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Neue Nationalzeitung · 1912-09-27 · Heft 19 (27.9.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 19 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 19 Wie das Kiewer Blutmärchen aufgedeckt wurde« Neue EnthüHangen von ßrasaJ-Brusikowskl. Der Journalist Brasul-Brctszkowskt, dem das Hauptverdienst an der Entlarvung der wahren Mörder juszczynski's gebührt, wird in der öffentlichen Meinung und in einem Teile der Presse als das Sprachrohr und Werkzeug des entlassenen Chefs der Kiewer Geheimpolizei Krasowski angesehen, der sich ebenfalls mit der Ritualmord-Sache intensiv beschäftigt hat. Diese Auffassung ist offenbar unrichtig. Zum ersten Male hat Brasul-Bruszkowski vor einigen Tagen einigen Journalisten einen genaueren Einblick in den Anfang und Werdegang seiner Untersuchung gestattet : wie er anfangs ganz allein und selbst von jüdischen Gemeindeführern in Kiew im Stiche gelassen, seine Nachforschungen eingeleitet und wie er sie zu einem erfolgreichen Ende geführt hat. Damit ist auch sein ausschließliches Verdienst nachgewiesen. Lassen wir ihn selbst sprechen! * Was mich 2uvörderst an Jusczyriski's Ermordung interessierte, war das geheimnisvolle Dunkel,' das diese Tat umgab. Sie interessierte mich vornehmlich als Journalisten. Als man aber aus diesem Verbrechen wieder einmal ein Ritualmord-Märchen flugs konstruieren wollte, da ging mir die Sache etwas näher und ich begann intensiver zu arbeiten, um den geheimnisvolien Schleier, der über diesem Verbrechen schwebte, zu lüften und die tatsächlichen Mörder und ihre Komplizen zu erforschen . . . Bei dieser Arbeit begegnete ich aber überall großem Mißtrauen. Bei uns in Rußland ist man ja nicht an Privatdetektiv- Arbeit gewöhnt und weiß daher auch nicht den großen Nut2en zu schätzen, welchen diese sowohl als auch die Tätigkeit der Presse in Westeuropa bei der Entdeckung sensationeller Verbrechen gewähren . . . Das allgemeine Mißtrauen vermochte mich jedoch nicht abzuschrecken und ich machte mich ans Werk. Ich stieg hinab in die Tiefe des Volkes und begab mich zu den gefährlichsten Verbrechern, da ich die Ueberzeugung gewonnen hatte, die Spuren des Mordes dort zu finden. Dies war im Mai des Jahres 1911. Aber erst im August des gleichen Jahres machte ich die Bekanntschaft der Wera Tschebiriakowa, die eine große Rolle in der Verbrecherwelt spielte und von der ich gleich mit Recht annahm, daß sie viel wissen müsse. Jedes Gespräch, das ich mit ihr führte, bestärkte mich auch in meiner Annahme, trotzdem sie sich in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft sehr vorsichtig und reserviert verhielt und insbesondere über den Fall Juszczynski kein Wort aus ihr herauszubringen war . . . Etwas anderes wurde es erst im November 1911. Da änderte sich ihr Verhalten mir gegenüber radikal. Während sie mich früher am liebsten mied, suchte sie jetzt Begegnungen mit mir und benutzte den Privatdetektiv Wigarow als Mittelsperson. Dieser Mann hat mich nämlich bei meinem Unternehmen tatkräftig unterstützt ... Sie begann mir nun von einer Diebsbande zu sprechen, die zu dem Mord in Beziehungen stand. Schrittweise kamen wir weiter ... Bis sie mir endlich entdeckte, ihr früherer GeliebterPawelMifle sei JusczyhskisMörder. Diesem Mifle hatte sie kurz vorher Vitriol ins Gesicht geschüttet und dadurch die Augen ausgebrannt. Trotzdem vertrug sie sich bald wieder mit ihm . . . Erst später bin ich aber daraufgekommen, warum die Tschebiriakowa mit einem Male so „gesprächig" geworden ist: gerade um dieselbe Zeit hatte die Monopolverkäuferin Malizkaja dem Unter suchungsrichter Mitteilungen gemacht, aus denen unzweifelhaft hervorging, daß die Tschebiriakowa in direktem Zusammenhange mit den Mördern Juszczynskis stand. Letztere hat deshalb den Mifle als Täter beschuldigt, um den Verdacht von sich abzulenken und sich selbst zu retten. Wenn ich sie aber nach ihren Beweisen zu fragen begann, mit denen sie ihre Behauptungen und Anklagen beweisen könnte, erklärte sie mir und Wigarow, sie könne alles vom Häftling Lisunow bekommen, der zu jener Zeit im Charkower Gefängnis gesessen sein so?}. Dieser Lisunow, so sagte die Tschebiriakowa, könne über die genauesten DefaiJs des Mordes Auskunft geben. ]m Anschlüsse daran bat sie mich, ihr die Möglichkeit zu verschaffen, daß sie nach Charkow reisen könnte und versprach mir hiefür alle Einzelheiten nach ihrer Rückkehr von Charkow zu berichten . . . Mich erfaßte eine ungeheure Freude. Denn ich dachte, ich wäre nun auf dem besten Wege, die Legende vom Blutmärchen zu zerstören. Und so wollte ich nun die maßgebenden Kreise und Männer, deren Wort in der Oeffentlichkeit gehört wird, für die Angelegenheit interessieren. Was mußte ich aber zu meiner größten Verwunderung sehen?! Die hervorragendsten Männer der Kiew er jüdischen Gemeinde zeigten nur einseh rgeringes Interesse für den „Ritualmord'' und den unschuldig verhafteten Bejiis. DieAngst voreinem Pogrom war eben kurz nach der Ermordung Stolypins in der Kiewer jüdischen Bevölkerung so groß, daß sie Furcht hatte, Schritte zu tun, um sich gegen das dem Judentum angetane Unrecht zu wahren und die Frage nach den wahren Mördern Juszczynskis aufzurollen. Auch hat in diesem ersten Stadium kein Mensch, sei es von der Gesellschaft, sei es von den kompetenten Gerichtsbehörden, daran gegiaubt, daß es möglich wäre, Bejiis anzuklagen. Man hatte vielmehr angenommen, diese ganze Verhaftung wäre ein Mißverständnis, das sich schon beim Untersuchungsrichter aufklären würde. Der erste, an den ich mich wendete, war ein in der Oeffentlichkeit bekannter jüdischer Jurist, den ich früher oft in der Redaktion des Blattes traf, bei welchem ich arbeite. Diesem Manne teilte ich die mir von der Tschebiriakowa zugekommenen Einzelheiten mit und einem plötzlichen Einfalle folgend, lud ich ihn ein, er solle sich diese Frau einmal anschauen und selbst hören, was sie über Juszczynskis Ermordung erzählt. Anfang Dezember trafen wir dann auch wirklich mit ihr in Charkow zusammen, wohin ich mit der Tschebiriakowa gefahren war. In den zwei Gesprächen, die wir mit ihr hatten, erzählte sie von ihren Beziehungen zu Pawel Mifle. Und jedes ihrer Worte über diesen Mann war von tiefstem Hasse erfüllt, die Sachen, welche sie erzählte, waren so schaurig anzuhören, daß sie einem Kriminal-Roman alle Ehre gemacht hätten. Mifle hätte ihre zwei Kinder umgebracht, quäle sie selbst zu Tode und nun wolle sie von Haus aus angeben, welche Rolle er im Juszczynski-Mord gespielt habe. Dann nannte sie als Mörder folgende Namen: Prihodkow, den Stiefvater Juszczynskis, Mifle, Neschinski, Nasarenko u. a. Dieselben Erklärungen gab sie auch in Gegenwart einiger Kiewer - Journalisten ab. Trotzdem muß ich sagen, daß ihr niemand von den Anwesenden glaubte. Auch die kompetenten Personen, die sie gehört haben, gaben ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß diese Frau nicht die Wahrheit spreche, vielmehr selbst am Morde teilgenommen habe und deshalb die anderen beschuldige, um die Untersuchung auf ein falsches Geleise zn führen und sich so von jedem Verdachte zu reinigen. Systematisch wollte sie so die Personen welche sich zur Aufgabe gestellt hatten, Bejlis's Unschuld zu beweisen, zum Narren halten ... Ich folgte daher dem Rate des obenerwähnten Juristen, mich mit der Familie der Tschebiriakowa und mit den Personen, die bei ihr kurze Zeit vor dem Morde verkehrten, ins Einvernehmen zu setzen. So hatte ich denn bald genügend Material beisammen, das ich der Prokuratur übergab. Eines stand dabei für mich jedenfalls fest: die Tschebiriakowa hatte uns das richtige Motiv des Mordes augegeben, nämlich die Furcht einer Diebsbande, von Juszczynski verraten zu werden. In dieser Ueberzeugung wurde ich noch bestärkt durch die Gespräche

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