Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 19 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425877--2493-2428929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 mit dem Gendarmerie-Podpolkownik Iwanow und mit dem Untersuchungsrichter Fenenko, denen ich meine gesammelten Aufzeichnungen über den Tod Juszczynskis übergeben hatte. Kurz nach meiner Anzeige Heß ich meine erste, allgemein bekannte Erklärung in den Zeitungen abdrucken. DUTCfl diese wollte ich in die organisierten Reihen der Verbrecher eine Bresche schlagen. Und meine Absicht wurde auch verwirklicht . . . Als es nämlich aligemein bekannt wurde, daß ich mich mit der Entdeckung der wahren Mörder Juszczynskis auf das intensivste befasse, da kamen zu mir oft Leute, die mir über die Ermordung des Juszczynski und die Täter zuweilen sehr wichtige Mitteilungen machten. Unter diesen Personen war auch der bekannte K r as o w s k i, der gewesene Chef der Geheimpolizei, der mir auch verschiedene Vorschläge machte, die zur Entdeckung der Mörder führen sollten. Außer ihm trugen mir auch der Student Machalin und der Fürst K a r a j e w, der als politischer Häftling die Verbrecherwelt kennen gelernt hat, ihre Mithilfe an. Als sich die Situation nun so gestaltet hatte und ich so viele Hilfskräfte mir zur Seite sah, die mir helfen wollten, die weitere Untersuchung zu führen, teilten wir die Arbeit unter uns nach folgendem Plan ein: Karajew erhielt die Aufgabe, die Bekanntschaft des Bruders der Tschebiriakowa zu machen, des bekannten Verbrechers Lingajewski; Krasowski nahm die schwere Aufgabe auf sich, alle Personen auszuforschen, die vor dem Morde Juszczynskis bei der Tschebiriakowa verkehrt hatten. Andere Personen wurden mit Auf. trägen betraut, die ihren Fähigkeiten entsprachen . . . Und das Resultat unserer gemeinsamen Arbeit war wirklich ein glänzendes zu nenne»: In der kurzen Zeit von nur drei Wochen hatten wir die ganze Bande und alle ihre Mitglieder ausgeforscht. Und auch die Umstände, unter denen Juszczynski ums Leben gekommen war, lagen nun klar zu Tage. Ich übergab nun die Früchte meiner angestrengten Nachforschungen dem Untersuchungsrichter — und damit war meine Aufgabe gelöst. Sie bestand im Ausfindigmachen der Mörder Juszczynskis, deren Narnen ich ja dem Gerichte angegeben habe . . . Jetzt hat die Prokuratur das letzte Wort. Meiner tiefsten Uebcrzeugung nach muß sie den Beschluß fassen, daß B e j l i s, dessen vollkommene Unschuld klar zu Tage liegt, frei zu lassen ist. DIE JÜDISCHE EfllQRflTION. -tVH- *vr> Wohin? Die Präsidentschafts-Frage und die Einwanderung in Nordamerika Bei den bevorstehenden Wahlen werden auch die Juden ein sehr gewichtiges Wort mitzureden haben. Sie sind daher auch viel umworben. - Ein ungemein geschickter Trick von Seiten Roosevelts war die Nomination Oskar Strauß' für die Gouverneurschaft vom Staate New-York; damit zog diese Partei einen großen Teil der Wähler New-Yorks zu sich herüber. Eine sehr empfindliche Stelle im Programm des Präsidentschaftskandidaten ist die Stellungnahme zur Emigration. Da müssen sie vorsichtig sein, um bei keinem der beiden Teile anzustoßen. Speziell der. demokratische Kandidat, Professor Wilson, der sich vor Jahren in seinem historischen Werke ungemein wegwerfend über die Emigration äußerte, bekommt dies jetzt empfindlich zu spüren in mehreren jüdischen Zeitungen. Wilson versucht also zu reagieren und hat zu diesem Zwecke dem Redakteur der „Wahrheit" (jüdisch-sozialistisches Tagblatt) ein sehr ausführliches Interview gewährt — aus dem man nicht klug wird. Herr Wilson windet sich, er möchte Emigranten haben, doch mit — aber. Und darauf wollen die jüdischen Emigranten nicht eingehen; sie finden, daß der „Aber" bereits genug sei. So dürfte Herr Wilson bei den Wahlen noch Ueberraschungen erleben. Roosevelt über den Einwanderungskommissär Williams. In einem Gespräche, welches der Redakteur der New-Yorker Zeitung „Die Wahrheit" mit Theodor Roosevelt hatte, machte letzterer interessante Aeußerungen über die Zustande auf Ellis Island vmd hauptsächlich über den Einwanderungskommissär Williams. „Sie kennen" — sagte Roosevelt — „meine Stellung zu diesen Fragen und wissen, was ich diesbezüglich zur Zeit meiner Präsidentschaft getan habe. Ich ernannte Oskar Strauß zum Mitglied des Kabinetts und übertrug ihm das Ressort für Handel, öffentliche Arbeit und Einwanderungswesen. Ich mochte Ihnen bloß meine Meinung über Williams sagen, der „der Schrecken der Emigranten" genannt wird. Ich war der erste, der Williams nach Ellis Island gebracht hat, ich sandte ihn dahin, weil ich wußte, daß er ein ehrlicher Mensch ist, und dieser Posten bedurfte eines ehrlichen Menschen. Ich kam jedoch bald zur Ueberzeugung, daß Williams für diesen Posten nicht passe. Als ich einmal Ellis Island besuchte, fand ich dort eine Frau in einem Kabinett des Aufnahmsgebatides eingeschlossen, wahrend ihre Kinder in einem anderen Zimmer verschlossen waren. Diese Grausamkeit veranlaßte mich sofort, Williams zu versetzen und an seine Stelle Watchhorn zu nominieren. Wer Watchhorn war, das wissen Sie. Sie kennen meine Auffassung über die Behandlung der Einwanderungsfrage. Williams ist wohl ein ehrlicher Mensch, würde ich einen Waldheger brauchen mit der Aufgabe, die Waldbestände und das Wild zu hüten, ich würde für diese Stelle keinen geeigneteren Menschen finden, als Williams, aber nur nicht für Ellis Island. Er ist völlig ungeeignet für einen Posten, wohin Emigranten kommen, die von Menschen behandelt werden müssen, die nicht nur Verstand und Takt besitzen, sondern auch gute, weiche Herzen und menschliche Seelen, von Menschen, die ein Mitgefühl hal:en mit ihren Mitmenschen, ein Verständnis für die menschliche Natur besitzen und fähig sind, Sympathien zu bekunden, wo Sympathien am Pia ze sind. Ich weiß es wohl, daß es mitunter nicht klug und nicht praktisch ist, sich auf den Wellen von Sympathien und menschlichem Gefühl tragen zu lassen, aber es ist immer noch besser, nach dieser Richtung hin zu weit zu gehen, als in anderer Richtung."