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Neue Nationalzeitung · 1912-09-13 · Heft 18 (13.9.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 18 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEÜ5 NflUOtML-ZBDUNG BERflUSGgBßR: OfS.R.LANDAU XIV. JAHRGANG. WIEN, 13. September 1912. Rosch-Haschanah-Betrachtungen, Rückschau auf das Jahr 5672. Von Professor Dr. Max Grünfeld. Nr. 18. Ums Jahr 1305 war es. Da lebte ein jüdischer Denker und Dichter, der seine tiefsinnigen Gedanken im wunderbaren Bilderschmucke vorzutragen verstand. Jedaja ben Abraham Penini hieß er, nach seiner Herkunft aus Beziers ward er auch „Bedarschi" genannt. Als „Wohlredner" bezeichneten ihn seine Zeitgenossen. In einem Lehrgedichte, das er „Bechinath Olani" („Prüfung der Welt") nannte, vertiefte er sich in die, bis auf den heutigen Tag, trotz Häckel nicht gelösten Welträtsel und sein Herz, das dem Weltschmerz zugeneigt war, überströmte in blühender Bildersprache in jenem Gedichte, in dem er seine Gedanken über Menschheit, Welt und Zeit äußerte. Moses Mendelssohn teilte zuerst in deutscher Sprache Proben davon mit, und so wurden mit dieser Dichtung Lessing und Goethe bekannt gemacht, die ihr die Bewunderung nicht zu versagen vermochten. Die Worte dieses Poems können als Motto für die Revue des Jahres gelten, die wir nun wieder passieren lassen wollen. Sie lauten: „Ein wildbrandendes Meer ist die Welt, weitreichend und grundlos, Eine Brücke die Zeit, schwebend darüber gebaut. Morsch ist die Brück' und wankend und nur an Seilen befestigt, Die schon vor dem Entsteh'n waren bestimmt zum Vergeh'n. Und du, Sterblicher, du Sohn des vergänglichen Staub's, Ach, von dem Tag' an, da du geworden ein Pilger der Erde, Mußt auf der Brücke du dich treiben, der schmalen, umher. . . Ach, ein Trunkener, wirst du taumeln zur Rechten, zur Linken Auf dem gefährlichen Pfad, welchen zu wandeln du hast . . . Sinken von Abgrund wirst du zu Abgrund sonder Errettung, Und kein Einziger spricht: „Gib ihn, o Tiefe, zurück!" Genug der pessimistischen Worte. Könnte sie nicht ein Moderner geschrieben haben? Diese trübe Weltanschauung mag aus der allgemeinen Stimmung der Juden der damaligen Zeit entsprungen sein. Für uns Juden ändern sich die Zeiten wenig. Im Jahrhunderte der Flugschiffe, in welchem dem menschlichen Geiste keine Höhe zu hoch, keine Tiefe unerforschlich ist, besitzen manche, und es sind wahrlich nicht die den unteren Gesellschaftsschichten Angehörigen, Anschauungen über Juden und Judentum, die dem Zeitalter des Bedarschi wenig an Rückständigkeit und Kurzsichtigkeit, an Engherzigkeit und Gemütsroheit nachstehen. Wir sind eben tief in der Reaktion drin und kein „liberales" Blatt, kein Phrasengerede von Freiheit und Gleichheit, vermag uns aus dem Sumpfe zu ziehen. Man höre nur auf die Reden, die in unserem Volkshause, das aus dem allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechte hervorging, gehalten werden, wenn das beliebte Judenkapitel wieder einmal behandelt und verhandelt wird. Vom niederösterreichischen Landtage, dieser Zwingburg des nacktesten Antisemitismus, nicht zu reden. Hat doch hier der dem ältesten Adel Oesterreichs angehörende Graf Colloredo die geschichtliche Entdeckung gemacht, man hätte im Mittelalter dem Juden Besitz von Grund und Boden verboten, weil er immer Bodenwucherer gewesen. Was hat es da für einen Wert, wieder einmal ein paar Juden aufzuzählen, die mit Orden und Titeln, Ehrenzeichen und Würden ausgezeichnet wurden. Die Christlich-Sozialen, mögen sie auch manche unheilbare Wunde erlitten haben, sind noch immer die Herrschenden geblieben, und, was verschlägt es auch für uns Juden, wenn an ihrer statt Deutsch-Radikale oder gar Deutsch- Liberale zur Herrschaft gelangen? Das Deutschtum, der Radikalismus, der Pseudo-Liberalismus, das sind

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