Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 17 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Außer den portugiesischen Verbrechern und den Beamten der Garnison sieht man dort fast gar keine weiße Bevölkerung. Sogar Handel, Gewerbe und Industrie liegen in den Händen der portugiesischen Verbrecher. Freie Portugiesen kommen nicht hin; weder die Kolonisationsmöglichkeiten, nocli der Handel vermögen sie ins Land zu locken. Noch eines sei erwähnt: Die Portugiesen sind, wie es allgemein heißt, ein zähes Volk — sie überdauern Not und Leid und passen sich auch allen klimatischen Verhältnissen an; außerdem sind sie äußerst arbeitstüchtig. Bereits alle brasilianischen Eisenbahn-Linien Sind von Portugiesen gebaut worden. Und nichtsdestoweniger wollen sie von ihrem Angola nichts wissen. Die Ursache liegt einfach in folgendem: Außer den vielen Krankheiten und dem gelben Fieber, welche Krankheiten Folgeerscheinungen der großen Hitze sind, wütet in Angola noch eine spezifische Krankheit, die sogenannte „Verbani," von der die vielen anderen warmen Länder verschont sind. »Verbani" ist eine tötlich verlaufende Krankheit, die bei vielen Neuangekommenen als eine Art Wasserkrankheit im Unterleib und speziell in den Geschlechtsdrüsen auftritt. Es treten Schwellungen in den Genitalien auf und von einem radikalen Heilmittel kann noch nicht die Rede sein. Die portugiesischen Verbrecher und die Garnison haben viel unter dieser Krankheit zu leiden und deshalb ist das fruchtbare Land Angola wüst und leer. Es ist freilich nicht ausgeschlossen, daß Angola von diesen schweren Krankheiten einmal verschont werden wird, wenn man die Sümpfe beseitigen würde; aber eines ist sicher: die erste Generation, die Pioniere, werden wahre Opfer sein, wenn die Kolonisation Angolas durchgefühlt werden sollte. Der Jahresbericht der Baron Hirschu. Baronin Hirsch-Schulstiftungen. Die letzten, uns vorliegenden Jahresberichte des Kuratoriums der Baron Hirsch-Stiftung zur Förderung des Volksschulunterrichtes in Galizien und Bukowina, sowie der Baronin Hirsch-Stiftung zur Unterstützung von Knaben und Mädchen in Oesterreich umfaßten das Schuljahr 1910/1911. Die Berichte lehnen sich bis auf die Ziffern fast stereotyp ihren Vorgängern an. Das Kuratorium legt uns über seine Tätigkeit trockene Ziffern vor und wir haben die Möglichkeit, zu konstatieren, daß die Schulen sich in ihrem alten Geiste und nach der Schablone entwickeln, respektive ihr Dasein fristen. Wir müssen froh sein, daß von den 43 Volksschulen nicht noch welche im letzten Schuljahre aufgelöst wurden. Allerdings hatte das Kuratorium in seinem Bericht für das Schuljahr 1908/1909 einen kühnen Schwung genommen und ein bischen Zukunftsmusik getrieben, indem es in überschwenglicher Weise erklärte: „Die Baron Hirsch-Schulen müssen vermehrt werden, zunächst auf dem Lande, in jenen Dörfern und Marktflecken, wo öffentliche Schulen nicht existieren, dann in jenen, deren jüdische Bevölkerung sich derzeit nicht entschließen kann, ihre männlichen Kinder von nichtjüdischen Lehrern unterrichten zu lassen. Erst wenn ein ganzes, möglichst dichtes Netz von Stiftungsschulen Galizien bedeckt, haben wir Aussicht, das Erziehungswerk, wie es Baron Hirsch vor Augen hatte, zu einem gedeihlichen Abschlüsse zu führen." Für die einzelnen Stiftungsschulen werden in demselben Berichte, ein Arzt, eine Werkstätte und einige Joch Garten und Ackergrund als „Duft des Feldes" verlangt. Leider vermissen wir in den folgenden Berichten jede Angabe, in welcher Weise das Kuratorium bemüht war, diesem Programm näher zu kommen. Als Ende des Schuljahres 1908 1909 drei Stiftungsschulen aufgelassen wurden, da wurde dies mit einem Mangel an finanziellen Mitteln begründet, trotzdem noch in demselben Jahre der Gebahrungsausweis einen Überschuß von K 181.818-92 aufzuweisen hatte. Und wenn auch die Mittel nicht ausreichen würden, so wäre es ja Pflicht des Kuratoriums gewesen, für eine Vermehrung der Mittel zu sorgen. Wir denken dabei nicht an Subventionen des galizischen Landesausschusses oder der galizischen Kultusgemeinden, welche die Herren als für die Stiftung entwürdigend ansehen, sondern glauben, daß es Aufgabe jener Kuratoren, die entweder selbst Millionäre sind oder aber als Vertrauensmänner solcher fungieren, wäre, der Stiftung behufs Erweiterung ihres Wirkungskreises Zuwendungen zu machen oder zu verschaffen. Nach dieser Richtung ist seitens des Kuratoriums nichts geschehen. Es ist doch bequemer, statt im Interesse der Bevölkerung seinen Wirkungskreis zu erweitern, über Mangel an Mittel zu klagen und sonst nichts zu machen. Der ganze Apparat geht ja dank der vorzüglichen Beamtenschaft von selbst und so ist es wirklich herzlich gleichgiltig, ob Dr. Adolf Stein oder irgend eine andere allen jüdischen Interessen noch eisiger gegenüberstehende Person Präsident des Kuratoriums ist. Wie aus dem Jahresbericht hervorgeht, wurden in den 43 Volksschulen in 140 Klassen 6149 Schüler unterrichtet. Die Erhaltung dieser Schulen kostete K 447.814-60. Ueberdies hat die Stiftung in ganz Galizien und Bukowina 14 Abendkurse für Analphabeten erhalten. Da hat sie sich offenbar sehr angestrengt! Die Schulen wurden von 519 Schülern (!) besucht und kosteten K 1610-62. Auf dem Gebiete des Handwerks war die Stiftung durch Unterbringung von 284 Lehrlingen im Laufe des Schuljahres tätig, so daß die Gesamtzahl der von der Stiftung untergebrachten Lehrlinge am 1. September 1911 418 betrug. Hievon wurden die meisten und zwar 113 im Schneidergewerbe untergebracht; hierauf folgen Tischler (61), Spengler (40) und Schuhmacher (36). Die Baronin Hirsch'sehe Stiftung wieder, deren Tätigkeit eine mehr humanitäre ist, hat es ermöglicht, daß die die Volksschulen besuchenden Kinder mit Kleidungsstücken versehen und ausgespeist wurden. Die edle Absicht der unvergeßlichen Stifterin, jüdischen Mädchen in Galizien und in der Bukowina eine Erwerbsbeschäftigung zu schaffen, wird erfüllt durch die Erhaltung von 5 Mädchenschulen, in welchen die Mädchen vorzugsweise zu Dienstboten und Köchinnen herangebildet werden. Diese Schulen entsprechen gewiß einem dringenden Bedürfnisse, aber gerade deswegen können diese Schulen, die kaum von 100 Mädchen besucht werden, im Verhältnis zu den großen Aufgaben, die ihnen eigentlich bevorstehen, nur wenig in Betracht kommen. Man denke doch nur an die Massentaufen jüdischer Mädchen in den Klöstern und an die zahlreichen Opfer, welche von Mädch en händler n gerade aus Galizien entführt werden. Gerade auf dem Gebiete hätte das Kuratorium eine Volksmission zu erfüllen. Ist den niemand im Kuratorium, der demselben neue Pfade weisen würde?