Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 18 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit? 6 „Neue National-Zeitung Nr. 18 Stiftungsbriefe heißt, ihrem Vater ein Denkmal setzen, das „wirkt, bildet und edel macht". Die Lärnelschule ist eine der Anhänglichkeit an das heilige Land der Väter entsprossene Gabe des Westens an den Osten. Die israelitische Kultusgemeinde in Wien übernahm die Stiftung und der damalige Sekretär der Gemeinde, der Dichter und Philanthrop Ludwig August F r a n k I, begab sich nach Jerusalem und begründete dort 1856 die Lärnelschule — trotz des erbitterten Kampfes, der gegen ihn und die von ihm vertretene Sache von den Aschkenasim geführt wurde. Im Innern der Altstadt Jerusalems steht in einer engen abschüss igen Gasse noch das Haus mit dunklem Vorhof, in dessen oberem Stockwerk die Schule von Ludwig August Frankl in Anwesenheit der Notabein eröffnet wurde. Die österreichische Regierung, die ihren Beistand zur Begründung der Schule geliehen hatte, gewahrte ihr auch fernerhin ihren wirksamen Schutz. Drei Jahrzente schwebte die Anstalt, für die bei dem Fehlen der notwendigen kulturellen Vorbedingungen die Zeit noch nicht gekommen war, zwischen Leben und Sterben. Im Jahre 1887 erfolgte ihre Wiedergeburt unter günstigen Auspizien und von dieser Zeit an nahm sie einen glänzenden Aufschwung. Auf Anregung des Herrn Dr. Herzberg, des damaligen Direktors des deutsch-jüdischen Waisenhauses, erfolgte die Vereinigung der Lärnelschule mit der Schule des deutsch-jüdischen Waisenhauses, einer Anstalt, die gleichfalls damals in ihren ersten Anfängen war. In zwei kleinen Räumen der Schwesteranstalt, des deutsch-jüdischen Waisenhauses, feierte die Lärnelschule ihre Auferstehung. Nach kurzer Zeit schon mußten gesonderte Mietsräume bezogen werden. Der Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina übernahm die Verpflichtung, für die die Zinsen des Stiftungskapitals übersteigenden Ausgaben zu sorgen. Der materielle, intellektuelle und moralische Rückhalt, den die Lärnelschule an dem Frankfurter Verein fand, sicherte ihr Bestehen und ihre Entwicklung, und in erster Reihe hat sich Herr Rabbiner Dr. Horowitz um dieselbe hoch verdient gemacht. Ludwig August Frankl war der geistige Begründer der Lärnelschule. Mit der Begeisterung und Hellsichtigkeit des Dichters ist er seinerzeit vorausgeeilt. Herrn Rabbiner Dr. Horowitz war es vorbehalten, das Ideal Frankls in die Tat umzusetzen. Die Entwicklung, welche die Lärnelschule in den letzten beiden Jahrzehnten genommen hat, ist außer dem verdienstvollen Lehrkörper mit Herrn Direktor Ephraim Cohn an der Spitze in erster Reihe dem Eingreifen des verständnisvollen und tatkräftigen Rabbiners Dr. Horowitz zu danken. Die Lärnelschule bezog im Jahre 1903 ihr jetziges eigenes stattliches Heim, zu dessen Errichtung auch der Hilfsverein der Deutschen Juden einen Beitrag von 7000 Mk. gegeben hatte. Die Lärnelschule ist nach über 50}ährigem Bestehen Oktober 1910 in den Besitz des Hilfsvereins der Deutschen Juden übergegangen. Die Anstalt ist, wie wir in unserem vorigen Jahresbericht ausführlich schilderten, die erste Kulturbringerin auf dem Schulgebiet für Palästina gewesen und sie hat, sowohl bei der Gründung, die durch Ludwig August Frankl erfolgte, und die ganz unter dem Zeichen des Kampfes zwischen alter und neuer Zeit stand, wie im Laufe ihrer Entwicklung schwere Zeiten durchzumachen gehabt, bis sie sich, erstarkend in dem Maße, wie die neue Kultur in Palästina einzog, die sie selbst in erster Linie befestigen half, zu der Stellung durchgerungen hat, die sie jetzt schon lange Jahre einnimmt: der Stellung einer Musteranstalt, in der jüdischer, die Traditionen hochhaltender und moderner Geist zu einer harrjMMtfsc.hen Einheit, verschmolzen sind, und, in ie Gegensätze zwischen- Aschkenasim und Sephardim — die Aschkenasim bekämpften Mitte des 19. Jahrhunderts die Gründung der Lärnelschule aufs Heftigste — ihre Versöhnung gefunden haben. Aus dem nachfolgenden Schulbericht ist zu ersehen, daß Aschkenasim und Sephardim der Lärnelschule jetzt ohne Unterschied ihre Jugend anvertrauen. Sie zählt — der größeren Zahl der Aschkenasim in Jerusalem entsprechend — weit über die Hälfte Aschkenasim. Die Lärnelschule ist der Oberbau für die Kindergärten und der Unterbau für die Handelsrealschule, das Lehrerseminar des Hilfsvereins und von der Lärnelschule ist zugleich der Uebergang in das in der Begründung begriffene Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina zu Haifa möglich. Unsere Aufwendung für die Lärnelschule einschließlich Reisespesen pro 1911,12 beläuft sich, exklusive der Kosten für Handfertigkeitsunterricht auf rund 29.800 Frcs. Mit Schluß des Schuljahres 1910,11 sind von den Absolventen der Lärnelschule 18 in die Handelsrealschule bezw. ins Lehrerseminar des Hilfsvereins der Deutschen Juden übergetreten. Einer von diesen Schülern, der Primus der I. Klasse, konnte sogar anstatt in die unterste Klasse des Seminars in die nächstfolgende eintreten. Die Schule zählte zu Anfang des Schuljahres 347 Zöglinge. Der Gemeindeangehörigkeit nach sind : Aschkenasim.............213. Sephardim und Syro-Mesopotamier -III Marokkaner........... . . . . 7 Yemeniten .............. 4 Grusiner............... 4 Bucharer............ 3 Perser................ 3 Bulgare................ 1 Falascha.............- 1 347 Ein weiterer erfreulicher Beweis für das gesteigerte Verständnis der jüdischen Bevölkerung für die Leistungen der Schule ist die Bereitwilligkeit der armen Eltern, auch Geldopfer für die Erziehung ihrer Kinder zu bringen. Der Eingang an Schulgeld erreichte im Sommersemester die Höhe von Frcs. 1251,55. Zudem machen viele Eltern große Anstrengungen, durch Privatunterricht in Deutsch und Realien ihren Kindern die Aufnahme in die Schule möglichst zu machen. Ebenso ist der Handfertigkeitsunterricht, speziell für Palästina, außergewöhnlich wertvoll. Abgesehen von seinem formalen Zweck, gibt dieser Unterricht unseren Schülern die lang entbehrte Vorbereitung für den gewerblichen Beruf. Fehlt doch vielen hiesigen Handwerkern das Verständnis für exakte Ausführung einer Arbeit. Der Lehrstoff für den Handfertigkeitsunterricht schließt ein: Zeichnen, Technologie der Werkzeuge und des Materials, den praktischen Werkstättenunterricht, wie die Grundlagen der gewerblichen Buchführung. Die Schüler bringen dem Unterricht großes Interesse entgegen, und die Fortschritte sind in hohem Maße befriedigend. Infolge des stetigen Wachsens der Schülerzahl entsprechen die Schulräume nicht mehr dem Bedürfnis. Bei der Errichtung des Schulhauses wurde mit einem Maximum von 300 Schülern und 7 Schulklassen gerechnet. Die Parallelklasse mußte bereits in einem Raum des Souterrains untergebracht werden, wiewohl dieser den modernen schulhygienischen Anforderungen keineswegs entspricht. Es wird deshalb beabsichtigt, über den Werkstätten für den Handfertigkeitsunterricht, deren Bau bald fertiggestellt sein wird, ein Stockwerk für weitere Klassenzimmer zu errichten. Um ein Zusammenwirken von Schule und Haus zu fördern, wurde gegen Schluß des Sommersemesters ein Elternabend veranstaltet, der Eltern, Lehrern und Schülern einige angertehrae Stunden bereitet hat. Der Abend wurde durch gesangliche Vorträge, Deklamationen und Turnübungen ausgefüllt, und die Eltern nahmen dte ihnen gebotenen Belehrungen über Erziehung und; Hygiene mit Dank entgegen.