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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. IS «Neue National-Zeitung" Seite 3 allein in seinem europäischen Teile herrschen, unschwer vorauszusagen. Die Juden, die sich in Italien wirklich glücklich fühlen, denen viele Zeichen königlicher Gunst in diesem Lande zuteil werden, und die sich der vollen Gleichberechtigung mit allen Bürgern dieses Landes bewußt sind, werden gewiß den Frieden zwischen Italien und der Türkei mit Freuden begrüßen. Kein Zweifel, daß Italien seinen Schutz auch den Juden Nord-Afrikas gewähren wird. Am Ende unserer Jahreswanderung kehren wir, da wir wieder Gelegenheit hatten, die Eitelkeit menschlichen Tuns zu betrachten, zu den Worten Bedarschis zurück, der die Zeit mit einer morschen Brücke vergleicht. Aber sagt er von dieser Brücke, „sie führt dahin, wo das unvergängliche Glück wohnt, führt zum Anschau'n hin dessen, der tronet im Licht." Kämpfer für dieses Licht wollen auch wir sein: das unser schönstes und bestes Gelöbnis an der Wende des Jahres. Die Juden und der eucharistische Kongreß« Die imposante Versammlung der Katholiken, die sich in Wien zum eucharistischen Kongreß zusammengefunden hat, wurde von jüdischer Seite in zweifacher Weise beurteilt. Die von Juden geleitete „liberale" Tagespresse hat es versucht, die Frage der Eucharistie unter eine wissenschaftliche Lupe zu nehmen und hat den Kongreß als eine ultramontan-klerikale Demonstration bezeichnet, deren Hauptzweck darin besteht, die lässigen katholischen Gemüter der Großstadt mitzureißen und den gesamten klerikalen Heerbann Oesterreichs in Wien zu vereinen. Einen anderen Standpunkt nimmt das von der Seitenstettengasse geleitete Kanal-Blatt ein. Da werden Gespenster an die Wand gemalt, alle Greuel des Mittelalters, die gegen die Juden begangen und mit der angeblichen Hostienschändung in Zusammenhang gebracht wurden, werden heraufbeschworen, um dann zum Schlüsse mit klappernden Zähnen und schlotternden Knieen die Statthalterei und Polizei um Schutz gegen Pogroms anzuflehen . . . Sind wir in Wien, sind wir in Oesterreich wirklich schon so weit, daß uns die Greuel der mittelalterlichen Kreuz- und Flagellantenzüge mit ihren Judenmetzeleien und Plünderungen als eine Gefahr von morgen vorschweben können? . . . Wozu denn überhaupt diese provokatorischen Phrasen, diese Anrempelung der Kongreßmitglieder? Wo bleibt denn die so berühmte „Klugheit" des Herrn Dr. Stern? Will man denn angesichts des eucharistischen Kongresses beweisen, daß es auch jüdische Hetzpfaffen gibt, deren ganzes Um und Auf darin besteht, den Antisemitismus zu schüren, um ihn dann „bekämpfen" zu können? Die große Mehrheit der Wiener Judenschaft kann sich aber unmöglich mit einer derartigen Taktik einverstanden erklären. Die Juden müssen es ablehnen, zu Schutzjuden degradiert zu werden und ihren Gegnern neuen Stoff zur Lächerlichkeit zu bieten. Mit Zeitungsartikeln wird man übrigens das katholische Uebergewicht in Oesterreich nicht beseitigen, und da wir mit der streng katholischen Gesinnung der Dynastie, mit dem innigen Freundschaftsband zwischen der Dynastie und dem Papst, mit dem großen Einfluß der höheren Geistlichkeit auf den hohen Adel und die Spitzen der Bürokratie in Oesterreich rechnen müssen, haben wir keinen Anlaß, in der Abhaltung des eucharistischen Kongresses in Wien ein so epochales Ereignis zu ersehen, das zum Anlasse genommen werden könnte, die Juden durch erhitzte Phantasiegebilde aufzuschrecken. Die freie Wissenschaft, die vorurteilslose Forschung und die Aufklärung wird dieser Kongreß und mag sein Heerbann noch so groß sein, nicht aus der Welt schaffen und gerade sein streng katholischer Charakter legt ihm die Pflicht auf, jenen Grundsatz zu propagieren, der als der christliche kat'exochen hingestellt wird: die Nächstenliebe. Papst Pius X. hat dem Kongresse ein leuchtendes Beispiel dieser christlichen Gesinnung gegeben, indem er im Gegensatze zu seinem Vorgänger, Leo XIII., vor wenigen Tagen in einem Hirtenbrief ostentativ den Antisemitismus verwarf und ihn als u n c h r i s tlich brandmarkte. Das Oberste Haupt der katholischen Kirche hat diese bedeutende Enunciation gewiß nicht zufälligerweise, unmittelbar vor dem eucharistischen Kongreß erlassen. Und wer wird dadurch mehr betroffen, als gerade die Wiener Klerikalen? Wir sehen also in dem Kongresse nicht den geringsten Anlaß zu einer Beunruhigung deT jüdischen Bevölkerung, umsomehr, als der hohe Protektor dieses Kongresses, der Kaiser, eine sichere Garantie für das Verantwortlichkeitsgefühl der Führer und Veranstalter dieser Massenfestlichkeiten bietet. Statt uns durch diese kolossale Demonstration des Katholizismus aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen, lernen wir daraus den Einfluß und die Bedeutung der organisierten Massen: lernen wir das, was uns fehlt! L. Abraham Kahan: Judenelend in Lemberg.*) Auf meiner Reise von Krakau nach Lemberg hatte ich ein ganz interessantes Gespräch mit einem frommen und reichen Lemberger Juden über seine Heimatsstadt. Er schien über sie nicht gerade erbaut zu sein: — Mit unserer Stadt steht es sehr schiecht, sie ist stark heruntergekommen. * Wir entnehmen diese Skizze den .Reisebriefen", die Abraham Kahan im New-Yorker jiddischen »Vorwärts", dessen Chefredakteur er ist, anläßlich seines Besuches in Galizien veröffentlieht. Die R ed .1 k t i 0 n

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