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Neue Nationalzeitung · 1912-09-27 · Heft 19 (27.9.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 19 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 19 Professor David Blaustein gestorben. In einer Sommerfrische von Nordamerika ist Dr. David B1 a u s t e i n, Professor der philantropischen Wissenschaften an der Kolumbia-Universität, im 46. Lebensjahre plötzlich gestorben. Der Verschiedene war in Rußland geboren, hatte in Deutschland studiert und ist dann nach Amerika ausgewandert. Dort war er zuerst als Direktor der Educational Alliance in New-York und dann in gleicher Eigenschaft am Hebrew-Institute in Chicago tätig, weiche beide Anstalten vornehmlich den Bildungszwecken der jüdischen Einwanderer zu dienen haben. Im Jahre 1910 erhielt der Verstorbene an der Kolurttbia-Universität eine Professur für philantropische Wissenschaft, die ihm reiche Gelegenheit bot, seine Erfahrungen auf dem Gebiete der Einwanderung zu verwerten. Inmitten dieser Tätigkeit ist er plötzlich erblindet und dem Siechtum verfallen. Für kurze Zeit wieder genesen, erlag er nun einem Schlaganfall. Die amerikanische Judenheit verliert einen ihrer tüchtigsten Volksbildner. * Ruckkehr des Richters Leon Sanders nach New-York. Richter Leon Sanders, der Präsident der „Hebrew Sheltering and Imigrant Aid Society", ist von seiner Europareise nach New-York zurückgekehrt und wurde aus diesem Anlasse am 12. d. M. durch ein Bankett im Hotel Astor geehrt. Die Begrüßungsrede hielt Senator Penrose, welcher jede weitere Beschränkung der Einwanderung ablehnte, da die bezüglichen Gesetze schon die weiteste Grenze erreicht hätten. In ähnlichem Sinne sprachen noch Kongreß-Mitglied S u 1 z e r und andere. Herr Sanders hat während seiner siebenwöchentlichen Reise durch Europa für die Regulierung der Einwanderung in dem Sirfne sieht bemüht, daß bereits in Europa eine Untersuchung der Emigranten in bezug auf ihre Gesundheit stattfinden soll. Sterblichkeit unter den Juden New-Yorks. Laut den soeben erschienenen statistischen Ziffern über die Sterblichkeit in New-York ist die Sterblichkeit unter den Juden daselbst viel geringer als unter der übrigen Bevölkerung. Nach dieser Statistik 3terben im Alter von 15-25 Jahren unter den Juden 2 53 Perzent. Von den eingewanderten Irländern sogar 15.15 Perzent. Im Alter von 25—65 Jahren sterben nnter den Juden 7 99 Perzent, bei den nichtjüdischen Amerikanern 25 92 Perzent und unter den nichtjüdischen Einwanderern 2120 Perzent. KPR_R6-SPOND6NZgN Oesterreich-Ungarn. Die Neuwahlen für den Kultusvorstand. Wien. Wir erhalten nachstehende Kundmachung vom 30. September 1912: „Der Kultus vorstand bringt zur Kenntnis, daß die Wählerliste für die diesjährigen Wahlen in den Kultusvorstand zur Einsicht der Gemeindeangehörigen im Sekretariate der Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse, III. Stock, aufliegt. Reklamationen wegen Auslassung wahlberechtigter oder Aufnahme von nichtwahlberechtigten Personen sind innerhalb 14 Tagen vom heutigen Tage ab schriftlich in der Kanzlei der Kultusgemeinde einzubringen." Diesmal fehlt also der ominöse Beisatz, daß diejenigen kein Wahlrecht besitzen, die für das laufende Jahr noch nicht die Kultussteuer bezahlt haben. Diese Aenderung wurde im Frühling vom Kultusvorstande beschlossen und ist in letzter Zeit von der Statthalterei genehmigt worden. Wie wir erfahren, dürfte die Zahl der diesjährigen Wähler ca. 18.000, also ca. 6000 mehr als vor zwei Jahren betragen. * Jüdische Herrenhausmitglieder. Wien. Die öffentliche Meinung beschäftigt sich bereits mit der Frage, wer an Stelle des verstorbenen Professor Theodor Gomperz als „jüdischer Repräsentant" ins Herrenhaus berufen werden dürfte. Man nennt sogar verschiedene Namen, darunter den Bruder des Verstorbenen, Max von Gomperz, Präsident der Kreditanstalt, und Wilhelm Singer, Chefredakteur des „Tagblatt". Letzterer kommt aber jedenfalls nicht in Betracht, da er konfessionslos ist. Aber auch Max von Gomperz steht dem Judentum gerade so fremd gegenüber wie sein verstorbener Bruder. Sollten wir nicht doch endlich im Herrenhaus einen Juden bekommen, der für seine Brüder auch einmal seinen Mund aufmacht? Aber ein solcher Mann wäre gar nicht mehr nach dem Geschmacke der Regierung. Und er ist in den für diese Stelle „im Betracht kommenden Kreisen" nicht zu finden. Wäre er aber da, dann würde seine Ernennung nicht erfolgen. Vorläufig ist nur Platz da für die Neumann's, Gomperz's, Lieben's u. a. . . . Es sind eben keine Vertrauensmänner der Juden, sondern der Regierung. * Die Reichsrats-Ergänzungswahl in Neutitschein. Brünn, den 24. September (Orig.-Korr.). Die Reichsrats-Ergänzungswahl in Neutitschein, die sich gestern abspielte und die zur Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten und dem radikalen Deutschen Wolf'scher Kouleur führte, hat eine zu interessante und für die politischen Verhältnisse in Oesterreich zu markante Vorgeschichte, als daß Sie nicht auch ihre Leser darüber aufklären müßten. In diesem Wahlbezirke wurde 1907 der Sozialdemokrat Niessner, im Jahre 1911 der unlängst verstorbene Bürgermeister Jakob Ulrich gewählt. Ulrich war als Mitglied der Deutschen Volkspartei ein verkappter Antisemit, dennoch haben ihn die Juden, weil er kein prononzierter Antisemit war, unterstützt und er wurde gewählt. Jetzt kandidiert gegen Niessner der radikale Antisemit, ehemaliger Schönerianer, Dr. Bodirsky aus Wien, der im Jahre 1907 gegen Niessner in der Stichwahl unterlegen ist. Die Führer der Radikalen eilen ihm zu Hilfe und bekennen ohne jede Einschränkung ihren rassenantisemitischen Standpunkt, was sehr aufrichtig und löblich ist. Man weiß wenigstens, woran man ist. Die Entscheidung der jüdischen Wähler liegt daher klar zu Tage. Sie müssen Niessner wählen und Bodirsky bekämpfen! Die Phrasen der „liberalen" Presse von der deutschen Gemeinbürgschaft sind nichts anderes als ein Feigenblatt für politische Geschlechts- und Charakterlosigkeit gewisser Blätter, die sich des rühmlichen Titels „Judenpresse" erfreuen, weil sie die jüdischen Interessen schädigen. Die Juden waren es, die im Jahre 1907 für Niessner und gegen Bodirsky entschieden haben; heute müssen sie das gleiche tun. Denn was immer wir gegen die Sozialdemokraten einzuwenden haben, die Bodirsky's sind tausendmal ärger durch ihre nationale Hetze und ihren bornierten Rassenhaß. *

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