Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 21 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 „Neue älteren Zeit nur deutsch spreche, worauf Se. Majestät huldvoll nickend die Konversation in deutscher Sprache fortsetzte. An Oberrabbiner Schreiber richtete der König die Frage: „Wo haben Sie studiert?" und „Wie geht es in Pozsony?" Hart stein wurde gefragt: „Gibt es viel in der Kanzlei zu tun?", worauf dieser erwiderte: „Zwanzigtausend Briefe expedieren wir in einem Jahre". Advokat Dr. Kaba, der die Militär-Jubiläumsmedaille trug, wurde gefragt, bei welchem Regiment er gedient hat. Dann setzte der König das Gespräch mit dem Präsidenten Frankl fort, dessen Inhalt gewiß für die weiten jüdischen Kreise von großem Interesse sein dürfte. König: „Wie steht es mit der Religiosität? Gibt es viele Fromme?" Frankl: „Es wäre unbescheiden, Majestät, wenn wir uns selbst als fromm bezeichnen würden. Aber wir sind bestrebt, die Religiosität zu pflegen; darum sind wir ja orthodox . ." König: „Tun Sie es und bestreben Sie sich auch! Denn Hauptsache ist Religiosität! Ist die Zahl der Orthodoxen groß?" Frankl: Mit Ausnahme der Hauptstadt, wo die Existenzbedingungen den streng religiösen Lebenswandel besonders erschweren, sind wir im ganzen Lande in überwiegender Majorität, es gibt ganze Gegenden, wo sämtliche Gemeinden ausnahmslos orthodox sind." Kön ig: So? Das freut mich! Doch wie zahlreich ist die Orthodoxie?" Frankl: „Wir bilden zirka zwei Drittel der gesamten Judenschaft Ungarns." König: „Das freut mich." Damit war die Audienz zu Ende. Rußland. Ein jüdischer Sieg in Warschau. Warschau, den 22. Oktober. (O r i g.-M i 11.) Das Unglaubliche ist geschehen. In Warschau, dem Herzen Polens, wo die Juden kaum ein Drittel der Bevölkerung bilden, haben sie bei den Wahlen der Wahlmänner für die Duma die Majorität erobert. Unter 80 Wahlmännern sind 46 Juden. Sie haben es in der Hand, einen jüdischen Duma-Abgeordneten für Warschau zu wählen. Daß es soweit gekommen ist, daß sich die Juden endlich aufgerafft und in nationaler Begeisterung den Kampf aufgenommen haben, das haben die Polen allein verursacht. Die antisemitische Haltung des Polenklubs in der Duma anläßlich der Beratung der Städte-Ordnung für Polen, bildete für die Juden den Ausgangspunkt der Wahlagitation. Sie wollten vom bisherigen Abgeordneten, dem Allpolen D m o w s k i, nichts mehr wissen und verlangten die Aufstellung des freisinnigen Polen. Offenbar gibt es aber in Warschau keinen. Selbst Herr Kucharzewski, den die progressiven Polen aufstellen, hat es abgelehnt, für die unbeschränkte Gleichberechtigung der Juden in Polen einzutreten. So blieb den Juden nichts anderes übrig, als den Kampf aufzunehmen — mit Erfolg. Da Herr Dmowski als Wahlmann durchgefallen ist, kommt er nicht mehr in Betracht. Kucharzewski ist der einzige 1-Zeitung" Seite 7 polnische Kandidat, der für jeden selbstbewußten Juden unmöglich ist. Die nationalen Juden kandidieren nun Dr. Dawidson; die charakterlosen Moschkos wählen und intr guieren im geheimen, um die chassidischen Wahlmänner — die Moschkos selbst haben keine Wahlmänner-Mandate erlangt — für den Polen zu gewinnen. Am 7. November findet die Dumawahl statt. Die Moschkos haben bereits zum Wunderrabbi und zum Terrorismus ihre Zuflucht genommen. Trotzdem hoffen wir das beste. SPREQrl5ddL. „Ein alttestamentarisches Ehehindernis.' Sehr geehrter Herr Redakteur! Der von Ihnen berichtete Fall, daß der Rabbiner in LiVonio die Training eines jüdischen Brautpaares nicht vollziehen wollte, weil die Braut im dritten oder vierten Gliede von einer Ehebrecherin abstamme, hat mich als modernen Menschen tief entrüstet. Der Rabbiner beruft sich auf die Tora, auf das V. Buch Moses, Cap. 13, 3. Wie Talmud und Schulchan Aruch diese Stelle interpretieren, ist hier ganz irrelevant; maßgebend ist, wie die Tora selbst sich erklärt, und da heißt es, ebenfalls im V. Buche Moses, Cap. 24, 16: „Die Väter sollen nicht für die Kinder, noch die Kinder für die Väter sterben, sondern jeder soll für seine Sünde sterben". Und wie interpretierte Gott selbst bei Ezechiel sein Wort? Der Prophet sagt: „Was ist das für ein Sprichwort, das unter Euch im Lande in Umlauf ist, in dem ihr sprechet: „Die Väter aßen saure Trauben, und die Zähne der Kinder sind stumpf. So wahr ich lebe, spricht der Herr, solches Sprichwort soll nicht mehr unter Euch gehen in Israel. Denn siehe .... welche Seele sündigt, die soll sterben .... Der seine Hand vom Unrechten kehret, keinen Wucher und Ueberschuß nimmt, sondern meine Gebote hält, und nach meinen Satzungen lebt, der soll nicht sterben um seines Vaters Missetat willen.... So sprechet Ihr; warum soll denn ein Sohn nicht tragen seines Vaters Missetal? Darum, daß er recht und wohl getan, soll er leben. Denn welche Seele sündigt, die soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Missetat des Vaters und der V a t e r s o 11 n i c h t t r a g e n d i e M i sse ta t des Sohnes." (Ezech. Cap. 18, 3-28). So hat Ezechiel vor etwa dritthalb Jahrtausenden entschieden. Und wie entscheidet ein moderner Rabbiner von heute?! Ein Laie. 0LL6N WEI£G«L6N Große Wohltätigkeits-Stiftungen. Wie wir bereits berichteten, hat Dr. B o n d i in Prag mehr als eine Million Kronen hinterlassen, von denen er den weitaus größten Teil zu wohltätigen Stiftungen testierte. Mehr als 200.000 Kronen hat er seinen Verwandten hinterlassen; verschiedenen Vereinen hat er an 300.000 Kronen testiert und den Rest von mehr als 500.000 Kronen hat er der Kultusgemeinderepräsentanz tetiert. Ueber die Verwendung dieses Betrages, der wohltätigen Stiftungen gewidmet werden soll, hat ein sechsgliedriges Komitee zu entscheiden, das der Verblichene in seinem Testamente selbst genannt hat. Es sind cies die Herren: Präsident der Kultusgemeinderepräsentanz Dr. Rosenbacher, Vizepräsident Landesschulrat Dr. Bendiener, die kais. Räte Robert Fuchs und Hahn, Juwelier Liebers und sein Neffe Advokat Dr. L i 11 n a. Von den testierten 300.000 Kronen entfallen auf den jüdischen Spitalbauverein und das neue isr. Siechenhaus je 80.000 Kronen, für die Lamm eisen e Stiftung 40.000 Kronen und für den Nächstenliebeverein 30.000 Kronen.