Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 19 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. A. D. Agus: Die Gemeinde ohne Esrog.*) (Aus dem Jiddischen von A. Sch.) Eines Jahres herrschte eine kolossale Teuerung auf dem Esrogim-Markt. Es war einfach unmöglich, einen Esrog zu bekommen; nicht einmal für bares Geld. In Palästina und in den anderen Ländern, wo die Esrogim wachsen, war in jenem Jahre eine Mißernte an diesen schönen Früchten, und die wenigen, die gereift sind, waren größtenteils pigmentiert, verdorben oder angefault. Von Prachtexemplaren konnte überhaupt keine Rede sein. Wie wenn der Satan es darauf abgesehen hätte, die Juden an der Ausführung der großen Esrog-Mizwah zu hindern. In dem litauischen Städtchen Lapinischok hat der Mangel an Esrogim große Scherereien heraufbeschworen — Scherereien, von denen man sich noch immer nicht erholt hat. Obwohl die jüdische Gemeinde von Lapinischok klein und arm war, besaß sie nichtsdestoweniger durch Jahre an den Sukkoth-Feiertagen einige Esrogim. In besondere guten Jahren, wenn diese schöne Frucht billig war, war das Städtchen im glücklichen Besitze sogar von einem Dutzend Esrogim: Der Rabbi, zwar ein armer Schlucker, hatte doch immer seinen eigenen Esrog. Der Dajon mit seinen Schwiegersöhnen besaß ebenfalls seinen eigenen Esrog. Reb Josie, der Schenker, einer der schönsten und angesehensten Bürger des Städtchens, pflegte auch alljährlich einen Esrog zu kaufen. Simcheh Piprtsch, ein ehemaliger Fuhrmann, der zu Reichtum gelangt war, ließ sich auch alljährlich l oder 2 Rubel für einen Esrog kosten, nicht so sehr der Mizwah wegen, sondern vielmehr, um dadurch Gelegenheit zu haben, im Beth-Hamidrasch mit seinem silbernen Esrog-Behälter zu protzen, wobei er erzählte, daß er diesen wahrhaftig in Warschau selbst gekauft hätte und daß er soviel und soviel koste. Aermere Bürger pflegten gemeinsam einen Esrog zu kaufen, und außerdem besaß noch das Beth- Hamidrasch einen Esrog zum allgemeinen Gebrauch. Im genannten Jahre war es nun Lapinischok beschieden, überhaupt ohne Esrog das Sukkothfest zu feiern. Baruch der Sofer (Thoraschreiber), der jahraus, jahrein das Städtchen und die Umgebung mit Esrogim zu versorgen pflegte, wußte noch vor Rosch-Haschanah von der herrschenden Teuerung auf Esrogim. Er schrieb daher rechtzeitig an seinen Lieferanten nach Wilna, er möge für ihn eine gewisse Anzahl Prachtexemplare aufheben. Leider erhielt er aber zur Antwort, daß er diesmal für Esrogim besserer Sorte mindestens 15 Rubel pro Stück wird zahlen müssen. Wieviel Esrogim, soviel 15 Rubelstücke, und das im vorhinein und zwar sofort, sonst habe er überhaupt keine Aussicht, heuer Ware zu kriegen. 15 Rubel pro Stück! Das war weder für Baruch den Sofer, noch auch für ganz Lapinischok denkbar. Baruch der Sofer gehörte zu jener Art Menschen, die viele Berufe und wenig Einkommen haben. Er war Sofer, Schadehen und Magid (Prediger) zugleich; er *) Im Original heißt der Titel: „Kahal ohne Esrog" — und erinnert an das in der Volkssprache sehr beliebte Zitat: »Was tut Kahal ohne Esrog?" Die Redaktion. handelte auch mit Zidakeln, Gebetbüchern, Hawdoiauskerzen, Wöchnerinnen-Zetteln und nebstbei auch mit Losen; aber bei all dem war er der Aermste der Armen. Wieviel Berufe er hatte, so viel Male pflegte er im Tage zu hungern. Das beste Geschäft hat er noch am Sukkoth mit den Esrogim gemacht. Dieses Geschäft brachte ihm nämlich soviel ein, daß er damit alle Ausgaben für das Sukkothfest decken konnte, überdies blieb ihm noch auf ein Kleidungsstück für sich, für sein Weib oder für ein Kind, in besonders günstigen Jahren sogar auch für ein Wagerl Holz zur Beheizung. Nun ists begreiflich, wie sehr ihn die Antwort seines Wilnaer Lieferanten schmerzte — kurz, er war ganz verzweifelt. Baruch brachte in seinem Schmerz den Brief aus Wilna in das Beth-Hamidrasch und zeigte ihn dem Rabbi und seinen anderen Kunden. Von den meisten erhielt er die triste Antwort: „Wenn keine Esrogim da sind, beuscht man halt nicht." Andere wieder machten eine gleichgiltige Handbewegung und sagten: „Wie's ganz Israel ergeh'n werde, wird auch uns ergehn". Einige wieder, die in die Handelsspekulationen eingeweiht waren, meinten dagegen, die ganze Teuerung sei nur der Spekulation der Lieferanten zuzuschreiben, die absichtlich drohen, um dadurch hohe Preise zu erzielen; sie werden aber später froh sein, wenn man ihnen die Ware zu billigen Preisen abnehmen werde. Man ließ nun der Sache ihren Lauf und niemand kümmerte sich mehr darum. Nur Baruch, dem Sofer, kam es nicht aus dem Sinn. Er wußte wohl, daß davon ein Teil seiner Existenz abhänge und durfte nicht gleichgültig bleiben. Er fragte also bei einem zweiten Esrogim-HändJer an und erhielt eine ungünstige Erledigung. Prachtexemplare könne er überhaupt keine mehr kriegen, war die Antwort, und wenn er nur gewöhnliche Esrogim wünsche, so könne er ihm nur eine beschränkte Anzahl schicken und dies zu 12 Ru el pro Stück im Vorhinein. Also gleichfalls weder für ihn noch für Lapinischok denkbar. Nun wandte er sich an noch einige Esrogim- Händler; aber die Antworten waren genau so ungünstig wie die früheren. Dabei war in allen besonders betont, daß er sich mit Rücksicht auf den herrschenden Mangel an Esrogim mit der Bestellung beeilen müsse; denn sonst laufe er Getahr, keine mehr zu bekommen. Er versuchte an seinen ständigen Lieferanten nochmals zu schreiben, aber diesmal erhielt er überhaupt keine Antwort. Inzwischen war schon der Rüsttag des Jörn Kippur angelangt — und von Esrogim keine Spur. Der arme Sofer ging nun gebrochenen Herzens zum Rabbi und berichtete ihm alles. Der Rabbi berief eine Versammlung und erklärte kategorisch, man müsse der Sache energisch nachgehen, da es sich doch um eine Mizwah handle, die zu den wichtigen 613 Mizwahs gehöre, man müsse also dazuschauen, daß die Gemeinde nicht, Gott behüte, ohne Esrog bleibe. Also schössen einige der reichsten Bürger des Städtchens Lapinischok auf einen Esrog zusammen, außerdem wurde auch feierlich beschlossen, einen