Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Ein alttestamentarisches Ehehindernis. Unsere Monarchie gehört no h zu jenen wenigen Staaten, wo die konfessionelle Ehe besteht und daher für Juden die Ehehindernisse des mosaisch-talmudischen Rechtes bindend sind. Nachstehender Fall wird daher unsere Leser gewiß interessieren: Der erste Rabbiner von Livorno wollte jüngst die Trauung eines jüdischen Brautpaares nicht vollziehen. Die Braut stammt im dritten oder vierten Gliede von einer Ehebrecherin ab, die im Jahre 1832 vom Rabbinertribunal verurteilt worden war. Die Ehebrecherin war geständig und das Rabbinertribunal zuständig, weil durch einen Erlaß des Qroßherzogs von Toskana vom 17. Dezember 1817 und durch ein Rundschreiben vom 2. September 1822 der jüdische Ritus für die Eheschließung unter den Juden maßgebend gemacht worden war. Der jetzige Rabbiner beruft sich bei seiner Weigerung, die Trauung zu vollziehen, auf den 3. Vers des 23. Kapitels im fünften Buch Moses, wo es heißt, daß Bastarde nicht durch eine gültige Heirat in die israelitische Gemeinschaft eintreten können, und ihre Nachkommen ebenfalls bis in alle Ewigkeit davon ausgeschlossen sein sollen. Die zurückgewiesene Braut ist nicht nur moralisch, sondern auch materiell geschädigt, weil sie ohne Vollzug der religiösen Trauung nicht eine Zuwendung aus einer Stiftung erhalten kann, auf die sie Anspruch macht, und sie hat deshalb gegen den Rabbiner und die Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Livorno einen Prozeß unternommen. Ueber diesen Vorfall war Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang so freundlich, uns nachstehendes Gutachten mitzuteilen: Sehr geehrter Herr Doktor! Der Fall in Livorno ist traurig. Nach meiner Ansicht aber gibt es keine andere Auslegung und Anwendungsmöglichkeit der betreffenden Vorschrift der Thora (V. B. M. Cp. 23. V. 3). Die Interpretationen des Talmud (Jebamoth 49 a, Kiddusehin 66 b, 74a, b), und der Ritualcodices (Rambam: Issure bioh XV, 21, 22; Tur eben haesir IV. Schulchan Aruch eben haes. IV, 13 etc. etc.) lassen eine andere Auffassung nicht zu. Für die sicher gestellte Tatsache gibt es keinen Ausweg. Ich müßte aber genaue Einsicht in den Akten gewonnen haben, die den Fall behandeln, um ein Urteil fällen zu können. Hochachtungsvoll Dr. Feuchiwang. KfiDRRgSPONWNZeN Oesterreich-Ungarn. Die Neuwahlen für den Kultusvorstand. Wien. Wie wir erfahren, dürften die Neuwahlen in den Kultusvorstand am Sonntag, den 24. November, stattfinden. Es gelangen diesmal zur Besetzung vierzehn Mandate und zwar in der allgemeinen Kurie neun Mandate der Herren: Dr. Anselm Halpern, Emanuel Hoff mann, Dr. Gustav Kohn, Prof. Dr. Isidor Po 11 ak, Leopold Simon, Adolf Schramek, Dr. Maximilian Steiner, Dr. Alfred Stern und des verstorbenen Max Frank (letzteres bloß für zwei Jahre); in der höheren Kurie fünf Mandate der Herren: Moritz E i s s 1 e r, Dr. Leopold Kohn, Dr. Arthur K u r a n d a, Max Z i r n e r und des verstorbenen David v. Guttmann (letzteres nur für vier Jahre). Für dieses Mandat ist einer der beiden Barone Rothschild in Aussicht genommen — falls er es annimmt. Auch für die allgemeine Kurie werden Kandidaten gesucht. Natürlich denken die „maßgebenden" Herren nicht an jüngere, arbeitsfähige Kräfte, sondern es werden „verläßliche" Pensionisten bevorzugt, die im Staatsdienste alt und grau geworden sind und nun für die Seitenstettengasse eine Staffage abgeben sollen. Wir wissen nun also wenigstens, wozu noch pensionierte jüdische Hofräte zu gebrauchen sind. G5M21NöS=un& V5R(5iNSNÄUWiUWW Wien. „Bethausverein Adass Jeschurun" (fX., Pfhiggasse 5). Am 29. d. M. fand im Bethausverein Adass Jescfiurun in Anwesenheit der Vertretungen zahlreicher Tempel und Bethausvereine und vieler Gäste die Feier der Einweihung einer neuen TJioraroNe statt, die einen sehr schönen Verlauf nahm. Nach einer schwungvollen Begrüßungsansprache des Vereinsohmanncs, Hof- und Gcrichtsadvokaten Dr. Siegfried Ha Iber st am, trugen über seine Einladung zunächst die anwesenden Herren Rabbiner sodann die anderen Festgäste die letzten Buchstaben in die neue Thoraroile ein, worauf dieselbe unter Vorantragurig sämtlicher ausgehobener alten Thorarollen feierlich zur Bundeslade gebracht wurde, wobei die Festgesänge von Herrn Oberkantor Leopold Müller (Schitfschul) mit Meisterschaft zur Geltung gebrach twurden. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Ba c h. Lemberg. (Die VI. Konferenz der sozialistischen Partei „Poale Zion".) Donnerstag, den 3. d. M., begann im schön geschmückten Saale des „Jad Charuzim" die für die drei Tage anberaumte VI. Konferenz der österreichischen Organisation der sozialistisch-zionistischen Partei „Poaie Zion". Das Interesse, welches dieser Konferenz nicht nur in Partei kreisen, sondern auch seitens der polnischen Presse entgegengebracht wurde, war mit Rücksicht auf das Programm der Konferenz ein sehr großes und äußerte sich in den ausführlichen Berichten, welche die hiesigen 'Zeitungen über die Verhandlungen brachten. An der Konferenz beteiligten sich ungefähr 200 Delegierte aus ganz Oesterreich. Die Eröffnungsansprache hielt Ingenieur K a p 1 a n s k i aus Wien, welcher das Programm für die nächste Zeit entwickelte. Nach den Begrüßungsansprachen seitens des Repräsentanten des zionistischen Zentralkomiteesin Berlin und der poalezionistischen Organisationen erfolgte die Wahl des Präsidiums. Redakteur Locker erstattete den Rechenschaftsbericht der Parteiexekutive, woran sich eine lebhafte Debatte knüpfte. Die weiteren Referate wurden von Kaplanski, Dr. Schipper, Dr. Rosenfeld, Herz und Locker erstattet. Die Wahlreform zum galizischen Landtag wurde eingehend behandelt und die Stellungnahme des jüdischen Proletariats zu derselben präzisiert. Großes Interesse rief bei den Delegierten das vom Ing. Kaplanski gehaltene Referat über die Arbeit der PoaJe Zion in Palästina hervor. Ueber „Die jüdische Kultur" referierte Dr. Schipper aus Tarnow und wurden seine tief durchdachten Ausführungen lebhaft akklamlert. Redakteur Locker besprach die Verhältnisse der poalezionistischen Partei zu den anderen Parteien im Lande und unterzog die letzteren wegen ihrer Stellungnahme den Juden gegenüber einer scharfen Kritik. Dr. Rosenfeld's Referat über die nationale Autonomie der Juden rief eine lebhafte Debatte hervor, an der sich viele Delegierte beteiligten.