Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 18 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 ist. Und auch hier sind wir hingerissen durch die Kunst dieses größten jüdischen Schauspielers. Seine unvergleichlich durchgebildete Technik, seine außergewöhnlich reiche Phantasie, seine tief empfindende Seele und seine hervorragende Intelligenz vermochten aus ihm das werden zu lassen, was er jetzt ist: ein großer Künstler. Dabei ist seine Kunst naiv und unmittelbar, obwohl er ein feiner, tiefgründiger Psycholog, ein Meister der Mimik, der Bewegung und Haltung ist. Er ist unermüdlich im Schaffen besonderer individueller Charakterzüge für seine Rollen in den verschiedensten Situationen, jeder Ausbruch einer Leidenschaft, jeder Impuls hat sein originelles Gepräge. Damit verbindet er die seltene Gabe, seine Stimme entsprechend seiner Rolle für die betreffende Situation naturtreu zu modulieren. . . . Gerade in dieser außerordentlichen, vielseitigen Anpassungsfähigkeit liegt die Stärke unseres Künstlers. Mit der gleichen inneren Wahrheit spielt er geistig hochstehende Männer, Typen, die höchste Kultur repräsentieren, deren Seelen bis zum Äußersten kompliziert und subtil sind und echte Barbaren, z. B. den Hassan und Pedro. Wir können da seine mimische Erfindungsgabe, die Kunst der Stimme, so mannigfaltige Nuancen zum Ausdruck zu bringen, Töne der Seele bis in ihre kleinsten Abstufungen in seiner Sprache zu formen, nicht genug bewundern. Und so zwingt uns die innige Verschmelzung von Phantasie, künstlerisch vollendeter Technik und starker Intelligenz in Schildkrauts Spiel zu höchster Anerkennung. Doch wir haben noch gar nicht von der körperlichen Erscheinung Schildkrauts gesprochen. Diese ist es am wenigsten, die das Publikum an ihn fesselt. Ganz im Gegenteil! Sein Körper ist plump und schwer; der Kopf sitzt auf einem zu kurzen Hals. Es ist daher wohl klar, daß er durch seine „Bühnenfigur" nicht wirken kann, ebenso wie er nicht durch seine etwas heisere Stimme wirkt. Er reißt sein Publikum vielmehr durch sprühendes Temperament, durch seine künstlerische Auffassungsgabe und Schöpferkraft, seine unvergleichliche Technik mit. Obwohl er seine Typen ganz genau studiert, jede leiseste Bewegung, jede Veränderung des Mienenspiels, jedes Zucken seiner Gesichtszüge, jeden Schritt, jede Bewegung und Haltung seines Körpers, jede Modulierung der Stimme sorgfältig durcharbeitet, seine Rollen mit unzähligen feinen Zügen, mit virtuosen Einzelheiten und Einfällen ausstattet, sind seine Charaktere trotzdem ein harmonisches Ganzes, behält sein Spiel auf der Bühne die großzügige Linie. Man merkt es gar nicht, wie der betreffende Charakter sich aus so und so vielen Kleinigkeiten zusammensetzt, er präsentiert sich uns vielmehr als wie aus einem Guß. Ein Rythmus, ein Atem und eine Seele. Und nicht nur diese großzügige Linie bewundern wir an ihm. Seine warmen und satten Farben, mit all ihren feinfühligen Übergängen und subtilen Nuancen müssen uns auch bezaubern. Er lebt eben auf der Bühne und flößt allen seinen Gestalten wirkliches, pulsierendes Leben ein, sodaß er sich bis zur höchsten Stufe menschlicher Leidenschaft erhebt. So erscheint er uns überwältigend als Tragöde, königlich als Held, edel als Gnadenerteilender, zerschmettert als von Schmerz und Leiden Gebeugter, klug und fein in seiner Komik, seiner Satire und Ironie. Ein Künstler von seltener Vielseitigkeit bezwingt er uns ebenso durch die Größe seines Spiels als Bettler wie durch seine vollendete Majestät als König, durch die Realität, mit welcher er einen Verbrecher oder einen Heiligen spielt. Er erlebt eben seine Charaktere und schaltet danach seine starke Intelligenz, sein Können und Wissen, alle technischen Künste aus und wird dadurch instinktiv zum naiven Künstler, wie ja jeder echte Schöpfer naiv ist. Sein Spiel besteht nicht in Nachempfindung und Beobachtung. Mit einer gewissen instinktiven Sicherheit weiß er sich in die Lage, in die Seele des Menschen, den er verkörpern soll, hineinzuversetzen,zu welcher Nation er auch gehört. Er spielt seine Rolle nicht — er erlebt und belebt sie. Und so sind erst durch seine geniale Kunst Gestalten vieler Dramen, die blaß und blutleer, leblos wie Schatten waren, lebendig geworden, wenn er ihnen sein Blut, sein Feuer, sein Temperament einflößte. Seine Genialität ist aber nicht blindwütig und zügellos. Er ist auch darin ein moderner Künstler, der sein Spiel abschleift, durchdenkt und sich Grenzen ZU setzen weiß. Deshalb ist seine Darstellung auch psychologisch richtig, lebenswahr und echt, reich und glänzend, kurz gesagt, vollendete Kurist. Natur und Kunst, Intelligenz und Naivität vereinigen sich in seinem Spiel zu einem harmonischen Ganzen. Vornehmlich werden wir aber von Schildkrauts Kunst hingerissen, wenn er in seinen Rollen Leiden, Schmerz und Verzweiflung darstellt. Wie fühlen wir mit ihm, wenn er das Leid und den Schmerz eines ganzen Volkes verkörpert; Leid und Schmerz des jüdischen Volkes! Denn Schildkraut ist ein ganzer Jude. Alle seine Fähigkeiten, insbesondere sein genialer künstlerischer Instinkt, sind nur erklärlich aus der Rasse, der er angehört, aus der Geschichte unseres Volkes. Denn nur wer Leiden fühlt, weiß zu sagen, was Leiden sind. . Liste der Ausgetretenen. Vom 27. August bis 9. September 19t2. (Nr. 406—420.) Elsner Hermann, geb. 24. Februar 1886, Lomnitz, X., L;indgutgasse 25. Hermann Stefanie, Verkäuferin, geb. 26. September 1892, Elbeteinitz, VI., Morizgasse 5. Hoffmann Margarethe, geb. 16. April 1891, Wien, I., Gonzagagasse 5. Nuky Elsa, geb. Kövy, geb. 27. März 1884, Wien, XV., Löhrgasse 22. Penzias Arthur, Brauereidirektor, geb. 29. Mai 1872, Lemberg, IV., Johann Straußgasse 49. Pollak Regine, Arbeiterin, geb. 20. Jänner 1842, Domany (Ungarn), XV., Palmgasse 3. Rehberger Heinrich, Hilfsarbeiter, geb. 16. August 1881, Esseg, (Slavonien), X., Absbergergasse 13. Reimann Adelheid, geb. 9. November 1891, Prag, III., Strohgasse 8. Schidrowitz Arthur, akademischer Maler, geb. 6. Mai 1886, Wien, VII., Urban Loritsplatz 4. Schidrowitz Josefine, geb. Waltuch, geb. 1883 in Tarnow, VII., Urban Loritzgasse 25. Schwarz Elsa, geb. 1. September 1896, Wien, II., Kaiser Josefstraße 29. Weiss Rosa, geb. 17. März 1879, Purkersdorf. Glanz Klara, ledig, Dienstmädchen, geb. 15. Oktober 1884 in Drohobycz, VII., Neubau gasse 27. Zamachovsky Leo, ledig, Schüler, geb. 28. Oktober 1897 in Kiew, VI., Mariahilferstraße 41. Klauder Ernst, ledig, Handelsangestellter, VI., Mollardgasse 44.