Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 18 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 11 PCUILLETON. Rüben Brainin (Montreal): Rudolf Schildkraut .*) Schauspieler pflegt man immer an andern, an Vorgängern oder Zeitgenossen zu messen, sie miteinander zu vergleichen. Bei Rudolf Schildkraut ist dies nicht möglich. Denn er hat in seiner Kunst keinen ihm Ebenbürtigen, sodaß es auch ausgeschlossen erscheint, irgend eine Parallele zu ziehen. Sein Spiel hat er nicht von irgend einem großen Meister gelernt, übernommen, und er imitiert auch keinen. Durchaus ein origineller Künstler von durchgebildetster Selbständigkeit wurde er das, was er heute ist, aus eigener Kraft und selbständiger Entwicklung. Ja, Schildkraut ist bei keinem Lehrer in die Schule gegangen. Und er ist eigentümlicherweise unter allen jüdischen Schauspielern, die jemals auf europäischen Bühnen gespielt haben, der Typus des Judentums. Er vereinigtin sich das Geistige und Sinnliche, das Realistisch-Konkrete und das Phantastische, ja — wenn man so sagen darf — das Metaphysische. Und das Judentum ist ja gerade eine Synthese dieser Extreme. Schildkrauts Typen auf der Bühne sind nicht auf erkünstelte, routinierte und kombinierte Effekthascherei ä la Coquelin zugeschnitten. Nein! Das sind lebendige Menschen, fühlende Geschöpfe, die wir da auf der Szene vor uns sehen. Wir spüren direkt die Atmosphäre, in der sie leben, erkennen das Milieu und die Rasse, aus der sie stammen, Rudolf Schildkraut. die Erziehung und Bildung, die sie genossen haben, aus der Art ihres Auftretens, ihren Bewegungen, aus ihrer Art, zu sprechen und — zu schweigen, zu lieben und zu hassen, liebenswürdig zu sein und vor Zorn zu rasen. In diesen Typen steckt kein Funken falschen Gefühls. Das ist alles lebenswahr, das merkt man aus hundert subtilen Kleinigkeiten ihres natürlichen Wesens. Seht nur Schildkraut, wenn er als Shylock durch die Gassen Venedigs schleicht! Da fühlt ihr mit ihm den herzbeklemmenden Geist des Ghettos um euch, atmet mit ihm die stickige, dumpfe Luft des abgelegenen Judengässchens. An dem ganzen Wesen Shylocks merkt ihr den versteckten, glühenden Haß des verfolgten, ruhelosen Juden, die Geldsucht des Geizigen, den verhaltenen Zorn des Ohnmächtigen. Sein Shylock ist der Gipfelpunkt dramatischer Kunst. Kein Schauspielerhat so wie Schildkraut diese Shakespearesche Gestalt psychologisch und historisch, rein menschlich und jüdisch so bis ins Innerste erfaßt, durchlebt und dargestellt. Er erklärt uns diesen Menschen, bringt uns sein innerstes Wesen nahe, veredelt ihn und erhebt ihn zum Symbol, zum lebendigen P r otest gegen den Haß der Christen und die Judenverfolgung . . . Wenn er im „King Lear" zusammengebrochen und in sich versunken auf seinem Trone sitzt, da fühlen wir, wie die Luft von tiefster Verzweiflung, nahendem Wahnsinn und trotziger Verachtung geschwängert *) Der Theater-Almahach vom Jahre 1912 ist wirklich zu bedauern. Seine Redaktion, die über das Domizil von Künstlern?n jeglichem Provinztheater informiert ist, vermag nicht anzugeben, wo Rudolf Schildkraut sich jetzt aufhält. Ob aus Unwissenheit oder „Kollegialität" — wer weiß das? Denn es ist ja allgemein bekannt, daß der Künstler schon längere Zeit am New-Yorker Jiddischen Theater wirkt. Möglicherweise hat dies letztere Faktum den Theater-Almanach derart chokiert, daß er sich an die Adresse nicht mehr erinnern kann . . . Wir haben schon an dieser Stelle und in ähnlichem Zusammenhang über Schildkraut gesprochen. Heute geben wir einem bewährten Kenner der New-Yorker Bühnenverhältnisse das Wort zu diesem Thema und beschränken uns lediglich auf die Angabe einiger biographischer Daten. Schon auf dem Gymnasium war es des jungen Schildkrauts heißester Wunsch, Schauspieler zu werden. Nach Erlangung der Matura ging er daran, etwas zu lernen und hatte das seltene Glück, ein Schüler Mitterwurzers zu werden. Bald begann er auch seine künstlerische Laufbahn in Oedenburg. Von dort kam er an kleinere und mittlere österreichische Bühnen, bis er endlich im Jahre 1893 an das Wiener Raimund-Theater engagiert wurde. Von hier aus datiert sein eigentlicher künstlerischer Werdegang; von hier aus nimmt er seinen Weg, denn die Wiener Kritik wird auf sein Talent aufmerksam und zollt ihm für die tiefe Wirkung der von ihm vorzüglich dargestellten Charaktere, sein scharf markiertes Spiel, uneingeschränktes Lob. Am Wiener Raimund-Theater ist er bis zum Jahre 1898 beschäftigt. Nach einer zweijährigen Tätigkeit am Wiener Carl- Theater folgt er einem Rufe an das neugegründete Hamburger Schauspielhaus im Jahre 1900, wo er bald volle Erfolge zu verzeichnen hatte. Dort spielte er unter anderen den Jojakim in Ludwigs „Makkabäer". Die dortige, gewiß anspruchsvolle Kritik bezeichnet ihn als sehr begabt und zukunftsreich. Er gehörte dem Hamburger Schauspielhause an, bis Reinhardt ihn für das Deutsche Theater in Berlin gewann. Auch dort feierte er Sieg auf Sieg und wurde bald ein Liebling des Berliner Publikums, das seinen Weggang sehr beklagte. Nun ist Schildkraut in New-York der Star des Jiddischen Theaters! Unser Mitarbeiter Rüben Brainin, der Chefredakteur des jiddischen Tagblattes „Der Adler" in Montreal (Kanada), widmet ihm, dem jüdischen Schauspieler, obigen Essay. Die Redaktion.