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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" — In welcher Beziehung meinen Sie das? — In welcher Beziehung? In jeder! Die Geschäfte sind nicht besser, sondern schlechter geworden, mit der „Jüdischkeit" ist es auch nicht mehr das Richtige. . . . Dann geben die Banken kein Geld mehr her und wenn, dann nur zu sehr hohen Prozenten. Sie ängstigen sich heute um jeden kreditierten Gulden. Der ganze Verkehr stockt und alles ist tot . . . Der Handel wie abgeschnitten . . . Und wie ist das mit der „Jüdischkeit"? Bei dieser meiner Frage warf mein Reisegefährte einen forschenden Blick auf mich; er betrachtete mit einem feinen Lächeln meine doch nicht „fromme" Kleidung und gab die etwas ausweichende Antwort: — Es steht eben schwach mit der „Jüdischkeit" . . . Als ich nun in diese große galizische Stadt kam, machte ich die Beobachtung, daß es in der Tat noch viel schlechter bestellt ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich muß sagen, daß ich geradezu überrascht und überwältigt von dem Elend war, das ich hier sehen mußte. . . . An einem Freitag vormittag kam ich in Lemberg an. Tagsdarauf, am Samstag, wurde meine Aufmerksamkeit durch die vielen Krämerladen in Anspruch genommen, in denen Waren feilgehalten wurden und das Geschäft im vollen Gange war. Auch jungen Leuten, die unvermeidliche Zigarette im Mund, bin ich auf Schritt und Tritt auf der Karl Ludwigstraße begegnet. Da begegnete mir auch eine Menge Juden in Pelzmützen oder schwarzen Zylindern als Kopfbedeckung, mit dem langen schwarzen Rock und weißen Socken. Und nun bot sich mir ein interessantes Bild: da gingen die frommen, altmodischen Juden unbekümmert ihren Weg, an ihnen vorüber die Modernen, die Jugend, mit der Zigarette im Mund. Einer kümmerte sich nicht um den anderen, keiner wirft dem anderen einen Blick zu . . , als ob sie nichts von einander wissen wollten .... Bei meinem Besuche der alten Lemberger Synagoge bot sich mir ein buntes Bild: glattrasierte Juden, Juden in Pelzmützen, Gymnasiasten — es waren gerade Ferien — Männer mit Talles und ohne Talles. Nach Schluß des Gottesdienstes das übliche Bild: 2 Thorahlehrer, die um die Auslegung einer Thorastelle disputierten und um sie herum die neugierigen Zuhörer. Man plaudert, erzählt sich Neuigkeiten und geht schließlich nach Hause. Unterwegs trifft man Bekannte, die aus anderen Bethäusern kommen und man begrüßt sich .... Ein Wagen fährt vorbei. Drinnen sitzt ein Jude. Keiner der, die aus dem Bethause kommen, würdigt ihn eines Blickes. . . . * Den darauffolgenden Freitag verbrachte ich fast meine ganze Zeit im Judenviertel. Es hat eine große Ausdehnung, große Mauern, hinter denen unermeßliches Elend wohnt. Es war ein heißer Tag und auch am Abend wollte es nicht kühler werden. Die Fenster der Wohnungen waren daher weit geöffnet und vor der Haustür saßen Weiber und Kinder, denn die Männer waren beim Gottesdienst. Durch die offenen Fenster sah ich überall brennende Sabbath-Lichter, die sich schmuckvoll aus der im Zimmer herrschenden Armut abhoben. Denn aus einem Zimmer bestehen diese Wohnungen der Aermsten der Armen. Und daß Nr. 18 ihr nicht meint, in diesem Zimmer wohne nur eine Familie. Weit gefehlt! In einem solchen Wohnraum wohnen oft zwei oder mehrere Familien!! Das ist ja auch weiter kein Wunder! Denn der Zins ist in Lemberg wie eben in allen Großstädten sehr teuer und der Verdienst im Verhältnis hiezu sehr klein. Es herrscht hier daher schreckliches, echt galizisches Elend, erdrückende Armut. Man zeigte mir so eine Wohnung. Durch das offene Fenster sah ich in ein kleines Zimmer mit zwei Betten, auf denen sich ein Berg Bettzeug befindet. Auf dem einfachen Tische stehen zwei Paare Sabbathleuchter. Am Fenster sitzt eine alte Frau, mit dem Gesichte auf die Straße hinaus. Sie scheint andächtig zu beten ... Ich spreche sie an und sie erzählt mir: „In diesem kleinen Raum wohnen zwei, eigentlich drei Familien, denn auch meine verheiratete Cousine wohnt bei uns mit ihrem Mann, sie gehört nämlich zur Familie meiner Mutter. Alles in allem wohnen hier neun Personen" .... Neun Personen in einem kleinen Zimmer. Und es gibt noch viel ärgere Fälle von Elend als dieser. So sah ich in einem Raum zwölf oder vierzehn Personen, die sich gegenseitig in ihren Bewegungen hinderten und unter dem Dunst und der Schwüle in diesem Zimmer, das aber mehr eine Kammer war, furchtbar litten. Solche erschreckenden, menschenunwürdigen Wohnungsverhältnisse heirschen hier! . . . Niemals wird der Eindruck, den dieser Freitag- Abend auf mich machte, sich aus meinem Innern verwischen lassen! . . . Die Erfahrungen mit den jüdischen Kohlenarbeitern in Oberschlesien. Die „Frankfurter Zeitung" berichtet, daß die schlesischen Bergwerke mit den jüdischen Arbeitern schlechte Erfahrungen machen, wodurch das ganze Projekt, von dem sich die Freunde des jüdischen arbeitslosen Proletariats so viel versprochen haben, gescheitert ist. Aber dem ist nicht so. Die „Frankfurter Zeitung" ist sehr schlecht informiert. In der „Kattowitzer Zeitung", die an Ort und Stelle erscheint, lesen wir am 7. d. M. : „Diese Versuche sind nicht so schlecht ausgefallen, wie Pessimisten bei den aus ganz anderen Verhältnissen kommenden und mit dem Bergbau völlig unbekannten Leuten befürchtet hatten. Denn ihre Intelligenz und ihr leichtes Auffassungsvermögen, ihre Nüchternheit und das Vertrautsein mit der deutschen Sprache — der Jargon ist ja nichts anderes als ein verdorbener Dialekt — halfen über manche Schwierigkeiten hinweg. Es ist daher kein Wunder, wenn die Gruben diese Versuche weiter fortsetzen und nur bedauerlich, daß nur unwahre Berichte erscheinen, die geeignet sind, die ruhige Entwicklung der Angelegenheit zu stören. Um solchen Mißdeutungen entgegenzuarbeiten, entschlossen sich einige unparteiische Herren aus Kattowitz und Umgegend, sich aus eigener Anschauung ein Urteil zu bilden. Durch Nachfrage an Ort und Stelle sowohl bei den Arbeitern wie bei deren Vorgesetzten gewannen sie einen Ueberblick über die Art der Arbeit, die Löhne und alle sonstigen Dinge, die ihnen von Interesse erschienen. Sie erfuhren, daß

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