Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 Orgien feiern; die kulturelle Betätigung könnte die „Hausjuden" mit der Schlachta oder mit den Wählern in Kollision bringen und darum muß sie ausgeschaltet werden . . . Da wurde aber den Herren in Frankfurt anständig heimgeleuchtet. Und das soll die jüdische Oeffentlichkeit in Oesterreich wissen, was die galizischen „Hausjuden" in Frankfurt zu hören bekamen. Herr Philipp Schiff, der Bruder des bekannten New-Yorker Philantropen Jakob Schiff, rückte den Herren besonders an den Leib. Gegenüber der Großserien Wohnungspropaganda erklärte er, daß sie sich doch lediglich auf Krakau beschränke, während das größte Elend gerade in den kleineren Orten bestehe. Herr Dr. Kahn (Berliner Hilfsverein) fragt, wie denn die Herren von der „Samopomoc" sich ihre Tätigkeit vorstellen. Sie seien doch dazu hergekommen, um darüber Aufklärung zu geben und dieser Punkt stehe als erster auf der Tagesordnung. Welche Aktionen wollen denn eigentlich die „Samopomoc" unternehmen und wie stelle sie sich die Mitwirkung der anderen Organisationen vor? Darüber fehle bisher noch jedes klare Bild. Die Herren Dr. Ascher und Dr. K a m i n k a betonen die Notwendigkeit einer kulturellen Betätigung, der die „Samopomoc* aus dem Wege gehen wolle. Herr Philipp Schiff ergriff neuerlich das Wort und bedauerte den traurigen Verlauf der ganzen Debatte. In Galizien gebe es noch viel Indolenz. Trotzdem bereits einige Jahre verstrichen sind, sei die von außen angeregte Aktion noch nicht weitergekommen. Hier unterbricht Horowitz und meint: „Weil die Mittel gefehlt haben." Schiff: „Nicht nur aus diesem Grunde." Er verweist auf den schwunghaften Mädchenhandel und das sich ausbreitende Prostitutionswesen, wogegen Herr Horowitz und Genossen bisher nichts vorgekehrt haben. Deshalb lege er mehr Gewicht auf die kulturellen als auf die ökonomischen Fragen. Das war deutlich genug. Diese Hiebe saßen fest. Nun rückte Dr. Groß mit einem Bekenntnisse heraus; er gab eine verblüffende Aufklärung zum besten, warum die „Samopomoc" bisher nichts geleistet hat. Weil im Komitee alle politischen Parteien vertreten seien. Die Anderen waren also daran schuld, daß Horowitz und Groß nicht einmal ein Arbeitsprogramm zusammengestellt haben. Dieses Argument war wenig überzeugend und so gab die Konferenz den galizischen Herren eine Marschroute auf den Weg: 1. Der Verein „Samopomoc" muß in möglichst vielen Orten Galiziens Zweigvereine ins Leben rufen, die ihm Mitgliedsbeiträge und sonstige Mittel zuführen. 2. Der Verein hat auch eine kulturelle Tätigkeit aufzunehmen. 3. Die Versammlung richtet an die Abgeordneten die Bitte, für die wirksame Ausübung des Schulzwanges einzutreten. So ist die Konferenz, der letzte Versuch, den die ICA noch unternehmen wollte, um der „Samopomoc" über die Kinderkrankheiten hinwegzuhelfen, resultatlos verlaufen. Wir sind ihr für diesen Versuch dankbar. Hier wurde es vor aller Welt klargestellt, in welch' frivoler Weise einige politische Charlatans aus dem Massenelend der galizischen Juden für ihre persönliche Ambitionen Kapital schlagen. Das Volk ist um eine Hoffnung ärmer; die Frankfurter und die Pariser Herren sind um eine Erfahrung reicher. Für beide ergibt sich aber eine gemeinsame Lehre. So lange die Geschäftspolitiker welcher Partei immer die Hand im Spiele haben, wird die Hilfsaktion nur eine leere Phrase bleiben. L. Der jüdische Adel in Oesterreich-Ungarn. Es sind nicht immer die besten Juden, die hüben und drüben in den Adelstand erhoben werden. Beispiele beweisen, daß mit der Nobilitierung einer jüdischen Familie sehr oft ihr Absturz auf der schiefen Ebene begonnen hat, deren Stationen heißen: Taufe, Degenerierung, Ruin. Man schaue sich doch den Sitzungssaal der Wiener Kultusgemeinde an: Von jenen Vorstehern, deren Porträts hier hängen, haben die meisten bereits christliche Nachkommen. Die Ahnen wurden als Führer der Juden geadelt, die Söhne haben sich getauft, die Enkel sind bereits hochfeudal: Kavallerie-Offiziere, Diplomaten, Stützen der eucharistischen Kongreß-Einberufer. Wir nennen bloß die Namen Pereira, Arnstein, Erlanger, Kubinzky, Oppenheimer usw. Allerdings gibt es diese Spezialität nur in Oesterreich. In England haben wir mehrere jüdische Lords (erbliche Mitglieder des Oberhauses), zahlreiche Baronets und Ritter (Knight), aber die in der unjüdischen Erziehung wurzelnde Leichtlebigkeit der jüngeren Generation, die das väterliche Vermögen in der christlich-aristokratischen Gesellschaft, zu der sie durch den Adelsbrief Zugang findet, verpraßt und dann das Judentum selbst als überflüssigen Ballast wegwirft, ist spezifisch Österreich-ungarisch. Zwischen Baron Hermann Königswarter von diesseits und Richard von Wahrmann von jenseits, der sich aus Not erschossen hat, besteht kein großer Unterschied. Sie sind typisch. Söhne jüdischer Notabein und überzeugungstreuer Juden haben sie sich beide getauft und haben beide ihr Vermögen im Sport angebracht. Während die Baronisierung von Juden in Oesterreich — im Gegensatze zu Ungarn — seit Jahrzehnten sehr selten vorkommt, wird alljährlich eine große Anzahl von Juden geadelt. Ihr Anspruch stützt sich zumeist auf Geldspenden für — nichtjüdische Zwecke; hie und da auch auf wirkliche Verdienste. Aber leider sehr oft ist der Adel bloß ein Uebergang zum Abfall. Dieser Abfall vollzieht sich umso rascher, je mehr der neugebackene Adelige dafür bezahlt hat. Zur Ehre gereichen können doch dem Judentum nur diejenigen, die trotz ihrer „Standeserhöhung" ihrem Volke und ihrem Glauben treu bleiben und durch ihren Einfluß denselben zu nützen bestrebt sind. Bei wie vielen ist dies der Fall? Man könnte sie auf den Fingern einer Hand aufzählen. Alle anderen laufen davon; aus ihren Kreisen rekrutiert sich jene neue Schichte, die das Material für den Semi-Gotha bildet. Wenn wir trotzdem einem jüdischen Adel in Oesterreich-Ungarn etwas mehr Raum und Aufmerksamkeit schenken, so geschieht es in erster Linie aus historischem und statistischem Interesse. Schauen wir uns diese Herren genau an, die uns bereits verlassen haben oder zum großen Teil auf dem Sprunge sind, es zu tun: