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Neue Nationalzeitung · 1912-09-27 · Heft 19 (27.9.1912) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 19 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 19 Esrog für die ganze Gemeinde zu kaufen. Baruch der Sofer erhielt nun den Auftrag, sofort nach Jom Kippur in eine der nächstgelegenen größeren Städte zu fahren und zwei Esrogim zu kaufen, wenn schon nicht Prachtexemplare, so doch wenigstens koschere. Mehr konnte sich Lapinischok nicht leisten. Baruch reiste also fort. Aber bis er hinkam, war kein Esrog mehr zu finden, nicht einmal als Arzneimittel. Er kehrte unverrichteter Dinge heim. Nur ein Tag trennte sie noch vom Rüsttag des Sukkothfestes — das Messer war also schon hart an der Kehle! Nun erfuhr man, daß Tarwonowka, ein Nachbarstädtchen von Lapinischok, im glücklichen Besitze von zwei Esrogim sei. Einen kaufte die Gemeinde, den zweiten erhielt ein angesehener Bürger direkt aus Palästina. Der Rabbi schickte nun einen Boten mit einem Brief an den dortigen Rabbi mit der Bitte, er möge den Bürger veranlassen, seinen Esrog der Gemeinde Lapinischok abzutreten. Sie müssten sich in Tarwonowka also mit einem Esrog begnügen. Juden dürfen in der Not einander nicht im Stiche lassen. War aber jener Tarwonowkaer Bürger ein großer Wucherer — ein Liebhaber des Geldes und genierte sich nicht, für seinen Esrog 50 Rubel zu verlangen. Wußte er doch viel zu gut, daß die Lapinischoker Juden jetzt auf ihn angewiesen seien. Er suchte seinen Wucher dadurch zu verschönern, indem er erklärte, daß die erste Broche*) auf den Esrog, die Ninuim**) und Hakofaus***), ihm Hunderte wert seien; aber da doch die Juden von Lapinischok Gefahr laufen, ohne Esrog zu bleiben, sei er zu einem Opfer bereit und wolle seinen Esrog bloß um 50 Rubel hergeben. Der Bote überbrachte diese Antwort und, das ganze Städtchen geriet in Erregung — schwarze Wölken schienen sich auf dieses unglückselige Nest herabzulassen. 50 Rubel sind für Lapinischok ein ganzes Vermögen — ein Schatz! Wo soll Lapinischok eine solche Goldgrube aufbringen?! Man schickte also einen zweiten Boten und diesem gelang es, 10 Rubel abzuhandeln. Aber immerhin 40 Rubel! Und das der letzte Preis. Nun ist bereits der Rüsttag des Sukkothfestes gekommen — die Angelegenheit durfte nicht mehr hinausgeschoben werden. Der Rabbi berief abermals eine Versammlung und nun begann die Beratung über geeignete Mittel und Wege zur Herbeischaffung der nötigen Summe. Es wurde der Beschluß gefaßt, die einzelnen Ehrenverrichtungen an dem Esrog zu verkaufen. Der Rabbi selbst gab als erster 3 Rubel für die erste Broche an dem Esrog. Josie der Schenker gab ebenfalls drei Rubel für die Ninuim der ersten Tage Sukkoth. Simche Pipatsch kaufte die erste Hakofah. Ferner wurden die Ninuim und die Hakofaus der übrigen Tage verkauft, die auch einige Rubel eintrugen. Zum Glück erhielt man für den Pitum****) allein ganze fünf Rubel. *) Segenspruch. Die vorgeschriebenen rituellen Prozeduren mit dem Esrog. ***) Umzüge. ****) Die Spitze des Esrogs. Chane-Dwore, die Tuchhändlerin, hatte nämlich den Pitum für ihre einzige Tochter Zirele, die mit ihrem ersten Kinde in der Hoffnung war, angekauft. Zwei Töchterlein brachte nämlich Chane-Dwore infolge schwerer Geburt tot zur Welt, Zirele war ihr daher wie ein Augapfel im Kopfe. Sie fürchtete sehr, Zirele könnte es mit ihrem Erstling so schlecht ergehen wie ihr, und damit, Gott behüte, kein Unglück geschehe, versorgte sie ihre Zirele mit allerlei Mitteln und Mittelchen. Und wem ists nicht bekannt, daß das Abbeißen des Pitum von einem Esrog ein wirksames Mittel zur leichten Geburt sei? Chane-Dwore erwarb daher sofort das Recht auf den Pitum — er war doch der einzige im Städtchen — damit ihr ja niemand zuvorkomme. Bis alle handelseins waren, war schon spät Nachmittag. Die Käufer brachten das fehlende Geld zusammen, auf den fehlenden Rest machte man eine Anleihe und so kam die nötige Summe für den Esrog zustande. Man schickte nun einen Christen mit Geld und Brief nach Tarwonowka um den Esrog — einen Juden konnte man nicht mehr schicken, da es schon ziemlich spät war und der Anbruch des Sukkothfestes könnte ihn noch am Rückwege überraschen. Nach Mairew (Abendgebet) fanden sich die angesehenen Juden des Städtchens Lapinischok beim Rabbi ein und warteten, bis der Christ den vielersehnten Esrog bringen werde. Aber der Bote ließ auf sich lange warten und die Versammelten beunruhigten sich ernstlich. Ein Goi, ein Säufer, er sitzt wahrscheinlich bei einem Branntweiner am Weg und sauft. Oder hat ihm vielleicht jemand den Esrog gestohlen! Wer weiß, was ihm passiert ist! Endlich ist der Bote angekommen. Der Rabbi begann nun vorsichtig, mit zitternden Händen den Esrog aus dem Packerl auszupacken und die Blicke aller waren auf seine Hände gerichtet, neugierig, was für ein Prachtexemplar der 40 Rubel teuere Esrog wohl sein müsse. Aber o weh, ein Jammer! Man fand den Esrog total zerdrückt — nämlich entzwei gespalten. Schreit man also: „Michalko, was soll das heißen?" Antwortet er, er war neugierig, zu wissen, was ihm wohl jener Jude aus Torwonowka mitgegeben hatte, er packte die Geschichte aus und betastete sie blos. Eine zarte Betastung war das! Was? Erklärt man ihm; „Was heißt, Mörder, du hast doch eine ganze Stadt Menschen abgeschlachtet!" Michalko aber macht ein Kreuz auf's andere, beschwört und beteuert, er habe die Sache nicht gekostet, nicht einmal beleckt — und seine Hände waren doch rein von Schweinernem, die Geschichte sei also koscher. Geh' red' mit einem goischen Kopf! Erklär' ihm, was Jiddischkeit heißt! Schrei hin, schrei her — die Geschichte läßt sich einmal nicht ändern! Und die Gemeinde blieb ohne Esrog. Baruch, der Sofer, ohne Verdienst, der Rabbi ohne erste Broche, Josie, der Schenker, ohne Ninuim, Simche Pipatsch ohne Hakofaus und Zirele, Chane-Dwores einziges Töchterlein, ohne Pitum. 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