Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 16 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung" Seite 7 dabei doch billiges und rituell zubereitetes Essen zu erhalten. So kostet ein Mittagmahi 52 respektive 56 h und ein Nachtmahl 40 beziehungsweise 44 h. Abgesehen davon, daß an ärmere Kollegen sogar Freimarken, heuer im Betrage von K 404'— ausgegeben wurden. Selbstverständlich arbeitet der Verein daher mit einem Defizit, das nur durch die hochherzigen Spenden aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs gedeckt werden kann. Tätigkeitsberichte werden auf Verlangen jedermann zugesandt. Spenden sind an die folgende Adresse zu richten: Verein jüdischerHochschüI.er „Mensa academicaJudaica" Wien, IX., Pramergasse 31. Wien. Die jüdischen ^Turnvereine Westösterreichs wurden bei dem am 26. und 27. Mai d. J. zu Berlin abgehaltenen Verbandsturntage zu einem eigenen Kreise vereinigt. Dieser Kreis, der die jüdischen Turnvereine B i e 1 i t z, B o s k o w i t z, Brünn, Graz, Iglau, Mähris ch-Ostrau, Proßnitz, Wien I. Jüdischer Turnverein, Jüdischer Turnverein Favoriten, Fünfhaus v.nd den Sportklub Hakoah umfaßt, wird bereits im Dezember d. J. den ersten Kreisturntag, verbunden mit einem großen Kreisschauturnen abhalten. Wien. Anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers finden Sonntag, den 18. August 1912, in den Gemeindebethausein der Wiener israelitischen Kultusgemeinde feierliche Gottesdienste statt und zwar: Im Stadttempel, I., Seitenstettengasse 4, um 9 Uhr vormittags; im Leopoldstädtertempel, IL, Tempelgasse 3, um;i 410 Uhr vormittags. im Fünfhausertempel, XV., Turnergasse 22, um 7 Uhr früh; im Ottakringertempei, XVL, Hubergasse 8, um ',28 Uhr früh; im Währingertempel, XVJ1I. Schopcnhaucrstr. um 7 Uhr früh; im Floridsdorferternpel, XXL, Schindlergasse 4, um 9 Uhr xormWags. Im Brigittenauer Vereinstempel, XX., Kluckygasse Nr. 11, findet der Festgottcsdienst Sonntag, den 18. d. M., 11 Uhr vormittags statt. W> ALL6N WElXCCiUN Hofrat Hermann Garfein. Dem Oberlandesgerichtsrat Hermann Garfein beim Oberlandesgerichte in Lemberg wurde der Titel und Charakter eines Hofrates verliehen. Ks geschah dies deshalb, weil ein Nach mann desselben an den Obersien Gerichtshof vor Monaten zur Probepraxis berufen und dann auch zum wirklichen Hofrat ernannt wurde. Dafür erhält nun Herr Garfein ein Pflaster. Warum wurde er aber nicht selbst an den Obersten Gerichtshof berufen? Er ist ein vorzüglicher Jurist, er ist an der Tour, seine polnisch-nationale Gesinnung steht außer Zweifel! Und dennoch! ... Herr Garfein ist nämlich Jude und der Polenkltib mitsamt seinen Hausjuden sehen sich nicht veranlaßt, beim Justiz-Minister zu intervenieren. Ordensschacher für ihre Agitatoren, dazu können sich schon die Hausjuden emporschwingen; aber einen tüchtigen jüdischen Richter, schon um des Prinzips wegen, an den Obersten Gerichtshof zu bringen - das bringen selbst sieben Moschkos nicht zustande. Eine neue Falascha-Expedition. Im Oktober d. J. wird Dr. F a i 11 o v i c h, dessen zwei frühere Reisen zu den Falaschas von so bedeutendem Erfolg begleitet waren, wiederum nach Abessynien gehen. Er wird sich zunächst in die italienische Kolonie Eryträa begeben, um von dort aus die Expedition zu den Falaschas auszurüsten und die notwendigen Vorbereitungen für die Errichtung einer Schule einzuleiten, Bei den Falaschas selbst wird er sein Augenmerk hauptsächlich darauf lenken, eine größere Zahl junger Leute, die geeignet sind, später als Lehrer unter ihren Landsleuten zu wirken, auszuwählen und der zu gründenden Schule zuzuführen. Die Rundreise bei den Falaschas wird einige Monate in Anspruch nehmen und Ende des Sommers 1913 beendet sein. Dann soll sofort die Schule eröffnet werden und der Unterricht beginnen. Als Sitz der Schule ist A d i g a 1 a in Aussicht genommen, das an der Grenze zwischen dem Reiche des Negus und der italienischen Kolonie liegt. Bis zur Fertigstellung eines eigenen Gebäudes, für das die italienische Kolonial Verwaltung den Grund und Boden zur Verfügung zu stellen bereit ist und die Falaschas als Bauarbeiter herangezogen werden sollen, werden in landesüblicher Weise provisorisch Hütten und Zelte errichtet werden, die Lehrern und Schülern als Unterkunft dienen können. Aus dem Reiche Carmen Syivas. Aus Bukarest schreibt man: Bisher waren sämtliche Studierenden an der medizinischen Fakultät der Bukarester Universität von der Erfüllung ihrer Militärdienstpflicht bis zur Erreichung des 28. Lebensjahres befreit, damit sie ihr Studium ungehindert beenden konnten. Nunmehr hat das Kriegsministerium verfügt, daß die „Fremden" von dem Genuß dieses Vorrechtes ausgeschlossen bleiben. Die „Fremden" — das sind bekanntlich in der Terminologie der rumänischen Gesetzgebung die jüdischen Bewohner des Landes, auch wenn sie bereits seit vielen Generationen in Rumänien ansässig sind. Die Folge dieser Ministerialverordnung wird also sein, daß die jüdischen Studenten nach ein- bis zweijährigem Universitätsbesuch ihre Studien unterbrechen müssen, um ihrer Heerespflicht zu genügen. Man bedenke, die rumänischen Juden, die unter Fremdenrecht stehen — ohne daß sie einem ausländischen Staatsver: band angehören - müssen die Pflichten gegen das „Vaterland* strenger erfüllen als die Landeskinder, die sich im ungeschmälerten Genuß aller staatsbürgerlichen Rechte befinden. Der Bischof von London und das Nationaljudentum. Der Bischof von London, das Haupt der Judenmission, sprach unlängst in der „Whitechapeler Judenmission" über die Aussichten der Mission im Orient und speziell in Jerusalem, wo er sich jüngst eine längere Zeit aufgehalten hatte. Er beklagte sich bitterlich über den im Orient jetzt wütenden jüdischen Patriotismus, der alle Bemühungen der Mission zu Schanden mache. Die Mission, so meinte der Bischof, sehe jetzt sehr schlechte Tage. Gegen die alten Juden konnten noch geschickte Missionäre aufkommen, die junge, jüdische Generation im Orient und spezieil in Jerusalem zeige sich hartnäckig und weise jede bessere Belehrung, die sie zur Seligkeit führen könnte, von sich. Daran sei teilweise der Zionismus, teilweise die Erstarkung eines unpolitischen jüdischen Nationalismus schuld. Der jüdischeNationalismus bilde die größteGefahrfürdieMission im Orient, weil er mit Argumenten nicht zu bekämpfen sei. Das Christentum habe aber auch eigentlich gar kein Recht, sich dieser neuen Tendenz im orientalischen Judentum entgegenzustemmen und die Kirche denke nicht daran, patriotisch fühlenden Menschen ihr Teuerstes zu nehmen. Das verschlimmere noch aber die Lage der orientalischen Judenmission. Also klagte verzweifelt der Londoner Bischof. Es mag noch hinzugefügt werden, daß die Judenmission in London selbst jetzt sehr schlechte Tage sieht. Ihr altes Mittel, armen Juden ärztlich beizustehen, will nicht mehr verfangen. Die Ostjuden in der englischen Metropole haben jetzt überall ihre eigenen Polikliniken und ihre eigenen Armen-Aerzte, oder sie suchen die großen allgemeinen Krankenhäuser auf. Die Zahl der jüdischen Kranken, die Missionsärzte besuchen, ist in den letzten drei Jahren auf ein Minimum gesunken. Wenn die Londoner jüdische Gemeinde in Whitechapel mehr jüdische Lesehallen errichten und die Aermsten der Armen im Winter mit Kohlen versorgen würde, damit sie auf die Hilfe der Mission nicht angewiesen seien, könnte die Londoner Judenmission morgen ihre Anstalten in Whitechapel schließen. Die Zunahme des Antisemitismus in Nordamerika wird vom Professor Dr. Richard Gottheil aus New-York in einem Interview lebhaft beklagt. Der Antisemitismus, sagte der Professor, findet hauptsächlich in der wohlhabenden Schichte der amerikanischen Bevölkerung seine Pflege. Das gewöhnliche Volk ist davon völlig frei. Ein Zeugnis dafür bildet der Ausspruch des Erzbischofs Corrigon, der in einem Gespräch mit einem amerikanischen Rabbiner sagte: „Rabbi, ob Sie oder wir Recht haben, das ist sicher, alle Differenzen, welche zwischen Ihnen und uns je entstehen könnten, sind Unrecht." Um so sorgfältigere Berück-