Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Der jüdische Adel in Österreich. Während in Ungarn der Adel an Juden erst seit zirka 60 Jahren verliehen wird, ist diese Auszeichnung den Juden in Oesterreich schon zu einem viel früheren Zeitpunkt zuteil geworden. Der erste Jude, der in Oesterreich geadelt wurde, war Jakob B a s e v i, der mit dem Prädikat „von Treuenberg" im Jahre 1576 den österreichischen Adel als Münzmeister von Prag erhielt. Unter Kaiser Josef wurde dem Armeelieferanten Israel Honig mit dem Prädikat „von Hönigsberg" der erbländische Adel verliehen. Kaiser Franz I. verlieh den Juden auch schon den Freiherr n s t a n d, die Bankiersfamilien der Arnstein, Pereira, Kskeies, Oppenheim erhielten im Jahre 1805 und 1815 die Baronie, ebenso die Rothschilds 1822. Auch der Bankier H offin a n n wurde 1813 mit dem Prädikat „von Hoffmannsthal" geadelt. Sämtliche diese Familien mit Ausnahme der Rothschilds und eines Zweigs der Hoffmannsthals sind schon seit längerer Zeit katholisch. Kaiser Franz Josef hat zirka zwanzig Juden baronisiert, und 2war die Born, Biedermann, Heine, Erlanger, Mautner, Menasse, Todesco, Springer, Schnapper, Popper, Königswarter, Morpurgo, Waldberg, Kürschner, Schey, Kubinzky und andere. Häufiger wurde der Ritterstand verliehen, da der Besitz des Ordens der Eisernen Krone III. Klasse bis zum Jahre 1885 gleichzeitig den syslemmäßigen Anspruch auf diesen Titel begründete. So zum Beispiel: Goldschmidt, Boschan, Leon, Pollak v. Rudin, Pollak v. Klarwill, Pollak v. Borkenau, Eiß (Militäradel), Hahn, Singer, Schlesinger, Schweitzer (Militäradel), Bauer, Frankfurter, Stengel, Pfeiffer, Weiß v. Wellenstein, Weiß v. Weisach, Weiß v. Weissenhall, Sichrovsky, Taussig, Sonnenthal, Fürth, Kuh, Herz, Herzfeld, Mautner, Steingraber, Guttmann, Wiener v. Welten, Ephrussi, Gomperz, Lippmann, Nassau, Kallir, Schenk, Wechselmann, Landau etc. etc. Seit dem Jahre 1885 wurde der Ritterstand direkt verliehen an die Brüder Horace und Alfons Landau, Frydmann, Doctor, Kahler, etc. etc. Die oben angeführten Freiherrn sind auch zumeist Bankiers, nur Kubinzky, Popper, Mautner und Born sind Großindustrielle. Von den Rittern ist ebenfalls ein großer Teil aus dem Bankierstande hervorgegangen. Eiß und Schweitzer sind Offiziere; Sichrovsky, Steingraber waren Staatsbeamte; Boschan, Leon, Pollak v. Rudin, Pfeiffer, Guttmann sind Großindustrielle; Pollak v. Klarwill, Singer, Nassau sind Journalisten. Der gewöhnliche Adel wurde ungefähr siebzig Juden verliehen, darunter: Porges, Loewenstein, Rappoport, Mises, Horowitz, Rosenstock v. Rosstocki, Pollack v. Parnegg und Pollack v. Parnau, Redlich, Redlich v. Vezeg, Schiff v. Suvero, Fischer, Stiaßny, Eißler v. Terramare, Mayer v. Gunthof, May v. Mayenau, Bardach (Militäradel), Leidesdorf (Militäradel), Epstein, Vivante, Richetti, Goldreich v. Bronneck, Zwicklita, Auspitz, Kraßny, Lieben, Kuffner, Inwald, Mandl v. Mauden, Neumann v. Heilwart, Cohn v. Hohenau, Pick v. Seewart (Linienschiffskapitän), Sachs, Lämel, Frankl-Hochwart, Winternitz, Pfeiffer, Gutfeld, Hollitscher, Peter, Oberländer, Klemperer, Rosenkranz, Landsberger, Fleischl, Doktor und als jüngster Emanuel v. Singer. Unter diesen geadelten Juden sind fast alle Stände vertreten, Aerzte, Advokaten, Offiziere, Industrielle, Journalisten, Gutsbesitzer, Bankdirektoren, Ingenieure und Kaufleute. Es dürfte im übrigen ziemlich unbekannt sein, daß es in Oesterreich viel mehr geadelte Juden gibt als in Ungarn, nur daß diese in Wien, Prag, Lemberg, Czernowilz verteilt leben, während sie in Ungarn fast nur in Budapest ansässig sind. Dadurch, daß sich die Nachkommen der vor längerer Zeit geadelten österreichischen Juden taufen ließen, ist auch die Zahl der geadelten Juden im allgemeinen nicht sehr groß. Der jüdische Adel in Ungarn. In Ungarn wurde vor dem Jahre 1849 kein Jude in den Adelstand erhoben, weil zu einer Nobilitierung nach dem alten ungarischen Gesetz der Reichstag seine Zustimmung geben mußte. Nachdem nun bis zu dieser Zeit der Reichstag ausschließlich aus Magnaten und Landedelleuten, der sogenannten Gentry, bestand, ist es leicht erklärlich, daß ein derartiger Adelsantrag niemals gestellt wurde. Erst nach dem Jahre 1849 bis zum Jahre 1867, wo bekanntlich noch kein ungarischer Reichstag bestanden hat, wurden einige Juden geadelt, als erster der Großindustrielle Goldberger de Buda. Der erste jüdischeBaron war Schoßberger v. Tornya 1886, was zu einer Interpellation im Reichstag Anlaß gab. Nach dem Jahre 1867 wurde die Nobilitierung als ausschließliches Recht der Krone erklärt, doch auch dann waren Adclsverleihungen an Juden selten. Erst unter dem Regime Banffy waren die Adelsverleihungen an Juden häufig geworden. In keinem Lande der Welt gibt es einen zahlreicheren jüdischen Adel als in Ungarn. Jüdische Adlige sind ja schließlich auch in Oesterreich keine besondere Rarität, jüdische Freiherren aber in Oesterreich bedeutend seltener als in Ungarn. Jüngst wurde wieder einem Juden die ungarische Baronie verliehen; dem berühmten Chirurgen Professor Emanuel v. Herczel. Benützen wir die Gelegenheit und befassen wir uns ein wenig mit der jüdischen Aristokratie Ungarns. Vielfach werden auch solche Familien dem jüdischen Adel beigezählt, die sich selber seit längerer Zeit nicht mehr als zum Judentum gehörig betrachten. (Diese sind mit einem * bezeichnet.) So können die freiherrlichen Familien v. H a r ka n y i und v. Koranyi beispielsweise nicht mehr als jüdische gelten, denn sie leben bereits in zweiter und dritter Generation als Christen. Die Barone Harkanyi sind Magnatenhausmitglieder, die Koranyis werden unter den Pairs von Ungarn vorläufig nur durch den Professor Friedrich Koranyi vertreten. Die beiden Söhne — Alexander, gleich seinem Vater ein großer Arzt, und Friedrich, Sektionsrat im Finanzministerium dürften aber bald folgen. Jüngeren Datums dagegen ist das Christentum der Barone Orosdy, Dirsztay, Levay und Wodianer. Die Wodianer v. Capriora sind eine alte Bankiersfamilie; ihr letzter lebender Sproß, der alte Baron Albert Wodianer, ist Junggeselle. Wird er einst zu seinen Vätern versammelt, so wird die Familie im Mannesstamme erloschen sein; die erste unter den jüdischen Baronsfamilien Ungarns, vor deren Gruft das Wappenschild umgekehrt wird. Die Barone Levay haben ihre Krone von ihiem als Hagestolz verstorbenen Onkel Heinrich ererbt, einem der Begründer der Ersten ungarischen allgemeinen Versicherungsgesellschaft. Die Dirsztays — aus dem Hause Fisch — sind Finanzbarone und leben in Wien. Baron Philipp Orosdy,. dessen Vater Chef der großen Exportfirma Orosdy, Back & Comp, war, ist der Schwiegersohn des Baron Peter Herzog. Von den Familien, die jüdisch blieben, sind unter den Baronen zu nennen: Die Kornfelds. Die Magnatenhausmitgliedschaft und die Baronie hatte noch der Vater der jetzigen Barone, Siegmund Kornfeld, Generaldirektor der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank, der vor wenigen Jahren starb, erhalten. Von seinen drei Kindern ist Baron Paul Direktor der Bank, die sein Vater ZU so hoher Blüte gebracht hat, Baron Moritz, Direktor der Maschinenfabriken und Schiffsbau-A.-G. Ganz-Danubius. Ihre Schwester Baronesse Mizzi, ist die Gattin des Direktors der Königlichen Fluß- und Seeschlffahrtsgesellschaft, des Ritters v. D o m o n y. Die Madarassy-Beck gehören ebenfalls zu dem finanziellen Adel Ungarns. Baron Max ist Präsident des Verwaltungsrates der Ungarischen Eskompte-und Wechslerbank, sein Sohn Baron Marcel Generaldirektor derselben Bank. Baron Julius, ein Sohn des verstorbenen Byrons Ferdinand, ist Generaldirektor der Ungarischen Hypothekenbank und Reichstagsabgeordneter. Die K o h n e r s sind Industriebarone, sehr reich und sehr wohltätig. Baron Adolf ist ein großer Musikfreund, selbst ausübender Künstler, überdies einer der eifrigsten Gemäldesammler und ein feiner Kenner. Seine Galerie ist berühmt. Baron Eugen ist in der vornehmen Lebewelt bekannt, dabei aber der gewiegteste und arbeitsfreudigste Kaufmann und Großindustrielle. Baron Alfred