Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 17 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue G£MeiNt>e=^!> veREiNSNGCftRitMW Wien. In sämtlichen Synagogen und Bethäusern Wiens wurde anläßlich des Kaiser Geburtstages in herkömmlicher Weise ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet. Im Tempel in der Seitenstettengasse fanden sich sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Kultusvorstandes mit dem Präsidenten Dr. Stern und Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn ein. Die Beamtenschaft war durch den I. Sekretär kais. Rat Dr. Lieben vertreten. Das Kaisergebet verrichtete Oberrabbiner Dr. G ii d e m a n n, die Kaiserpsalmen sang Oberkantor Don Fuchs mit Chor. Eine halbe Stunde später fand der Festgottesdienst im Leopoldstädter Tempel statt, dem gleichfalls das Präsidium der Kultusgemeinde, die Bethausvorsteher und ein zahlreiches Publikum beiwohnten. Hier sprach Dr. K a m i n k a das Kaisergebet, während die Kaiserpsalmen vom Ersten Kantor Jur berger mit dem Tempelchor gesungen wurden. Wien. (Kaiserfestgottesdienst im Brigittenauer Tempel.) Diese, einem wahrhaften Herzensbedürfnis der jüdischen Bevölkerung entspringende Tempelfeier, wurde wie stets so auch heuer im Brigittenauer Tempei in besonders erhebender Weise begongen. Nach Absolvierung des Ma-Tauwu und eines der Bedeutung des Tages angemessenen Psalmes, welcher Aufgabe sich Oberkantor Basser in künstlerischer Vollendung unterzog, hielt Herr Rabbiner Dr. Armin Abel es die Festpredigt, welche die Weihe des Tages behandelte und das patriotische Empfinden allerZuhörer befriedigte. *u:n Weiras Der Handelskammerkongreß in Boston, der in der zweiten Hälfte September abgehalten wird, hat, wie wir in der Nummer 13 mitgeteilt haben, auch die Frage der Chikanierung ausländischer jüdischer Kaufleute in Rußland auf die Tagesordnung gestellt. Fs wurde geplant, über dieses Thema ein Referat erstatten zu lassen und sohin eine Resolution gegen das Verhalten der russischen Regierung zu fassen. Wie wir nun erfahren, hat die Ende Juni in Brüssel stattgehabte Delegierten-Konferenz jedoch den Beschluß gefaßt, diesen Punkt der Tagesordnung fallen zu lassen. Den Herren ist offenbar die Kourage ausgegangen. Von diesem Handelkammerkongreß werden wohl die Amerikaner, die in dieser Frage so unentwegt gegen Rußland vorgegangen sind, keinen großen Respekt haben. Die Rabbiner-Meiseisgasse in Krakau. Der Krakauer Gemeinderat hat den Beschluß gefaßt, ein Seitengäßchen im Krakauer Judenviertel nach dem ehemaligen Krakauer Rabbiner Berisch Meiseis zu benennen. Natürlich gilt dies nicht etwaigen Verdiensten des Rabbiners Meiseis in Krakau, wo er lediglich Rabbiner einer kleinen Minderheit in Krakau war, während der eigentliche Rabbiner der konservativen Majorität, wie Gerschon Bader vor einigen Jahren nachgewiesen hat, Rabbi S c h a u 1 e Landau war, sondern diese Ehrung gilt c)en polnischpatriotischen Verdiensten des Rabbiners Meiseis in Warschau, wo er zur Zeit der 63er Revolution eine führende Rolle innehatte. Krakau, diese berühmte Stätte jüdischer Gelehrten im Mittelalter, hatte fürwahr größere Männer als Rabbiner Meiseis in seiner Mitte. Aber der Krakauer Gemeinderat würdigt nur diesen einer Ehrung. -Zeitung" Nr. 17 Das russische Konsulat in Prag leistet sich in der Paßfrage eine ganz neue Einschränkung. Wir haben vor uns ein Zirkular dieses Konsulates, wonach nur solchen jüdischen Geschäftsreisenden der Paß vidiert wird, die eine handelsgerichtlich registrierte Prokura ihrer Firma nachweisen, Das ist neu. Denn bisher genügte bloß die schriftliche Erklärung der Firma mit einer Bestätigung der Handelskammer, daß die Firma protokolliert ist. Es wird also immer schöner. Die Wiener Handelskammer hat zwar in der Paßfrage eine Resolu'.ion beschlossen, aber die ganze Sache rührt sich nicht vom Fleck. Da muß gröberes Geschütz gegen den nordischen Bären ins Feld geführt werden. Sonst wird der Handelsvertrag von Rußland noch rücksichtsloser verletzt werden, wie das obige Zirkular beweist. Julius Rosenwald in Chicago, Besitzer des größten Warenhauses dieser Stadt, gilt mit Recht als ein großer Philantrop. Er ist für Chicago dasselbe, was Jakob Schiff für New York. Anfangs dieses Monates feierte er seinen 50. Geburtstag und aus diesem Anlasse spendete er nur die Kleinigkeit von — 3V2 Millionen Kronen (687.500 Dollars) für wohltätige und kulturelle Zwecke. Hievon entfallen je 1\4 Millionen Kronen auf die Universität von Chicago zur Errichtung eines Mädchen-Gymnasiums und auf den Verband der jüdischen Wohltäiigkeiisvcrcine behufs Förderung seiner philantropischen Zwecke. Von weiteren Spenden kommen K 250.000'— dem Hebrew Institute (eine -Bi/dungsansfalt für die jüdischen Einwanderer) zu, weitere K 250.000"— sind bestimmt zur Errichtung eines Erholungsheimes für Personen, die im Interesse des öffentlichen Wohles wirken (Social Workers). Herr Rosenwald hat aus diesem Anlasse auch an die Neger nicht vergessen, und zur Erricht ng einer Negerschule K 125.000.— gespendet. Vergleicht man diesen Wohltätigkeitssinn mit dem unserer Wiener jüdischen Millionäre, die, wie es sich in der jüngsten Zeit wiederholt gezeigt hat, sogar anläßlich ihres Todes für wohltätige Zwecke garnichts oder nur einen im Verhältnis zu ihrem Vermögen verschwindend kleinen Betrag hinter/assen, dann ergreift einen die Empfindung, die — nicht erst näher zu schildern ist. Schulim Schreier, Jankl Feuerstein und — derCzernowitzer Staatsanwalt. Lieber Leser, erschrick nicht! Glaube nicht etwa, daß plötzlich nach einem Jahr der Staatsanwalt von Czernowitz diese Herren wegen der Ereignisse von Drohobycz zur Veranlwortung gezogen hat. )m Gegenteil. Er hat sie sogar unter seinen Schutz genommen. Und das Opfer dieses Schutzes war unsere gesinnungsgenössische „Volkswehr" in Czernowitz. Die Redaktion dieses Blattes hat nämlich im Vertrauen darauf, daß die Notiz „Schulim Schreier, Jankl Feuerstein — und der Franz Josefs-Orden" in der letzten Nummer unseres Blatles von dem Wiener Staatsanwalt unbeanstandet blieb, diese abgedruckt. Das hat sich nun bitter gerächt. Die Czernowitzer Staatsanwaltschaft läßt Schulim Schreier und Jankl Feuerstein nicht beleidigen. So wurde denn die Notiz konfisziert. Also Vorsicht! Die Czernowitzer Staatsanwaltschaft weiß offenbar besser als die Wiener Staatsbehörde, daß Schulim Schreier und Jankl Feuerstein zu jenen „staatlichen Einrichtungen" gehören, die man nicht antasten darf. Hofburgtheater-Direktor Baron Berger, dessen unerwartetes Dahinscheiden einen so schweren Verlust für die deutsche Theaterwelt bedeutet, wurde wegen seiner liberalen und judenfreundlichen Gesinnung seitens der antisemitischen Presse als „Judenstämmling" bezeichnet. Sein Vater, ein gewesener Minister im Ministerium Auersperg, Johann Nepomuk Berger, soll nach dieser Version ein getaufter Jude gewesen sein. Der verstorbene Baron Berger hat diese Behauptung dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber für erfunden erklärt und betont, sein Vater sei arischer Abkunft gewesen. Dagegen,