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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1Ä „Neue National-Zeitung" Seite 9 derösterreich: die Mutter stammte von jüdischen Eltern, die zum Christentum übergetreten waren. (In der Biographie, die Wurzbach dem Dr. Berger widmet, heißt es übrigens, die Dame habe den Mädchennamen Abi geführt und sei „die getaufte Tochter konvertierter Eltern gewesen, die aus Offenbach nach Österreich übersiedelten".) Von dieser seiner Großmutter sprach Baron Berger ganz gern; denn sein Vater hatte von ihr viel gesprochen. Alfred führte seine Agilität und seine Leidenschaft für Schöngeistiges auf seine Großmutter zurück." „Wenn ich von ihr lieber etwas anderes geerbt hätte" — meinte er ungefähr vor Jahresfrist lachend dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber— „nämlich den Sinn für viel Geld verdienen!" Ein Jude als Schweizer Konsul. Von besonders geschätzter Seite schreibt man uns: „Herr Lucian Picard, ein geborener Basler und Schweizer Bürger, Mitinhaber des bekannten Bankhauses Lazard Speyer-Ellisen in Frankfurt a. M., ist zum Konsul der Schweiz für Frankfurt ernannt worden. Diese Ernennung ist insofern interessant, als es u. W. d a s e r s t e M a 1 ist, daß die Schweiz einem Juden ein solches Ehrenamt überträgt. Herr de Claparede, der schweizerische Gesandte in Berlin, hat sich persönlich nach Frankfurt begeben, um Herrn Picard im Auftrage des schweizerischen Bundesrates dieses hohe Ehrenamt anzubieten; gilt Herr Lucian Picard nicht nur als einer der größten Finanzgenies in Deutschland, sondern ist auch ein vortrefflicher Mensch und ausgezeichneter, überzeugungstreuer Jude, der bei jeder Gelegenheit mit Stolz sein Judentum bekennt und betätigt. Er gehörte viele Jahre dem engern Vorstande des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin an, wo er sich anläßlich der großen Sammlungen für Kischinew besonders hervorragend beteiligt hat. Später war Herr Picard Vizepräsident der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance isr. universelle und gehört außerdem dem Vorstande vieler jüdischer humanitärer Gesellschaften und Vereine an. Herr Picard wird in allen ihm nahestehenden Kreisen wegen seiner vorzüglichen Geistes- und Herzensgaben, vor allem wegen seiner großen Bescheidenheit hochgeschätzt. M. Der Chacham der Karaiten. Unter den Karäern Rußlands herrscht jetzt nicht geringe Aufregung. Sie stehen vor der Wahl eines Chachams, des geistlichen Oberhauptes sämtlicher Karäer Rußlands. Die Wahl eines Chachams wird unter ihnen immer schwieriger, weil die Zahl der Gelehrten unter ihnen immer geringer wird. Die Karäer von Odessa haben deshalb wieder den gewesenen Ratgeber des Schah von Persien, S c h a b s a 1, für den Chachamposten aufgestellt. Für diese Kandidatur spricht hauptsächlich der Umstand, daß Schabsal die Odessaer Karäergemeinde seit seiner Rückkehr nach Rußland sehr stark unterstützt und überdies seinen hohen Einfluß in allerhöchsten Kreisen zu ihren Gunsten geltend gemacht hat. Aber gerade mit Rücksicht auf seine Vergangenheit sind die übrigen Karäer Rußlands gegen seine Kandidatur, da sie der Meinung sind, daß gerade die fragwürdigen Ratschläge Schabsais die Ursache waren, daß in Persien seinerzeit so viel unschuldiges Menschenblut geflossen ist. Aus diesem Grunde erließen seine Gegner ein Wahlflugblatt, in welchem sie protestieren gegen die Kandidatur „eines Menschen, dessen Hände blutbefleckt sind. Es sei eine Schande, daß ein solcher Mensch an der Spitze der heiligen Karäergemeinschaft stehe und ihr geistiger Führer werde.* Einen Gegenkandidaten konnte diese Gruppe bisher noch nicht namhaft machen. Der Erzbischof Samassa und sein jüdischer Koch. Von diesem jüngst verstorbenen Erzbischof-Kardinal erzählt man sich folgende höchst interessante Geschichte: J. Rosenberg (Revesz), der Eigentümer des Hotels „Quississana" in Abbazia war seinerzeit erster Koch des Königs Milan in Belgrad. Von da kam er zum vor kurzem verstorbenen Erzbischof Samassa in Eger (Erlau). Rosenberg-Revesz ist der Brudersohn des berühmten Rabbiners von Hanfalu (Unsdorf). und Leiters der dortigen berühmten Jeschibach. Der weitberühmte Kirchenfürst wußte es, daß sein Küchenchef Jude, daß er Neffe des berühmten Rabbiners ist. Doch sein allbekannter Liberalismus verbot es ihm seinen jüdischen Küchenleiter zum Katholizismus bekehren zu wollen. Bei festlichen Gelegenheiten pflegte der Erzbischof sogar damit zu prahlen: „Die Speisen, die Ihr da verherrlicht, hat der Neffe meines berühmten jüdischen Kollegen, des Rabbines in Hunfalu, ein seinem Glauben treugebliebener Jude, der mein Koch ist, bereitet." Die Sitzung des zionistischen Zentralkomitees wurde Sonntag, t. September in Berlin durch den Vorsitzenden des Aktions-Komitees, Prof. Dr. O. W a r b u r g, eröffnet. Es erschienen vom Zionistischen Aktions-Komitee 25 Mitglieder sowie vom Zentralkomitee 40 weitere Mitglieder aus Deutschland, Oesterreich, Rumänien, Bulgarien, Rußland, Belgien, Holland, England, Frankreich und Amerika. Prof. W a r b u r g gab in seiner Eröffnungsrede einen allgemeinen Ueberblick über die Lage der zionistischen Bewegung und die Arbeiten des letzten Jahres. In Palästina selbst schreite die Arbeit ständig vorwärts, sodaß die Leitung mit Befriedigung auf das abgelaufene Jahr zurückblicken kann. Es sprachen mehrere, darunter Herr S 0 k 0 1 0 W, der die allgemeinen Grundsätze der zionistischen Politik beleuchtete. Professor Warburg berichtete sodann über die Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina und betonte, daß die zur Ausforstung dienende Oelbaumspende, die „Palestina Land Development Company", die sich mit dem Erwerb und der Parzellierung ländlicher Grundstücke befaßt, sowie der Ausbau der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem für die nächste Zukunft im Vordergrunde der praktischen Palästina-Arbeit stehen müßten. Es erregte viel Aufsehen, daß Jacobus Kann (Haag) und David W o 1 f s o h n (Köln) das engere Aktionskomitee heftig angriffen, speziell wegen Vergeudung von Geldern. Der nächste Kongreß soll nach dem gefaßten Beschlüsse Ende August 1913 in Wien stattfinden. Ein jüdischer Minister in China. Der Präsident der neuerstandenen chinesischen Republik hat sich aus Angehörigen verschiedener Staaten, lauter hervorragenden Fachmännern, ein Ministerium zusammengestellt. Wir finden darunter auch einen Wiener Juden, Herrn Emil S. F i s c h e r. Er ist im Jahre 1865 als der Sohn eines kleinen Geschäftsmannes geboren, der einige Jahre darauf nach Wien zog und sich in der Seitenstettengasse etablierte. Einer seiner Schulkollegen, Herr Ingenieur Geir i n g e r, teilt einem Wiener Blatte folgendes über Herrn Ingenieur Emil S. Fischer mit: Fischer, dessen Eltern in bescheidenen Verhältnissen lebten, hatte keine rechte Neigung für das Gymnasialstudium. Er sagte immer, er wollte ein großer Kaufmann werden. Tatsächlich verließ er das Gymnasium und widmete sich dem Handelsstudium. Er kam zuerst zu einer Hutfabrik in Mariahilf in Stellung und ging zur Zeit der Weltausstellung als einer der Delegierten des Kaufmännischen Vereins nach Paris, wo er in der österreichischen Abteilung sich in hervorragender Weise betätigte. Ebenso war er in der österreichischen Abteilung der Weltausstellung in Buenos Ayres tätig und zog schließlich vor etwa 25 Jahren mit seiner Familie ganz nach Amerika, wo er."zunächst bei der südamerikanischen Filiale der Deutschasiatischen Bank Stellung fand. Dann wurde er nach Schanghai versetzt, später leitete er einige Jahre hindurch die Exportabteilung der Deutschasiatischen Bank in Berlin und etablierte sich vor einigen Jahren als selbständiger Importeur in Peking und Schanghai. Vor einigen Jahren hielt Herr Fischer in Wien einige sehr interessante Vorträge über die komplizierte Geldwährung Chinas. Vor etwa einem halben Jahre heiratete er in London die Tochter eines englischen Großindustriellen. Er weilte vor seiner Verheiratung auch in Wien und besuchte Herrn Jngenieur Geiringer, sowie dessen Bruder, den Kommissionär Herrn Leopold Geiringer, von dem er sich die Einrichtungen des St. Marxer Schlachthauses zeigen ließ.

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