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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 5 die Leute, soweit sie auf der Grube arbeiten — die meisten tun es unter Tage — mit der Arbeit im altgemeinen zufrieden sind und vor keiner, auch der ungewöhntesten, nicht zurückschrecken. Der Lohn, der mindestens 2.80 Mk. täglich beträgt, bei Akkordarbeit aber auch bis 5 Mk. steigt, genügt ihnen ebenfalls, wenngleich er denen, die zu Hause eine große Familie zu versorgen haben, begreiflicherweise noch zu gering erscheint. Einige wenige, die früher in fremden Ländern besseren Verdienst gehabt haben, möchten natürlich gleich auch hier verlangen, aber das sind Ausnahmen, die das Gesamturteil nicht beeinflussen. Der durchschnittliche Monatslohn ist 70 bis 100 Mk., wovon dank dem Sparsamkeits- und Familiensinn der jüdischen Arbeiter, nach Abzug der Beträge für Beköstigung, Versicherung, Schlafhausmiete usw. regelmäßig der Rest von ihnen selbst oder durch das Arbeitsamt den Angehörigen zugesandt wird. Die Schichten werden regelmäßig verfahren und die am Sabbat ausfallende in der Nacht darauf eingeholt. Das Verhältnis zu den christlichen Kameraden ist durchweg gut, da diese von den Beamten darauf hingewiesen wurden, sich jeglicher Beleidigung der Juden zu enthalten. Die Vorgesetzten selbst gaben ebenfalls zu erkennen, daß die jüdischen Arbeiter ihre Pflichten gern und treu erfüllen. Sie loben, daß diese regelmäßiger einfahren, als ein Teil der anderen Ausländer, die zum Teil zwei Schichten wöchentlich auslassen, und daß sie nicht mal an ihren strengen Fasttagen feiern. Sie erkennen ihre Sparsamkeit au, die sogar soweit geht, daß sie an der Kost sparen. Oft müssen die Beamten darauf halten, daß sie mehr Nahrung zu sich nehmen. Daß sie intelligenter sind als die übrigen Ausländer, wird zugestanden, und vor allem rechnet man es ihnen hoch an, daß sie bestrebt sind, durch deutsche Bücher und Zeitungen belehrenden Inhalts sich in unserer Sprache fortzubilden. Bemerkt sei hierbei noch, daß einige unter den Arbeitern die englische bezw. französische Nationalität besitzen und deshalb mit ihren in den betreffenden Ländern gemachten Erfahrungen und der fremden Sprache ebenfalls gewissen erzieherischen Einfluß auf die übrigen auszuüben vermögen. Nach all dem mitgeteilten, das ohne Beschönigung wiedergegeben ist, dürfte es klar sein, daß die bisherigen Erfahrungen mit den jüdischen Bergarbeitern zu weiteren Versuchen ermuntern und vorurteilslose Verwaltungen, selbst aus dem Auslande, wenden sich an das jüdische Arbeitsamt um Abgabe tüchtiger Kräfte. Der Umstand, daß einmal ein Trupp von 30 Lodzer Leuten die Arbeit aufgab, ist nicht so merkwürdig, ereignet sich derartiges doch oft bei ausländischen Arbeitern und den Bergbeamten ist es nichts neues. Der Vorfall selbst beruht darauf, daß den Leuten in Lodz bezüglich der Beschäftigungsart und der Lohnhöhe unrichtige Angaben gemacht worden waren, was einige Aufwiegler benutzen, die übrigen aufzuhetzen, und sie zur Rückkehr nach Rußland zu verleiten, ohne daß sie die Arbeit überhaupt erst aufgenommen hatten. Die von manchen Seiten gehegte Befürchtung, die jüdischen Arbeiter könnten im Falle einer Arbeitseinstellung die Rolle von Streikbrechern spielen, ist gänzlich ausgeschlossen. Dagegen spricht zunächst ihre geringe Anzahl und dann die Gewißheit, daß, falls die Häuer mit der Förderung aufhören, die übrigen Beschäftigungen von selbst endigen, mithin auch die Juden keine Arbeit mehr haben. Unsere Gewährsleute kommen danach zu dem Schlüsse, daß man das vom jüdischen Arbeitsamt und einigen Bergverwaltungen aus uneigennützigen Gründen begonnene Unternehmen nicht durch allerlei Veröffentlichungen stören solle. Gelingt es, so ist beiden Teilen geholfen, mißlingt es, so hat niemand einen Schaden davon und es bewahrheitet sich dann bloß der alte Satz, daß in großen Dingen auch schon der gute Wille anerkannt werden muß". Ganz richtig! Die Lämelschule in Jerusalem. Die einzige österreichisch-jüdische Institution in Palästina — aufgegeben. Die Lämelschule in Jerusalem, die Dank der Opferwilligkeif einer edlen Frau und der Begeisterung eines Dichters für unsere historische Wiege im Jahre 1855 erstanden ist, mußte infolge der Indolenz des Wiener Kultusvorstan des aufgegeben, resp. an den Berliner „Hilfverein" überlassen werden. Das einzige jüdische Institut in Palästina, welches an Festtagen die schwarzgelbe Fahne hißte, hat seinen österreichischen Charakter verloren. Besser konnte die Hilflosigkeit und Unzulänglichkeit der österreichischen Judenschaft und der Wiener Kultusgemeinde im ganzen Orient nicht bloßgestellt werden. Frau Elise von Lämel hat das Stiftungskapital für die Schule dem Wiener Kultusvorstande zur Verwahrung und die Schule selbst zur Obhut übergeben. Die Schule war gegründet, sie war aber bald dem Verfalle nahe. Die Leiter des Wiener Kultusvorstandes, die dem nationalen Judentum ihr „historisches" und „religiöses" Judentum, die der nationalen Sehnsucht nach unserer alten Heimat ihre „patriotische" Gesinnung entgegenzustellen pflegen, haben auch im Falle der Lämelschule bewiesen, daß sie weder historische Juden noch gute Patrioten sind, wenn es sich um Geldopfer für eine jüdische Institution handelt. Als die Lämelschule — infolge des ungenügenden Gründungskapitals — dem Verfalle näher kam, geschah nichts, um sie zu erhalten. Man gab ihr einige tausend Kronen aus den Gemeindemitteln, aber es fand sich in ganz Wien, unter den zahlreichen jüdischen Millionären kein einziger, der in hochherziger Weise in die Tasche gegriffen hätte, um dem Beispiel der Stifterin folgend, diesen Markstein der österreichischjüdischen Palästinaliebe dauernd zu sichern. Auch die Wiener „Israelitische Allianz" ging über eine bescheidene Jahres-Subvention nicht hinaus. Als sich daher der Berliner „Hilfverein" vor zwei Jahren bereit erklärte, die Anstalt zu übernehmen, war der Wiener Kult ^svorstand froh: eine Last wurde ihm abgenommen. Ueber die Entwicklung und die derzeitigen glänzenden Leistungen der Lämelschule entnehmen wir dem letzten Jahresberichte des „Hilfvereines" nachstehende Darstellung: Am 18. August 1855 gab Frau Elise Herz von Lämel in Wien dem Vorstand der IsraelitisclienKultusgcmeinde in Wien ihren Entschluß kund, ihrem Vater Simon Edler von Lämel ein Denkmal in Jerusalem zu setzen. Die Stifterin hatte, wohl mit Rücksicht auf das beschränkte Stiftungskapital, ursprünglich eine Kinderbcwahranstalt im Auge. Sie wollte, wie es im

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