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Neue Nationalzeitung · 1912-08-30 · Heft 17 (30.8.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 17 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 „Neue National-Zeitung" Seite 3 die Einheit des Familienlebens von der Willkür eines jeden Polizisten ab. In den Jahren 1904 bis 1907 sind verschiedene Bemühungen unternommen worden, um die Lage der Juden zu bessern. Ein Zirkular Stolypins vom Jahre 1907 verfügte, daß die Ausweisung von Juden, die sich ungesetzlich außerhalb des Ansiedlungsrayons befinden, aufzuhören habe. Bald darauf hat sich jedoch diese Praxis geändert. Leute, die das Recht hatten, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen, wurden fortgejagt, weil sie als „politisch unverläßlich" erklärt wurden. Im Jahre 1910 wurden aus Kiew 1150 jüdische Familien ausgewiesen, aus der Vorstadt Demijewka 238 Familien; dies geschah auf ausdrücklichen Befehl aus Petersburg. Zu bemerken ist, daß in manchen Fällen die Gouverneure die Bevölkerung gegen die Juden aufhetzen. Doch wozu soll ich den Leser durch alle diese Einzelheiten belästigen,die doch im vorliegenden Buche genau nachgelesen werden können, insbesondere im Kapitel IX, welches die ganze Aera der gesetzlichen Verfolgung genau beschreibt. Meine Aufgabe ist es nicht, hier eine ganze Liste der Grausamkeit anzuführen, sondern meine Anklagen gegen das ganze System, unter dem die jüdischen Untertanen des Zaren mißhandelt und degradiert werden, zu begründen. Ich bin zu Ende. Die Juden in Rußland bemühen sich diesen Unterdrückungen durch die freiwillige Auswanderung zu entgehen. Die Statistiker der jüdischen Auswanderung in Rußland, so unvollkommen wie sie sind, beweisen genügend diesen Sachverhalt. Ich habe behauptet und behaupte dreist: das schlimmste Uebel des russischen Despotismus ist, daß er die jüdischen Untertanen des Zaren mit moralischer Entwertung bedroht. Die Existenz des Ansiedlungsrayons, die Verweigerung der allgemeinen, von jedem zivilisierten Staate allen seinen Bürgern gewährten Rechte, vor allem die absolute Abhängigkeit der russischen Juden von der wachsenden Laune einer jeden machthabenden Persönlichkeit, vom Zaren herunter bis zum kleinsten Polizeibeamten, erniedrigt die Opfer der Tyrannei und muß sie erniedrigen. Ueber diese Vorgänge ist man verpflichtet, wenn man darüber spricht, mit aller Kl ar heit zu sprechen. Das heroische Erdulden von Verfolgungen und Mißhandlungen, die seitJahrhunderten andauern, ist der höchste Ruhm des Judentums, so wie die Durchführung derselben eine der schmerzlichsten Erscheinungen — zwar nicht des von Jesus gelehrten Christentums, sondern der wirklichen Geschichte der Christenheit ist. Allein kein Volk, keine menschliche Gesellschaft lebt je ungeteilt auf der Höhe von Heldentum und Martyrium. Die sonderbare Diskussion der abstoßenden Frage, ob die Taufe in Rußland einen Juden von den Rechtsbeschränkungen, denen er unterworfen ist, befreien darf, erzählt ihre eigene Geschichte. Sie erzählt uns, daß die Gewalt in Rußland, wie anderswo, das schrecklichste ihrer ab^ scheulichen Leistungen zutage fördert: zuerst erniedrigt die despotische Macht ihre Opfer und verteidigt hin^ terher ihre eigene Existenzberechtigung mit der Ausrede, daß ihre Opfer der Freiheit und Gerechtigkeit nicht wert sind. Soll nun der mit Verfolgung verbundenen Gewaltherrschaft nicht der feierliche Protest von Engländern entgegengestellt werden? Das ist die Frage, welche dieses Buch der öffentlichen Meinung in Rußland unterbreitet. Sie ist verpflichtet, diese Frage gewissenhaft zu prüfen. Die Verfolgung der Juden in Rußland ist ein Thema, welches nicht Rußland allein angeht. Tausende verarmter ungebildeter Männer und Frauen müssen in andere Länder auswandern und das bedeutet für hochzivilisierte Staaten eine schwere Last der Unwissenheit und Armut. Diese Last aber ist, soweit es sich um England handelt, so schwer, daß sie alle die großen Opfer, welche im Interesse der physisehen und moralischen Hebung der eigenen Bevölkerung gebracht werden, zunichte machen kann. Indes die Judenverfolgung in Rußland zeitigt schlimmere Resultate als dieses. Denn sie bedeutet die Auferstehung einer sittlichen Ungeheuerlichkeit, von der nun gedacht halte, daß sie bereits aus der Welt geschwunden sei. Es ist sicherlich das Interesse eines jeden zivilisierten Staates, daß der langsame und mühselige Fortschritt der Menschheit keine rückläufige Bewegung mache. England hat das Recht, einen neuen Ausbruch der Verfolgungswut öffentlich anzuklagen, genau wie es gegen die Erneuerung der gerichtlichen Folter in irgend einem europäischen Lande zu protestieren berechtigt wäre. Jeder Staat der zivilisierten Welt ist befugt, wenn nicht auf anderer Weise, so wenigstens auf dem Wege der Anklage gegen die Hemmung der Zivilisation aufzutreten. Die Wahrheit über Angola. Wiewohl sich die Wiener „Ito"-Konferenz gegen das abenteuerliche Angola-Projekt mit aller Entschiedenheit ausgesprochen hat, scheinen einige exotisch veranlagte Herren das Projekt noch nicht fallen lassen zu wollen. Es begibt sich oder hat sich schon eine „Expedition" nach Angola begeben, um den Boden und das Klima zu „prüfen". Es ist schade um das Geld, für das gewiß einige Hundert jüdische Familien versorgt werden könnten- Am beredsten ist wohl der Bericht eines Mannes, der selbst in Angola gewesen ist und seine Wahrnehmungen im Warschauer jiddischen Tagblatt „Der Fraind", vom 15. d. M. veröffentlichte. Er diene den Angola-Schwärmern zur Warnung. Abe R u m a n o w, ein Minsker Jude, verbrachte volle 18 Jahre in Angola und kehrte erst vor einigen Monaten in seine Heimat zurück, ein halber Neger, schwarz, verbrannt. Er erzählt: Angola ist ein afrikanisches Land und liegt im Tal. Die Hauptstadt Angolas, Lorenso-Markus, liegt an der Meeresküste und ist von Lissabon über Neapel in 9 Tagen Reise zu erreichen. Dies ist der nächste Weg. Eine andere Verbindung außer übers Meer gibt es nicht. Gegenwärtig dient Angola als Verbannungsort für portugiesische kriminelle Verbrecher. Politische Verbrecher gibt es dort nur wenige. ObwoUl Portugal ein armes Land ist und die Portugiesen dem Ackerbau zugeneigt sind, lassen sich dennoch nur wenige Portugiesen in Angola nieder, obwohl Angola gutes, fettes Ackerland besitzt und es einem jeden Portugiesen frei steht, den Boden dortselbst zu bearbeiten und zu expJoitieren. Sie emigrieren Heber nach Brasilien, obwohl die Reise dorthin 22 Tage dauert und nach Angola nur 9 Tage. Und so wie Angola uns russischen Juden noch ein unbekanntes Land ist, so fremd ist den Portugiesen selbst ihr eigenes Angola, das Land „wo Mflch und Honig fließt". Die Bevölkerung Angolas bestellt hauptsächlich aus afrikanischen N e gern, die sich mit Ackerbau "beschäftigen und in sehr dürftigen Verhallnissen leben.

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