Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 16 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung" Seite 11 endlich vereint zu sehen, aber ihre sehnlichsten Wünsche scheiterten bisher an der pekuniären Hilflosigkeit. Für heute aber ruhen die Sorgen, in der Stube herrscht eine feierliche Stimmung und momentan den Widerwärtigkeiten der Werkwoche entrückt, läßt man sich die Sabbatruhe behagen. An diesem Tage ist Berl, der Belfer, Gast am Tische seines Schwiegervaters in spe, und Malke, die Braut, trotzdem sie bereits über die Jahre der Romantik hinaus, schlägt fortwährend die Augen nieder. Aber unerbittlich, unaufhaltsam ist die Zeit und dahin ist der Ruhetag. Wiederum werden die Lichter angesteckt, aber in der „Gasse" beginnt auch schon das geschäftliche Treiben. Berl verabschiedet sich von seiner „Kalle" und der nächste Samstag winkt ihm wie eine Oase in seiner sechstätigen Sandwüste. Beim Weggehen vertraut er ihr, daß er in die Lotterie gesetzt habe. „Vielleicht ist uns das Glück hold", schließt er mit einem Seufzer, Sie errötet und ein „ach" entzitiert ihren Lippen. Leib, der Trödler, hält über seine eingehandelten Kleidungsstücke Revue, setzt in seinem Geiste für jedes Stück den Verkaufspreis fest und langt nach dem letzten, im gräflichen Palais erworbenen Rocke. Er betrachtet den beinahe noch neuen Stoff, wendet ihn wohlgefällig nach allen Seiten und aus der Brusttasche fällt ein harter Gegenstand auf den Fußboden. Überrascht hebt er ihn auf und gewahrt eine feine Brieftasche. Er betastet sie von allen Seiten, sie scheint nicht leer zu sein, ein Druck, das Stahlschloß springt auf und — nagelneue Banknoten starren ihm entgegen,........... Mit einem leichten Aufschrei sinkt er auf einen Stuhl, wie geistesabwesend um sich schauend, fährt mit der Handfläche über die Stirne und die geöffnete Brieftasche zittert in seiner Rechten. Eine Weile sitzt er sprachlos, seine Pulse hämmern, wirre Gedanken durchkreuzen sein Hirn und er wagt nicht, genauer den Fund zu untersuchen. Endlich rafft er sich empor, zieht die knisternden Bankbillets heraus und zählt 10 Stück ä fl. 50'—. Ein fröstelndes Leben überfällt seine Glieder, wie betäubt schließt er die Augen und seine Lippen bewegen sich: „Fünfhundert Gulden! Ach, was für schöne Mitgift für meine Malkeleben. Mit diesem Gelde könnten sich die jungen Leute einen Hausstand gründen, ein Geschäftchen anlegen, könnten zufrieden, glücklich werden, und er, der Graf — der reiche Herr — würde diesen Verlust gar nicht verspüren. Eine Entdeckung ist so gut wie ausgeschlossen, denn, wie Jean, der Lakai, mir erzählte, hat er den Rock schon vor zwei Wochen vom Grafen zum Geschenk bekommen, wenn er also bis heute das Geld nicht vermißt, so wird er vielleicht nie daraufkommen, daß es überhaupt fehlt. Ich könnte damit das Glück meines Kindes begründen und der Magnat wäre nicht ärmer. Soll ich?" Er hielt in seinem Monolog inne, schlug die Augen auf und sein Blick fiel auf Frau und Tochter. Die Letzteren bemerkten nichts von seiner Erregung, denn Leib befand sich in einer Nische und vor ihm waren diverse Kleidungsstücke pyramidenartig aufgestapelt. „Soll ich?" begann er wieder, „soll ich sie zu Rate ziehen? Nein, ich will diesen Kampf allein auskämpfen. Groß ist die Versuchung, denn es handelt sich ja um ein ganzes Vermögen. Fünfhundert Gulden! Fürwahr, lange, schon lange war solch ein Betrag nicht in meinem Besitze. Also, soll ich das Geld einstecken? Es ist richtig, zu befürchten wäre nichts und Malkeleben könnte wirklich in Freuden heiraten. Aber, aber soll der Grundstein ihrer zukünftigen Existenz ein sündhafter sein? Soll ich deshalb eine Sünde begehen? Soll ich auf meine alten Tage mein Gewissen belasten, meine bis jetzt reinen Hände mit einer frevelhaften Tat besudeln? Nein, und tausendmal nein! Ich bin arm, aber ehrlich und will Niemandem Unrecht tun. Wenn es Gottes Wille ist, daß meine Tochter heirate, so wird er mir auf eine ehrliche Weise dazu verhelfen. Morgen mit Tagesanbruch stelle ich die Brieftasche nebst Inhalt ihrem rechtsmäßigen Eigentümer zurück und jetzt will ich von meinem Funde keine Erwähnung tun, denn wer weiß, man könnte es versuchen, meinen einzig richtigen Entschluß zu erschüttern." „Gott, Dir vertraue ich die Zukunft der Meinigen an, Du wirst sie nicht veilassen." Der Tag graute kaum im Osten, als Leib, der Trödler sein Lager verließ. Um aufrichtig zu sein, müssen wir eingestehen, daß er die ganze Nacht kein Auge schloß und fieberhaft aufgeregt sich herumwälzte. Die Brieftasche unter seinem Kopfkissen lastete ihm zentnerschwer auf der Brust und er konnte keinen Schlaf finden. Während der langen, schlaflosen Nacht kehrte die Versuchung mehr als einmal wieder und es bedurfte des Aufgebotes all seiner moralischen Kräfte, um in diesem Kampfe nicht zu unterliegen. Er verließ frühmorgens seine Wohnting, machte sich auf den Weg und die frische Morgenluft wirkte beruhigend auf seine aufgeregten Lebensgeister. Da es noch zu früh war, um zum Grafen gelangen zu können, trieb er sich in den noch wenig belebten Straßen herum. Endlich glaubte er beim Magnaten schon vorgelassen werden zu können, und er betrat das Palais. Hier begegnete er der noch halbverschlafenen Dienerschaft und die glotzte den Trödler verwundert an, was der in so früher Morgenstunde und obendrein am Sonntag da zu suchen habe. Leib bat, man möge ihn dem Grafen anmelden, da er denselben in einer wichtigen, den Grafen betreffenden Angelegenheit sprechen müsse. Aber der Aristokrat ruhte noch in den Federn und Leib mußte über eine Stunde im Korridor warten. Endlich wurde er in ein Vorzimmer geführt und der Kammerdiener verlangte, daß er sein Begehren nenne, denn sonst könnte er ihn nicht anmelden. Leib erwiderte, daß er dem Grafen einen diesem abhanden gekommenen kostbaren Gegenstand zurückzustellen habe. Die Dienerseele machte große Augen und eilte in die inneren Appartements. Wiederum verstrich gegen eine halbe Stunde, befangen antichambrierte Leib in dem luxuriös ausgestatteten Vorsaale und getraute sich nicht Platz zu nehmen. Endlich tat die Tür sich auf und er befand sich dem Grafen gegenüber. Dieser war noch im Schlafrocke, ruhte mit vornehmer Nonchalance in einem Fauteuil, hatte die Beine übereinandergeschlagen und blies die blauen, aromatischen Wolken seiner Morgenzigarre von sich. Der Trödler betrat mit einer tiefen Verbeugung das Gemach, zog die Brieftasche hervor und erzählte, sie hinhaltend, auf welche Weise er in ihren Besitz gelangte, öffnete sie und zählte den Inhalt auf den Tisch. Der Graf vermochte anfänglich seine Ueber-