Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 21 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung* Nr. 21 Reminiscenzen. Die in der letzten Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes erwähnte Behauptung eines «alten Mannes", bezüglich der Beruf»ng Dr. Jellineks nach Wien, beruht teilweise auf Wahrheit. Vor vielen Jahren hat G. Wolf, wenn ich nicht irre, in der „Neuzeit" erzählt, daß er, als er im Sommer 18.55 eine Ferienreise nach Deutschland unternahm, vom Wiener Kultusvorstand ersucht wurde in Leipzig an einem Sabbathe, da gerade Dr. Jellinek ~ den er bis dahin noch nicht persönlich kannte — predigen wird, die Synagoge zu besuchen. Wie sehr aber war er überrascht, als er den genialen, geistvollen Prediger, der fast vor leeren Bänken sprach, einen höchst gediegenen meisterhaften Vortrag mit großer Begeisterung abhalten hörte. Dieser seiner Bewunderung hatte er dann spater dem Wiener Vorstande gegenüber entsprechenden Ausdruck verliehen. Daß jedoch Jellinek nicht, ohne vorher einen Probevortrag, oder richtiger, eine „Gastpredigt" gehalten zu haben, akzeptiert wurde, ist aus folgenden Notizen in den „Wiener Mitteilungen" vom Jahre 1856 klar und deutlich zu ersehen. In Nr. 12, vom 17. März 1856, heißt es: .Vorigen Samstag haben bereits die Probepredigten begonnen, und zwar eröffnete den Reigen Herr Rabbiner Dr. M e i s e 1 aus Stettin .Er erfreute sich bereits eines guten Rufes seit jener Zeit, wo derselbe im Jahre 1846 in Prag predigle. Indem wir uns vorbehalten, nach dem Schluß sämtlicher Probepredigten ein Resume zu geben, wollen wir hier nur die Herren namentlich anführen, die zu Probepredigten außer Herrn Dr. Meisel berufen sind. Herr M. Singer, Rabbiner in Mergentheim in Würtemberg, Herr Dr. Biedeberg, Prediger in Posen, Herr Dr. Joel, Lehrer am Seminar in Breslau. — Diese vier Herren werden die Probepredigten bereits vor Pesach abgehalten haben. Nach der Festzeit treffen ein Herr Dr. Jellinek Prediger in Leipzig und Herr Dr. Fürst, Rabbiner in Endingen in der Schweiz*. In Nr. 16, vom 14.April 1856, der „Wiener Mitteilungen" heißt es wieder: „Dem Vernehmen nach hat Herr Dr. Jellinek auf die Konkurrenz um die hiesige Predigerstelle verzichtet. Derselbe ist erbötig, einer Einladung des hiesigen Vorstandes zur Abhaltung einer Predigt zu folgen, jedoch erst, wenn die Probepredigten vorüber sein werden. Wir werden auf diesen Inzidenzfall in unserem nächsten Artikel „Über das Bethaus in der Leopoldstadt" zurückkommen. Endlich in Nr. 45, vom 3. November 1856, der „Wiener Mitteilungen" ist folgende beachtenswerte Notiz zu lesen: „Herr Dr. Adolf Jellinek, der rühmlichst bekannte Kanzelredner aus Leipzig, ist bei seiner Durchreise durch Wien von dem geehrten Kultus-Vorstande eingeladen worden, im hiesigen Tempel eine Gastpredigt zu halten." Aus diesen drei Notizen des sehr gut informiert gewesenen Letterisschen Blattes ist deutlich zu entnehmen, daß der selige Jellinek, ehe er hier zum Prediger ernannt wurde, wohl keine Probe-, sondern eine Gastpredigt gehalten habe. Bei dieser Gelegenheit gestatte ich mir hier nur no h eine, auf die Stiftung der seligen Frau Elise Herz, geb. Lämel, bezughabende Notiz der „Wiener Mitteilungen" — aus der die antisemitischen Journalisten der Gegenwart ersehen mögen, daß sie ihren Berufs- und Gesinnungsgenossen der damaligen Zeit an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit weit nachstehen — zu reproduzieren: In Nr. 7 vom 11. Februar 1856 der „Wiener Mitteilungen" heißt es: „Herr Anton Langer, einer der talentvollsten jüngeren Dichter für die Volksbühne, spricht sich im letzten Hefte des von ihm redigierten Volksblattes, aus Anlaß der Stiftung von Frau Elise Herz, geb. von Lämel, in einer so ehrenvollen Weise über seine Stellung zu den Bekennern des Judentums aus, daß wir uns verpflichtet halten, in unserem Blatte davon Akt zu nehmen: „Der Gott, der auf die Herzen schaut, wird gewiß seinen reichsten Segen auf das Haupt einer edlen Frau, die in unserem halten, trockenen Jahrhundert ihres Gleichen sucht, ausströmen. Es gibt Leute, die unser Volksblatt, weil es manchmal jüdische Arroganz kampelt, einen Judenfeind oder Judenfresser heißen. Da sei Gott vor! Mir gilt Christ und Jud gleich, und mit Freuden erzähle ich jeden schönen Zug von Israeliten. Mit Freuden nenn' ich die edle Frau Herz, Der Platz wird mir zu klein, um alles aufzuzählen, was dieser Engel in Menschengestalt, diese Mutter der Armen, schon getan usw. Und nicht einmal ihren Namen wird die Stiftung in Jerusalem führen, sondern ,Simon v. Lämclsche Stiftung' heißen, nach dem Namen ihres verewigten Vaters. Ihre Töchter, denen sie eine treffliche Erziehung gegeben, sehen mit Freuden auf die Mutter; wir aber, der Judenfeind, der Judenfresser küssen mit Tränen der Rührung die edle Hand der Jüdin und rufen unseren christlichen Brüdern zu: Gehet hin und tut desgleichen!" So dachten und schrieben die Judenfeinde in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Wie ganz anders denken und schreiben die offenen, wie die verkappten Antisemiten der modernen Zeit! Am itai. Gegen den Mädchenhandel. Die Tätigkeit der „ICA" erstreckt sich neben der Sorge für den wirtschaftlichen Schutz der notleidenden und verfolgten Juden auch auf den Schutz der kulturellen und moralischen Interessen der jüdischen Volksmassen. In letzterer Richtung gibt es noch viel zu tun. In den östlichen und südöstlichen Ländern Europas grassiert eine furchtbare, moralische Pest, gegen die von jüdischer Seite bisher noch viel zu wenig vorgekehrt wurd?, wiewohl sie an dem Mark unseres Volksorganismus nagt: der Mädchenhandel. Es bestehen bisher drei Organisationen in England und Frankreich, die den Mädchenhandel bekämpfen und sie werden alle von der „ICA" unterstützt. Wir lesen darüber in ihrem letzten Berichte (S. 362 fg.) folgendes: Jüdischer Verein zum Schütze von Mädchen und Frauen. (Jewish Association for the Protection of Girls and Women). Dieser Verein hat die Aufgabe, jungen jüdischen Mädchen zu helfen, die nach London kommen, um sich dort eine Stellung zu suchen oder die sich dort nur vorübergehend aufhalten und dann ihre Reise über den Ozean fortsetzen wollen. Man läßt ihnen tätige Hilfe angedeihen, indem man sie in gute Absteigquartiere weist, ihnen Arbeit verschafft und sie ganz besonders gegen die M ä d ch en h ä nd 1 er schützt. Die hauptsächlichste Aufgabe dieses Vereines besteht darin, die jungen Mädchen am Bahnhof zu empfangen. Seine Vorsteherinen postieren sich an allen großen Bahnhöfen Londons, an denen internationale Züge ankommen oder abfahren. Auch in den Docks, wo die großen Schiffe, die von nordeuropäischen Häfen kommen, anlegen, sieht man diese humanen Damen. So wurden im Jahre 1911 allein 660 Schiffe, die 18.924 Passagiere trugen, überwacht und 5 4 1 junge Mädchen in Obhut gekommen. Diese brachte man an die Adressen, wohin sie empfohlen waren, wenn sie jedoch weiter fahren wollten, zu den Abfahrtsbahnhöfen oder zu den Schiffen, auf denen sie ihre Reise fortsetzen wollten, oder sie wurden schließlich in die Gasträume dieses Vereines oder zu Personen gebracht, von denen man mit Recht annehmen kann, daß sie sich in richtiger Weise ihrer annehmen würden. Auch die Bureaux, die dieser Verein in der Provinz unterhält, beschäftigen sich intensiv mit der Uebernahnie von Emigrantinnen und Ueberwachung der