Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 21 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425879--2522-2428960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2i Fast gleichzeitig kommt zu uns aus Czernowitz die Nachricht von einem gleichen Akte jüdischen Wohltätigkeitssinnes. Herr Moses Schiefer hat nämlich eine halbe Million Kronen für wohltätige, jüdische Zwecke in seinem Testamente bestimmt. Von der genannten Summe wurden rüimlich 250.000 Kronen für „Lehr- und Betzwecke \ eine Talmud- Thora schule, bestimmt, in welcher auch eine entsprechende Wohnung für den jeweiligen Oberrabbiner vorhanden sein soll. Die anderen 250.000 Kronen sollen zu einer Stiftung zur Errichtung von Wohnungen für unbemittelte Juden verwendet werden. Beide Stiftungen werden durch ein Kuratorium verwaltet werden, dem nach der Verfügung des Verblichenen folgende Herren angehören: Kommerzialrat Max Anhauch, Kaufmann Bernhard Baitinester, Bankier Markus K i ß 1 i n g e r, Oberrabbiner Dr. Rosenfeld (sowie der jeweilige Oberrabbiner) und der Schwiegersohn des Verblichenen, Dr. S e 1 z e r. Die nötigen Schritte zur Aktivierung dieser wahrhaft humanen Stiftung wurden bereits eingeleitet. Wir haben in der letzten Zeit wiederholte jüdische Wohitätigkeitsakte in der Provinz zu verzeichnen; es wäre nur zu wünschen, daß die Wiener Juden diesem Beispiele öfter folgen, dann wird es in Wien höchstens weniger jütische Adelige und Ordensritter geben . . . Ein österreichisch-ungarisches Unterkunftsheim für arme israelitische Durchreisende wurde in Berlin am 7. Oktober im Hause Dragonerstraße 8 3 Tr. feierlich eingeweiht. Es ist eine menschenfreundliche Stiftung, die hier in denkbar einfachster und prunklosester Weise ins Leben gerufen worden ist. Durch Vermittlung des hiesigen österreichischen Handwerkervereins und vieler bekannter Oesterreicher konnte das Heim, das vorläufig drei Schlafräume mit neun Betten und ein Badezimmer besitzt, eingerichtet werden. In einem der Zimmer fand gestern die schlichte Einweihungsfeier statt. Die Bilder des Deutschen Kaisers und des Kaisers von Oesterreich, mit den Reichsfarben drapiert und eine Gruppe von Blattpflanzen bildeten den äußeren Schmuck. Gesang des Chors der Jüdischen Gemeinde begleitete den kurzen Akt, bei dem Rabbiner Dr. Stier Worte der Weihe, Chefredakteur Dr. Findling Worte des Dankes an alle Förderer dieses Liebeswerkes richtete. Die Insassen des Heims erhalten nicht nur Nachtlager, sondern auch Frühkaffee mit Semmeln und abends warmes Essen, werden auch auf Kosten des Vereins auf deutschen Bahnen bis zur Grenze befördert, von wo sie mit HiUe ihrer Konsulate ihrer Heimat zugeführt werden. Schon am gestrigen Eröffnungstage erfuhren 3 Personen diese Wohltaten, zwei durch Beköstigung und eine durch Beförderung nach der Heimat. Besonders verdient gemacht haben sich um das Heim der Ehrenvorsitzende des Vereins, Kaiserlicher Rat Wilczek, der Vorsitzende des österreichisch-ungarischen Unterkunftsheimes, Herr Berglas, der Vorsitzende des österreichischen Handwerkervereins, Kürschnermeister 1. Gottlieb und der zum Inspektor des Heimes gewählte Maler Schrenzel. Ein jüdischer Mädchenklub. Die Eröffnung des ersten Mädchenklubs des Jüdischen Frauenbundes fand in B e r 1 in am 7. Oktober abend im Hause Rosenthalerstraße 40 41, Aufgang H. I, statt. Mit der Errichtung des Klubs wird dem Bedürfnis entsprochen, erwerbenden Frauen und Mädchen der jüdischen weiblichen Jugend, sowohl denen, die bei ihren Eltern wohnen, wie auch denen, die hier ohne Familienangehörigkeit leben, ein behagliches Abendheim zu schaffen, in dem ihnen Gelegenheit zum Anschluß an Altersgenossinnen, zu anregender Unterhaltung bei Lektüre, Musik, Spielen geboten Wird. Kostenloser Unterricht wird erteilt in Deutsch (an Ausländer), Französisch, Englisch, Stenographie, Rechnen, Nähen und Zuschneiden, Haushaltungslehre, Bürgerkunde, Religionslehre. Eine gut zusammengestellte Bibliothek sieht zur Verfügung. Der Mitgliedsbeitrag beträgt wöchentlich 10 Pfennig. Warme und kalte Speisen sind gegen mäßiges Entgelt erhältlich. Der Klub ist an jedem Abend — auch an Sonn- und Feiertagen — bis 10 Uhr geöffnet. Anmeldungen werden dort entgegengenommen. Präsidentenwahl der israelitischen Gemeinde in Budapest. Unter Vorsitz des Hofrates Julius Winterberg, Präsident der Chewra Kadischa, fand am l. Oktober eine Konferenz von Repräsentanten der Pes.'er israelitischen Gemeinde in Angelegenheit der durch den Tod des Hofrates Dr. Philipp Weinmann seit einem Jahre vakanten Präsidenten stelle statt. Die Konferenz einigte sich dahin, daß der bisherige Vizepräsident Ludwig Adler, der sich während seiner 40 Jahre sich erstreckenden Wirksamkeit um die Gemeinde große Verdienste erworben hat, zum Präsidenten gewählt werden soll. Eine Deputation begab sich sofort zum Herrn Ludwig Adler, der sich bereit erklärte, die Präsidentenstelle anzunehmen. Die Wahl findet in einer im Laufe dieses Monates abzuhaltenden Generalversammlung statt. Das Jaffaer Gymnasium anerkannt. Wie wir der Konstantinopeler „Aurore" entnehmen, hat die türkische Regierung das hebräische Gymnasium in Jaffa als ottomanische Mittelschule anerkannt. Es werden also die Abiturienten des Gymnasiums ohne Prüfung an der Konstantinopeler Universität aufgenommen werden, was für deren Bildungsgang von größter Bedeutung ist. Das Gymnasium zählt gegenwärtig ungefähr 500 Schüler, davon 150 weiblichen Geschlechtes. Gegenwärtig werden für dieses Gymnasium in Galizien Sammlungen veranstaltet, die bereits ca. K 35.000'— ergaben. Der Präsident des königlich ungarischen Patentamtes Ministerialrat Dr. Ludwig ßallai ist am 16. Morgens im Alter von 57 Jahren an einem Herzleiden gestorben. Vor einigen Wochen wurde er in ein hauptstädtisches Sanatorium überfuhrt, wo ihn der Tod ereilte. Dr. Ballai zählte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Budapester Gesellschaft, in welcher er sich dank seiner liebenswürdigen persönlichen Eigenschaft hoher Wertschätzung erfreute. Ballai wurde im Jahre 1855 in Jäszbereny geboren und wirkte bis zu seiner im Jahre 1902 erfolgten Ernennung zum Vizepräsidenten des Patentamtes im Hcindelsministerium, wo er die sozialpolitische Sektion leitete. Von ihm stammten die ersten Entwürfe über die Unfall Versicherung, über die Sonntagsruhe, über die Gcwerbeinspektoren, über die Arbeiier-Krankenunterstützung, über das Wandergewerbe und über die Regelung des Hausiergewerbes. Später arbeitete er als Chef der Sektion für Binnenhandel an der Vorbeitung der Gesetze über die Organisation des Fiumaner Handels¬ und des Kreditwesens. Seine gesellschaftliche Tätigkeit konzentrierte sich zum guten Teil in der Leitung des Leopoldstädter Kasinos, zu dessen Vizepräsidenten er im Jahre 1902 gewählt wurde. Nach dem Tode des Präsidenten dieses Kasinos, Baron Desider Bänffy, übernahm er die Leitung der Präsidialagenden und im März laufenden Jahres wurde er zum Präsidenten gewählt. Ballai war auch für die jüdische Oeffentlichkeit tätig und hat sich besonders bei der Hilfsaktion für die rumänischen Juden hervorgetan. Die Leiche Ballais wurde im Beratungssaale des Patentamtes aufgebahrt und von hier aus Freitag, den 18. ds. vormittags um halb 11 Uhr im Räkoskereszturer israelitischen Friedhofe zur ewigen Ruhe beigesetzt. Die Juden und die olympischen Spiele. Soweit bekannt, haben sich auch Juden bei den letzten olympischen Spiele ausgezeichnet. Dr. Fuchs Jenö, ein Jude, war es, der die Weltmeislerschaft im Fechten errang. Ing. Eugen Bernhard vom zionist. Studentenverband „Kadima" war unter 44 Teilnehmern der 8-te im 5000 Meter-Laufen; ihm ist übrigens das Malheur passiert, daß er sich im Laufen aus dem Ziel verirrle und somit Zeit verlor, sonst wäre er vielleicht Sieger geblieben. Dr. H. Jacobs, ein englischer Jude, ist unter den Stafettensiegern. Unter der ungarischen Footballmannschaft, welche bekanntlich den Trostpreis erhielt, befanden sich nicht weniger als 40°/0 Juden und nicht minder weniger dürften sie sich in anderen Mannschaften befunden haben. Ein Kurort am Tiberiassee. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat die türkische Regierung beschlossen, den „Tiberiassee" einer jüdischen Gesellschaft zu verpachten, an deren