismen: Die Judenfrage besteht darin, daß alle unmöglichen Leute Antwort geben auf Fragen, die sie sich nie vorgelegt haben. Der Judengeist ist ein Geburtshelfer der Gedanken, wie er ein Totengräber ist. Es bleibt ein Unglück, daß man die letzte Respektlosigkeit, jenen Mangel an verecundia, etwa eines Heinrich Heines mit der Frechheit eines Versicherungsagenten verwechselt. Toleranz ist beschämender als Haß und Feindschaft. Bei Pogromen werden die Juden zu hunderten totgeschlagen. Hierzulande wird ihnen bloß unter die Nase gerieben, daß sie Gäste sind, ein zivilisiertes unausgesetztes memento Moritz. Auch der Antisemitismus hat sein Gutes, er bewahrt die Juden vor Verblödung. Zu Staatsruheposten werden sie nicht zugelassen. Modernes Leben in Palästina. Über den großen Aufschwung, den Palästina in den letzten Jahren genommen hat, erzählt der Präsident des Wesleyschen theolog.sehen Seminars in Boston, S. F. Graham, der eine Gesellschaft von Studenten der Theologie durch Ägypten und Palästina geführt hat, einem Vertreter des „Standard4': „Schon beim ersten Schritt in Palästina findet man dort die blühende Zivilisation des 20. Jahrhunderts. Der Pilger kommt nach Jerusalem in einem bequemen, mit allem modernen Luxus ausgestatteten Eisenbahnwagen, und in Jerusalem selbst sieht man viele große und in modernem Baustil gehaltene Geschäfts- und Regierungsgebäude, die sich an der Stätte früherer Tempel erheben, deren bröckelnde Mauern man entfernt hat, um die historischen Torwege zur alten heiligen Stadt zu erweitern. Wo einst das Jaffa-Tor stand, ist jetzt eine breite, offene .Avenue' von imposantem Anblick. Viele der malerisch engen und krummen Gassen im Herzen der Stadt wurden erweitert und gerad gebaut. Fast überall, in öffentlichen Gebäuden, Hotels und Privathäusern und auch in den Straßen, sieht man elektrisches Licht. Auch Automobile sind etwas ganz Gewöhnliches. An Stelle des bärtigen Juden mit seinem wassergefüllten Schlauch sind Wasserträger getreten, die denen von London durchaus ähneln. Ein Feueralarm ruft rasch die Feuerwehr herbei, deren Spritzen etc. von Petroleummotoren getrieben werden. Auch das Wasserversorgungs- und Kanalisationssystem ist ausgezeichnet. Zement und Stahlträger spielen beim Häuserbau jetzt eine große Rolle .... Am meisten setzte mich in Jerusalem in Erstaunen ein Kinematographentheater, an dessen Tor ein eingeborener Ausrufer stand, der die Vorübergehenden zum Eintritt einlud. Das Programm enthielt sogar Bilder von den olympischen Spielen in Stockholm. Auch auf jedem Gebiet kaufmännischer Unternehmung und Tätigkeit kommen moderne Methoden schnell in Brauch. Auf der reichen Ebene von Saaron und auf den Hochländern zwischen Jaffa und Jerusalem kann man Drcsch- und Erntemaschinen_mit Dampfbetrieb sehen .... Im ganzen Lande, besonders in den Orangen- und Olivengärten, ist an Stelle der alten Bewässerungsmethode die moderne Motorpumpe getreten. Zum Schluß gibt Herr Graham der Anschauung Ausdruck, daß dieser Fortschritt in Palästina vor allem dem konstitutionellen Regime zu verdanken wäre, das den Bewohnern des Landes die nötige Bewegungsfreiheit gegeben habe. V. K.