Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 16 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue Nationai-Zeitung" Nr. 16 sichtigung findet der Antisemitismus in den besseren Sphären. Die Vertreter dieser Kreise meiden den jüdischen Verkehr; in jüdische Häuser, mögen sie noch so vornehm ausgestattet sein, mietet man sich nicht gerne ein und in den Badeplätzen ist die Ausschließung der Juden aus den besseren Hotels so offenkundig, daß die Juden sich besondere Badeplätze wie Long Branch, Far Rockaway und andere aussuchen mußten, die schon ganz jüdisches Gepräge tragen. Die reichen amerikanischen Juden suchen deshalb im Sommer gern die europäischen Bäder auf. Ein ganz eigenartiger Ostrazismus gegen Juden blüht in den Ptivatschulen. Dort herrscht eine Prozentnorm ä la Kusse, sagte der Professor. Es wird darin nur eine geringe Anzahl jüdischer Kinder geduldet. Die Folge davon ist, daß gar manche Eltern, um ihren Kindern die Aufnahme in die beliebte Schule zu ermöglichen, nach Marannen-Art, ihr Judentum verleugnen. Aehnliche Verhältnisse herrschen unter den Studenten der Universitäten. Die Studentenvereine, wissenschaftliche und sportliche, sind meistens j u d e n r e i n, so daß die jüdischen Studenten gezwungen sind, sich in eigenen jüdischen Vereinen zu gruppieren. Ich z. B., fügte der Professor hinzu, bin Professor, als solcher könnte ich wohl in den University-Klub Aufnahme finden, als Jude aber würde ich zweifellos zurückgewiesen werden. An meiner Universität sind zwar noch sechs bis sieben jüdische Professoren, aber keiner außer mir bekennt sich offen zum Judentum. Man darf nicht vergessen, fügte der Professor gewissermaßen als Entschuldigung dieser häßlichen Neigungen hinzu, man darf nicht vergessen, daß die ungeheure Zunahme der Zahl jüdischer Einwohner in den Vereinigten Staaten diese Gefühle genährt hat. Dabei sind die Juden fast alle in den großen Zentren angesammelt. Von den 4 Millionen Seelen New-Yorks gehört eine Million den Juden. Jeder vierte New-Yorker ist also ein Jude. Broadway ist, wie das Sprichwort sagt, von den Juden erobert. Man braucht ein Fernrohr, pflegt man zu sagen, um in Broadway eine nichtjüdische Firma zu entdecken. Aber diese Abneigung gegen die Juden hat auch ihr Gutes, Die von den besseren Gesellschaftskreisen ausgestoßenen Juden bleiben auf ihre eigenen Brüder angewiesen. Die völlige Assimilation wird aufgehalten. Sogar die Reform kommt von ihren Extravaganzen ab, da die restlose Amerikanisierung ja doch nicht durchtührbar ist. Ueberall mehren sich die Zeichen, daß man sich auf sein Judentum besinnt. Französische Auszeichnungen für jüdische Offiziere. Bekanntlich pflegt am 14. Juli, dem Tage des Nationalfestes der französischen Republik, alljährlich ein Ordensregen auf Offiziere und Zivilisten sich zu ergießen. Wenn wir nun die Liste der mit den höheren Klassen der Ehrenlegion bedachten Generäle und Offiziere durchfliegen, so sehen wir, daß ein reichliches Maß des heißersehnten Ordenssegens für jüdische Generäle vorgesehen ist. So empfingen das Großkreuz der Ehrenlegion die beiden israelitischen Divisionsgeneräle von den Kolonialtruppen : Jacques Mercier-Melon und Daniel Winckel-Mayer; die Kommandeurkrawatte ist den jüdischen Brigadegenerälen J. Lucas, Abel Treitmann und Simard Simon verliehen, ebenso dem Militärintendanten Abramovitch; das Offizierkreuz empfingen folgende Brigadegeneräle : Gendre, Raffanel, Herz und A 1 v a r e z, sowie der Intendant David Betel. „Judenreine" Kurorte und Hotels. Die „Deutsch-Sociale Blätter", das bekannte Organ der reichsdeutschen Antisemiten veröffentlicht in der Nr. 60 vom 27. Juli d. J. ein ausführliches Verzeichnis der „Bade-, Kur- und Erholungsorte", die als „judenrein" „für die Reisezeit" empfohlen werden. Wir denken, daß es auch unseren Lesern angenehm sein wird, diese Adressen zur entsprechenden Würdigung kennen zu lernen. Da uns jedoch für diese Spezialitäten nur wenig Raum zur Verfügung steht, wollen wir uns auf die Adressen in Oesterreich und Bayern beschränken; Berchtesgaden: Villa Minerva; Pension Matterlehen. Bozen: „Zur weißen Rose"; „Zum Riesen". Chiemsee: Die Fraueninsel. Innsbruck; Hotel Kreid; die Gasthöfe „Zum weißen Kreuz" und „Zum roten Adler". Karlsbad: Hotel Morgenstern; Hotel National; Hotel de Russie; Residenz-Holel; Haus Englische Krone; Alte Wiese; Haus Römischer Feldherr; Neue Wiese; Haus Oelzweig, Marienbadestraße; Haus Italia, Schloßberg; Haus Florenz, Schloßberg; Haus Stadt Warschau, Kaiserstraße; Haus Malta, Kaiserstraße; Haus Rosenstock, Kaiserstraße; Haus Brandenburger Tot, Kreuzstraße; Haus Germania, Schloßberg; Haus Preußische Krone, Egerstraße; Haus Egeria, Egerstraße; Haus Diamant, Egerstraße; Haus Abbazia; Gasthof Alt-Heidelberg; Buchhandlung Hermann Jakob; Elisabethhof. Kieferfelden am Inn: Gasthof zur Gräfin von Kufstein. Kitzbühel (Tirol). Kufstein: Gasthaus „Zur Schanz" bei K.; „Sandwirt zum Sparchen* bei K. Montavon (Vorarlberg). Mühlgraben bei Oberandorf (Tirol). Neustadt an der Tafelfichte im Isergebirge (Böhmen). Oberandorf am Inn (Tirol). Oberbozen (Tirol). R e n t s c h bei Bozen. Schärding am Inn: Kuranstalt Dr. Ebenhecht. Schalder s-W i 1 d b a d (Südtirol). Schreiberhau im Riesengebirge. Seis in Tirol: Hotel Dolomitenhof. Szczawnica (Galizien). Dieser Kurort ist Eigentum des galizischen Landesausschusses. Der Antisemitismus in Szczawnica. Dieser galizische Kurort gilt als Heilstätte für Brustkranke und'wird von polnischen Juden, denen die Verhältnisse nicht gestatten, weitere Reisen zu unternehmen, besucht. Es ist aber eine Schmach, wie die unter Aufsicht des Landesausschusses stehende Badeverwaltung die Juden drangsaliert. Wie von dort berichtet wird, hat am 24. Juli ein Badedtener einen Rabbiner, weil er zum Brunnen das ärztliche Rezept nicht mitbrachte, bei den LöcKclien (Pejes) gepackt und aus der Halle gezerrt, ein anderer Diener ging hinter dem Rabbiner und versetzte ihm Fußtritte. Als sich Jie jüdischen Kurgäste darüber beim Badeverwalter Maniecki beklagen wollten, ließ dieser gegen die Masse den Wasserhydranten Jos ... . Diese schmachvollen Zustände wiederholen sich alljährlich und doch hat sich von den fünf Hausjuden, die im galizischen Landtage sitzen, noch keiner die Zeit genommen, hier Wandel zu schaffen. Allerdings haben sie auch keine Zeit; sie müssen ihren Geschäften nachgehen. Schulim Schreier, Jankel Feuerstein und der Franz- Josefs-Orden. Herr Schulim Schreier in Drohobycz hat vor einigen Tagen den Franz-Josefs-Orden erhalten. Durch welche Verdienste sich dieser neueste „Ordensritter" das Anrecht auf einen Orden erworben hat, weiß kein Zeitgenosse — mit Ausnahme des Abgeordneten Nathan von Löwenstein. Dieser hat die Sache „gemacht". Er war damit Monate hindurch beschäftigt, und es ist daher keine Wunder, daß er an die Interessen der galizischen Juden nicht denken konnte. Das Interesse Löwensteins für Schulim Schreier erklärt sich wieder dadurch, daß dieser ein Onkel von Jankel Feuerstein, dem Hauptverbrecher an dem Blutbade in Drohobycz, ist. Jankel Feuerstein hat bereits den Franz-Josefs-Orden und so hat Löwenstein dem nächsten Verwandten seines Hauptagitators den Orden verschafft. Der Franz- Josefs-Orden als Anerkennung für Massenmorde — das ist wohl nur eine österreichische Spezialität. Gegen die Massentaufen in Kiew. Eine jüdische Massenversammlung in Kiew nahm gegen die Taufseuche mit nachfolgender Resolution Stellung: „Mit tiefem Schmerze sehen wir es, daß in der letzten Zeit unter unserer Intelligenz die Fälle des Austrittes aus dem Judentum sich häufen. Es geschieht dies nicht aus innererU eberzeug ung, wir kennen und empfinden nur zu gut die traurige Lage, in der sich viele von uns befinden, die der menschlichen Rechte und der Möglichkeit beraubt sind, ihre geistigen und körperlichen Kräfte auf dem Gebiete voll auszunutzen, für welches sie in sich die Eignung besitzen. Dem jüdischen Volke ist ein Los vielhundertjähriger Bedrückung und Erniedrigung zuteil geworden. Wir begegnen den Verfolgungen auf unserem Lebens-