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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 heute nur andere Namen für den Antisemitismus. Die Parteien treiben mit uns das alte Spiel: Wenn sie uns brauchen,, überfließen sie von liberalen Redensarten; wurden wir weidlich ausgenützt, dann werden wir zur Seite geschleudert. Das alte, ewigneue Bild, welches das Oesterreich des verflossenen Jahres darstellt. Ausblicke in die Zukunft zu machen, wäre kaum lohnend. Höchstens könnten wir sagen, es scheine, daß die finstere Reaktionszeit, in der wir, trotz der stattlichen Zahl von Sozialdemokraten im Parlamente, leben, auf lange sich zu etablieren gedenke. Und das Judentum in Oesterreich? Es schläft weiter. Kein Schopharruf vermag es zu erwecken. Auch der selig im Herrn entschlafene „Gemeindebund" nicht. . . Da hört man gar manchen sagen: Den Juden in Deutschland geht es nicht besser, wenn nicht sogar schlimmer, als denen in Oesterreich. Hier haben wir wenigstens jüdische Reserveoffiziere, zu dieser Höhe hat es Deutschland noch nicht gebracht. — Aufrichtig gesagt: Wir beurteilen die Lage der Juden nicht danach, ob der Sohn irgend eines Kommerzienrats Offizier werden kann oder nicht. Hundert Jahre sind seit der Emanzipation der Juden in Preußen vergangen. Hundert Jahre seit der Geburt Ludwig Philippsons und Berthold Auerbachs. Und die Beiden haben ja, jeder in seiner Art, für die geistige Befreiung ihrer deutschen Stammesbrüder gekämpft. Wenn wir nun heute die Lage der Juden in Deutschland richtig beurteilen wollen, ohne Schönfärberei, ohne grundlosen Optimismus, dann fragen wir uns nicht, wie viele Juden in Deutschland Beamte werden können, und wie ihnen noch immer das heißersehnte Ziel, Offizier zu werden, versagt ist, sondern wir lesen in dem Buche des Dr. Felix Theilhaber nach, das er, erschreckend genug, „Der Untergang der deutschen Juden" betitelt hat, und in dem er zeigt, wie die Auflösung der deutschen Juden auf dem Wege ist. Denn dieser furchtbare Statistiker hat nachgewiesen, daß die Geburtenzahl der deutschen Juden noch die der Franzosen unterbietet. Nimmt man die Mischehen, die erschreckend anwachsende Zahl der Taufen, die verschiedenen Degenerationserscheinungen noch dazu, dann freilich kann es uns wenig für die Zukunft der Juden in Deutschland trösten, wenn wir hören, daß die Leipziger Universität einen Lehrstuhl für die neuhebräische Sprache errichtet hat. Erscheinungen, wie sie Theilhaber in seinem Werke konstatiert, müssen bei jedem Denkenden die schlimmsten Besorgungen für die Zukunft des Judentums in Deutschland erwecken. Natürlich ist die Lage der Juden in Oesterreich und Deutschland eine paradiesische zu nennen, wenn wir sie mit der Rußlands vergleichen. Judenhetzen, Ausweisungen, Ritualmordkonstruktionen sind im Reiche der despotischen Willkür die gewöhnlichsten, alltäglichen Erscheinungen. Wir müssen wohl nicht an die Bejlis-Affaire erinnern, um zu zeigen, was in Rußland noch im 20. Jahrhunderte möglich ist. Die Leiche Juschtschinskis, dieses von einer Diebsbande ermordeten Knaben, welche wieder Anlaß gab, den unausrottbaren Aberglauben an den sogenannten „Ritualmord", zu erwecken, und dazu noch in Rußland, sie ist ein Beweis dafür, wie sich im Grunde unsere Zeit des Automobils und elektrischen Verkehrs, sehr wenig von der unterscheidet, da Bedarschi seine „Prüfung der Welt" schrieb und Philipp der Schöne die Juden aus Frankreich vertrieb. Da wir uns schon einmal in Gegensätzen be~- wegen, wollen wir Rußland England gegenüberstellen. König Georg V., der in dem gewaltigen Reiche den Tron seiner Väter bestiegen, hat durch seine ersten Regierungshandlungen bewiesen, daß er gewillt sei, den Ruf Englands, als eines Landes der Freiheit, zu erhalten ... Er geht da ganz in den Fußstapfen seines Vaters. Erst jüngst wurde der Generalanwalt Sir Rufus Isaacs zum Minister und Kommandeur des Viktoria-Ordens ernannt. Sir Rufus Isaacs ist der hervorragende jüdische Jurist, der die Untersuchung in Sachen des untergegangenen Riesendampfers „Titanic" führte. Welch' ein furchtbar erschütterndes Ereignis war es, da, zur Zeit, als wir unser Pessachfest feierten, dieses Riesenfahrzeug im Kampfe mit einem Eisberge unterging. Unsere Zeit ist an schreckliche Katastrophen gewöhnt. Das hastige Treiben unserer Tage, das nervöse Jagen nach Gut und Geld, die Eroberung der Luft und Erdentiefe, die Schnelligkeit, mit der Schiffe über die Meeresfläche dahingleiten, ebenso wie Eisenbahnzüge, elektrische Fahrzeuge, Automobile über Berg und Tal und Ebene, alle diese Errungenschaften der Gegenwart bringen es mit sich, daß das kostbarste Gut, das die Menschheit besitzt, der Mensch, sein Leben, seine Gesundheit, wenig geachtet wird. Was sich aber in der Aprilnacht des heurigen Jahres am Atlantischen Ozean ereignete, das kann nicht sobald vergessen werden. Auch nicht das heldenmütige Ringen der Menschen mit den Mächten der Natur . . . Auch nicht das greise, heldenmütige Ehepaar Isidor Strauß, das vereinigt im Leben, auch im Tode nicht geschieden werden konnte . . . Nur eines wissen wir nicht, ob im Anblicke dieses auch im Tode vereinigten Paares, die Judenfeinde noch immer von jüdischer Feigheit zu reden wagen dürfen . . . Freilich war Isidor Strauß ein amerikanischer Jude. Und Amerika ist auch der Erdteil, in welchem allein man es wagt, gegen den zarischen Despotismus Rußlands und die, allen Geboten der Humanität Hohn sprechende Tyrannei, mit der in diesem Sklavenreiche die Juden behandelt werden, zu protestieren. Im alten, reaktionären Europa zittert man eben vor den Machtgeboten des nordischen Herrschers. Frankreich, die mächtige Republik, verbrüdert sich mit dem Reussen-Beherrscher. Nur in Amerika erheben sich die Stimmen von Geistlichen gegen die russischen Greuel und die Regierung der Vereinigten Staaten kündigt Rußland den Handelsvertrag, wegen der Ausweisungen, die sich amerikanische Staatsbürger, welche zufällig Juden sind, gefallen lassen müssen. Ja, „Amerika, du hast es besser und bist auch besser..." Nicht nur das verflossene Jahr, auch noch das neueinziehende steht im Zeichen des Krieges. Wo alles an der alten Türkei, die sich zu erneuern und verjüngern versuchte, reißt, da konnte Italien nicht zurückbleiben und es nahm sich Lybien, die Cyrenaika, Tripolitanien; der Krieg währt nun nahezu ein volles Jahr und noch ist sein Ende kaum abzusehen. Die italienischen Berichte verkünden von Siegen und doch behaupten sich Türken und Araber den angeblichen Siegern gegenüber. Daß schließlich doch die Türkei den kürzeren ziehen werde, ist bei den chaotischen Zuständen, die im Osmanenreiche, und nicht

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