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Neue Nationalzeitung · 1912-10-25 · Heft 21 (25.10.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 21 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 rauf zurückzuführen, daß die Juden, selbst unter schlechten ökonomischen Verhältnissen, es vorziehen, in den Vereinigten Staaten zu verbleiben, als nach ihren Heimatländern zurückzukehren, wo sie politischer und sozialer Verfolgung ausgesetzt sind. Das ist auch die Ursache, weshalb die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten viel schneller wächst, als diejenige aller übrigen Nationalitäten. Da die Juden ferner mit der ausgesprochenen Absicht, im Lande zu verbleiben, herüberkommen, ist die Assimilationstendenz *) dieser Volksgruppe eine ausgesprochene und beabsichtigte, ihr Aufgehen in die amerikanische Gesellschaft ein schnelleres, als bei allen übrigen Nationalitäten. Die politische und gesellschaftliche Stellung der Juden in den Vereinigten Staaten steht unter diesen Umständen eher in einem entsprechenden Verhältnis zu ihrer Zahl als bei den übrigen Rassen. Das tritt besonders deutlich hervor bei der Präsidentenwahl, wo die Juden im Staate New-York ausschlaggebend sind und somit indirekt auf den Verlauf der ganzen Wahlkampagne einen bedeutenden Einfluß ausüben. Die Juden in Bulgarien. Wie die letzten Nachrichten aus Bulgarien melden, h.iben die bulgarischen Juden in ihrer Gesamtheit beschlossen, die Regierung in dem jetzt ausgebrochenen Kriege nach allen ihren Kräften zu unterstützen. Und das ist ja auch kein Wunder, denn die relativ kleine Zahl Juden hat sich in dem sympathischen Bulgarien über die Behandlung, die ihnen von der Regierung zu teil wird, nicht zu beklagen. Georg Brandes hat allerdings über Bulgarien keine gute Meinung geäußert. Insbesondere die bulgarische Sprache gefällt ihm nicht, weil sie die vulgärste in ganz Europa sei. Vielleicht war diese seine Anschauung noch in den achtziger Jahren gerechtfertigt. In den letzten Jahren hat sich aber dank der energischen Tätigkeit des klugen Königs Ferdinand und seiner zielbewußten Regierung viel, sehr viel geändert. Ein Beweis für die Höhe, auf welcher das bulgarische Volk steht, ist die Toleranz, mit welcher die Juden in allen Fragen von ihm behandelt wird. Im Grunde genommen sind die Bulgaren ein Agrar-Volk, sitzend auf einem fruchtbaren Stück Erde. Man nennt ja auch die Gegend, die an das Schwarze Meer grenzt, das „Mekka des Balkans". Je länger man sich dort aufhält, desto besser gefallen einem Land und Leute, deren Art und Wesen, die musterhafte Landwirtschaft der Bauern, sodaß man manchmal glauben könnte, man sei nicht im ärmsten Süden, sondern im Norden Europas. Die Juden wohnen in Bulgarien nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande unter den Bauern. Da gibt es keine „Tscherta" (Ansiedlungsrayon), keine drückenden Beschränkungen für die Juden in Handel und Gewerbe, keine Monopolisierung der Schulen für Nichtjuden, keine Zurücksetzung des Juden in der Armee. Daher nehmen die Juden in diesem Lande auch die höchsten sozialen Stellungen ein. Es ist nur jammerschade, daß in diesem kleinen Paradiese nur vierzigtausend Juden wohnen. Dafür leisten ja auch die bulgarischen Juden sehr viel für ihr Land. Sogar um die Entwicklung der bulgarischen Armee haben sich die Juden verdient gemacht. Noch jetzt besteht ein spezielles jüdisches *) Man versteht eben in Amerika ganz etwas anderes unter Assimilation als bei uns. A n in. der Red. Reserve-Korps, das jeden Moment mobilisiert werden kann, vielleicht schon in diesem Augenblick mobilisiert ist. Dieses wurde bereits im Jahre 1878 von jüdischen Freiwilligen gegründet, als Bulgarien mit Serbien Krieg führte. Und nur durch die Tapferkeit dieses jüdischen Freiwilligenkorps ist es damals den Bulgaren gelungen, dem Feinde einen wichtigen strategischen Punkt zu nehmen . . . Die bulgarischen Juden haben in der Skuptschina ein Mandat, einen Vertreter im Senat, sind angesehene Männer und kandidieren auch für Ministerportefeuilles. Im allgemeinen genießen die Juden in Bulgarien großes Ansehen. Wenn hie und da Gerüchte über Pogrome verbreitet wurden, so beruhen diese auf Erfindungen und bewußten Lügen. Äußerst charakteristisch für die Zufriedenheit der Juden in Bulgarien ist folgendes Ereignis. Vor zwei Jahren hat die spanische Regierung einen Bevollmächtigten nach der Türkei geschickt, damit er die Spaniolen bewegen sollte, sich in Spanien ständig niederzulassen. Als er sah, daß er dort unter den Juden keinen Erfolg hätte, begab er sich nach Bulgarien, um dort sein Glück zu versuchen und dort die Nachkömmlinge der aus Spanien vertriebenen Sephardim zu überreden, ihr Domizil nach Spanien zu verlegen. Aber auch hier fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, Bulgarien zu verlassen, obwohl sich unter den bulgarischen Juden 95 Prozent Sephardim befinden, deren Muttersprache spanioiisch ist und bei denen sich spanische Literatur noch bis heute erhalten hat. Wie alle Sephardim, sind auch die bulgarischen Juden gesunde, kräftige Menschen, denen es auch an gesunder Auffassung und Intelligenz nicht mangelt. Sie sind konservativ und halten an der alten jüdischen Tradition fest. Die meisten von ihnen tragen europäische Kleidung, ihr Familienleben ist jedoch noch ganz altfränkisch geartet. Während die bulgarischen Bäuerinnen noch in ihrer Mehrzahl Hosen tragen, gehen jedoch die jüdischen Frauen auf der Straße verschleiert und tragen die „Faraschah", ein zweimal zusammengelegtes orientalisches Kleid. Was das jüdisch-religiöse Leben in Bulgarien anbetrifft, so sind die verschiedenen Gemeinden mit allen nützlichen und nötigen Institutionen und Anstalten versehen. Die jüdischen Gemeinden sind autonomisch organisiert und ihr Haupt, der Cha Cham, (der Titel „Baschi" ist heute in Bulgarien abgeschafft) steht unter dem besonderen Schutz der Regierung. Die kleine Spannung, die zwischen Sephardim und Aschkenasim bestanden hat und an deren Beseitigung alle besseren Kreise in Bulgarien arbeiten, wird wohl dadurch bald als aufgehoben zu betrachten sein, daß zum Haupt-Chacham in Sofia Dr. Ehre npreis berufen wurde. Denn dank seinen Bemühungen ist in Sofia eine der schönsten Synagogen in Europa erbaut worden, die vor wenden Jahren in Gegenwart des Königs Ferdinand eingv.veiht wurde. Assimilation, Taufe sind den bulgarischen Juden etwas ganz unbekanntes. Aber ein heftiger Kampf wird hier gegen die „Allianz"-Scbulen ausgefochten. Deshalb eröffnen die Gemeinden eigene Schulen. Und zum Staunen Europas lernen hier christliche Kinder in jüdischen Schulen, obwohl ja die bulgarische Regierung auch für die Bildung und Entwicklung ihres Volkes sorgt. Sogar ein jüdisches Institut für schöne Künste befindet sich in Sofia, an welchem Professor Schatz, der Begründer des „Bezalel" eine Zeillang gelehrt hat.

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