Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425878--2507-2428944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Neue National-Zeitung" Jerusalem geschickt wird und die sie neben ihren wertvollsten und heiligsten Schätzen aufbewahren. Der Brauch mit der Palästinaerde hat eine symbolische Bedeutung: Die aus religiösen Gefühlen herzuleitende Sehnsucht des im Exil lebenden orthodoxen Juden ist, in Palästina zu sterben und dort begraben zu werden. Bei jenen, die nicht das Glück haben, in Zion zu sterben, wird, um die Illusion herzustellen, daß die Gebeine in Palastina ruhen, Palästinaerdc unter das Haupt gebettet. Hierauf umgingen sieben Aelteste die Leiche siebenmal, wobei sie Gebete verrichteten. Machher wurde der Befehl erteilt, die Tragbahre bereitzuhalten. Die Bretter, auf denen die Leiche ruhte, wurden einem langen Tisch entnommen, auf welchem der Verstorbene an Samstagen und Feiertagen mit seinen Anhängern und Jüngern gespeist hatte. Diese sehr primitive Tragbahre wurde am Eingange des Palastes auf den Stiegen bereitgehalten, indessen die Mitglieder der Familie vom Toten Abschied nahmen. Ein markerschütternder Schrei durchbebte die Luft, als die jMutter und die Gattin mit ihren fünf Kindern ins Totenzimmer geführt wurden. Der Abschied bestand nur darin, daß sie den 'Namen des Verstorbenen unter einem lauten Stoßseufzer nannten und dauerte kaum drei Minuten. Die Frauen begaben sich hierauf in ihre Gemächer und warteten am Fenster, klagend und weinend. An dem Leichenbegängnis teilzunehmen, ist den weiblichen Mitgliedern der Familie, auch der eigenen Mutter und der Gattin, nicht gestattet. Nur der älteste Sohn, ein sechzehnjähriger bildhübscher Junge, durfte dem Vater das letzte Geleite geben, durfte aber nicht hinter der Tragbahre gehen, sondern mußte auf Umwegen direkt auf den Friedhof geführt werden, wo er die Leiche erwartete. Auf dem Friedhofe spielten sich unbeschreibliche Szenen a'\ Die Frauen rissen sich die Tücher vom Kopfe, zerrauften das Haar, während die Männer sich in die Brust schlugen. Viele warfen sich auf das Grab und waren nicht wegzubringen. Auf den Grabeshügel wurde ein Kasten gestellt, der oben und am Boden offen ist. Während des Trauerjahres erscheinen die Gläubigen und bringen Opfer dar, indem sie hebräische Briefe an den Rabbi in den Kasten werfen. * * Der neue Rabbi von Sadagora. Kurze Zeit nach dem Tode Aron Friedmanns, des Großrabbiners von Sadagora, trat der starke Anhang des Verstorbenen zusammen, um über die Frage der Nachfolge zu beraten. Nach einer eingehenden Besprechung, in der zahlreiche Rabbiner von Ruf zum Nachfolger Rabbi A r o n s vorgeschlagen wurden, fiel die Wahl schließlich auf den ältesten Sohn des Verstorbenen. Der neiigewählte Rabbi M o 11 e 1 Friedmann steht gegenwärtig im 16. Lebensjahre und wird nach der Tradition der Familie als Oberhaupt der chassidischen Gemeinde und auch als Familienoberhaupt fungieren. „Die Lämelschule in Jerusalem." Auf unseren unter obigem Titel am 13. September 1912 (Nr. 18) publizierten Artikel erhalten wir nunmehr vom ersten Sekretär der Wiener Kultusgemeinde, Herrn kais. Rat Dr. Lieben, eine „Richtigstellung". Wir empfehlen die Lektüre dieser Art von „Richtigstellung" der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser. Sie betont nämlich mit Aplomb, daß die Schuie auch weiterhin den österreichischen Charakter beibehalten werde . . . Ueber unsere eigentliche Kritik,' daß nämlich der Wiener Kultusvorstand aus Indolenz und Mangel an jedem Interesse für das heilige Land diese einzige österreichisch-jüdische Institution in Palästina preisgegeben und in den Besitz des Berliner Hilfsvereines übergeben hat, geht die „Richtigstellung" ganz hinweg. Da steckt ja des Pudels Kern! Eine Wiener Jüdin hat die Schule gestiftet, das StHtungsvermögen ist in Verwahrung des Wiener Kultusvorstandes — aber das Eigentum und die Verwaltung der Nr. 20 Schule werden an Berlin überlassen. Wo bleibt das Prestige des Kultusvorstandes? ihm genügts, wenn bei festlichen Anlässen die schwarz-gelbe Fahne gehißt wird. Wenn es nur sonst nichts kostet . . . Der Brief des Herrn Dr. Lieben hat nachstehenden Wortlaut: Wien, 2. Oktober 1912. An die geehrte Redaktion der „Neuen Nationalzcidtng" Wien. Sehr geehrte Redaktion! Als einer derjenigen, die sowohl die Entstehungsgeschichte der „Edlen von Liimelstiftung" und der Lämelschule in Jerusalem, wie auch jede Phase der späteren Entwicklung dieser Anstalt aus eigener Erfahrung und Anschauung genau kennen, bitte ich Sie, der nachstehenden Richtigstellung des in Nr. 18 Ihres gesell. Blattes über die Lämelschule erschienenen Artikels Raum zu geben: Es ist nicht richtig, daß die Lämelschule, als österreichischjüdische Institution aufgegeben wurde und es entspricht auch nicht den Tatsachen, daß „das einzige jüdische Institut in Palästina, welches an Festtagen die schwarzgelbe Fahne hisste, seineu österreichischen Charakter verloren" habe. Wahr ist vielmehr, daß -der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sowohl in seiner Vereinbarung mit dem Frankfurter „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" im Jahre 1887, als auch in der Korrespondenz mit dem „Hilfsverein der Deulsclien Juden" — über dessen Vertrag mit dem Frankfurter Verein der Vorstand der israel. Kultusgemeinde übrigens noch keinen cndgiltigen Beschhiß gefaßt hat als grundlegende Bedingung die Forderung gestellt hat, daß der österreichische Charakter und die Bestimmungen des Stiftshriefes der Lämelschule in Jerusalem in jeder Beziehung gewahrt bleiben müssen. Der Frankfurter Verein hat dieser Bedingung auch stets entsprochen und daß der „Hilfsverein der Deutschen Juden" von dieser Forderung des Vorstandes der Wiener israel. Kultusgemeinde gleichfalls unterrichtet wurde und sie zu erfüllen sich verpflichtet, geht aus einer an den Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gerichteten Zuschrift des genannten Vereines vom 15. August 1912 hervor, in welcher es wörtlich heißt; „. . . . Demgemäß werden wir unser Verhalten in Bezug auf die Simon Edle von Lämel'sche Schule in Jerusalem sowohl nach den Bestimmungen des Stiftbriefes über diese Anstalt als auch nach der erwähnten Vereinbarung vom Jahre 1887 einrichten. Jnsbesonders betonen wir, daß unsererseits alles geschehen wird, damit wie bisher der Charakter der Lämelschule als einer Österreichischen Anstalt in jeder Weise gewahrt und zum Ausdrucke gebracht werde." Zum Schlüsse betone ich noch, daß der Direktor der Lämelschule, Herr Ephraim Cohn, anlässlich seiner Anwesenheit in Wien im Juli d. J. in einer Unterredung über die Lämelschule besonderen Wert darauf legte, mir gegenüber zu versichern, daß der Charakter der Lämelschule als einer österreichischen Anstalt in jeder Weise gewahrt und zum Ausdrucke gebracht wird. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Theodor Lieben. Wir bitten unsere Freunde, die „Neue National-Zeitung" überall in Lokalen und auf den Bahnhöfen, in Lesehallen, Cafes, Hotels, Restaurants und Vereinen zu verlangen.