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Neue Nationalzeitung · 1912-08-16 · Heft 16 (16.8.1912) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 16 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 10 rEUILLETON. (Nachdruck verboten.) Der Trödler. Skizze von S. H o r o w i t 2. Leib war mit seinem Frühstück zu Ende und machte sich daran, seinen Geschäften nachzugehen. Er war eine hohe, knochige Gestalt, mit melancholischem Gesichtsausdrucke, hielt sich etwas gebeugt, und in seinem ganzen Wesen widerspiegelte sich seine gegedrückte Gemütsstimmung. Und fürwahr, er hatte auch Grund hiezu! War doch sein Tagwerk kein leichtes, und seine täglichen Geschäftswege von Spott und Demut mit begleitet. Jede Lakaienseele glaubte sich berechtigt, den Trödlerjuden verhöhnen und ihm geringschätzend begegnen zu dürfen. Ja, „Lejbusch" war in der Stadt eine bekannte Erscheinung und das Gesinde in den Herrschaftshäusern empfing ihn mit vornehm herablassender Miene, denn der „Jud" war ein guter Abnehmer für alte Kleider und zahlte gewöhnlich einige Prozente mehr als seine Berufsgenossen. Und um leben zu können, seiner kranken Frau wegen, ließ er stillschweigend all den Hohn, all diese stichelnden Redensarten über sich ergehen, dem Anscheine nach phlegmatisch und unempfindlich ließ er alles mit sich geschehen, knüpfte nur eine geschäftliche Debatte mit seinen Kunden, für alles übrige kein Interesse bekundend. Aber nur dem Scheine nach. In seiner Brust tobte es stürmisch, ein wühlender Schmerz zehrte in seinem Innern, er preßte die Zähne aufeinander, kämpfte seine Erregung nieder und nur seine Augen leuchteten hinter den buschigen Brauen phosphorisch auf, aber auch nur für einen Moment. In des Lebens harter Schule hatte er gelernt, seine Gefühle zu beherrschen, seine Empfindungen nicht .überwallen zu lassen, sondern aalglatt jeder verfänglichen, provozierenden Frage auszuweichen und nur den Zahlenmenschen herauszukehren. Niemand ahnte es, daß hinter diesem schäbigen Kaftan ein warmes Herz schlage, daß dieser seinen Trödlerpack schleppende Mann mehr noch unter seinem moralischen als materiellen Elend leide. Er war wohl ein Proletarier, aber nicht in intellektueller Beziehung. Einst war er wohlsituierter Händler gewesen, hatte Ansehen in der Gemeinde gehabt und der Verfall seiner Vermögensverhältnisse vermochte nicht sein Interesse für öffentliche Angelegenheiten abzustumpfen. Seine Stimme gab freilich nicht mehr den Ausschlag, seine Ratschläge wurden nicht mehr eingeholt, aber all diese Unterwürfigkeiten konnten nicht sein warmes Herz abkühlen und nach wie vor brachte er allen Zeitfragen Verständnis und Interesse entgegen. Jetzt ergreift der bereits 60 jährige Leib seinen Stock, verabschiedet sich mit einem „guten Tag" von seiner Familie, küßt die Mesuse an dem Türpfosten und tritt seine Wanderung an. Durch die Gassen der Judenstadt schreitet er beinahe elastischen Schrittes und gehobenen Mutes, denn hier fühlt er sich wie im Schöße seiner Familie. Er ist jedem bekannt und er kennt ebenfalls die Vorübergehenden. Hier kommt er sich als ebenbürtiges Mitglied der Gemeinde vor, da wechselt er einen „guten Morgen", dort wird er nach seinem Befinden befragt und das tut ihm wohl. Aber in dem Maße wie er sich der eigentlichen Stadt nähert, wird sein Schritt schleppend, unwillkürlich beugt sich sein Rücken und der Blick seiner Augen wird ausdruckslos. Jetzt beginnt für ihn das geschäftliche Martyrium. Mit dem Sacke auf dem Rücken, auf den Stecken gestützt, beginnt er seine Häuserwanderung, und sein vom Bellen eines Hundes und dem höhnenden Nachäffen der Gassenjungen begleitetes Rufen „handele, handele" erschallt in einem Hofraume. Hie und da öffnet sich ein Fenster, ein Kopf kommt zum Vorschein und der Trödler wird gerufen. Leib steigt treppauf, treppab, besichtigt die ihm angebotenen Gegenstände, bietet seine Preise, aber der heutige Tag scheint für ihn ohne jedes Geschäft verlaufen zu wollen, denn er kann nirgends handelseinig werden. Müde und abgehetzt will er schon den Heimweg antreten, denn der Freitag geht bereits zur Rüste. Noch einen Abstecher, vielleicht ist ihm das Glück doch noch günstig. Es wird die imponierende Fassade eines gräflichen Palais sichtbar; hier hat er schon so manches gekauft, vielleicht gelingt es ihm auch heute die Woche gut zu beschließen. Durch ein Nebenpförtchen betritt er den der Dienerschaft als Wohnung dienenden Pavillon und siehe da, der Lakai offeriert ihm einen vom Grafen kaum getragenen Rock. Nach kurzem Feilschen wird der Handel perfekt und Leib mit diesem er tandenen, guten Gewinn versprechenden Garderobestück belastet, begibt sich, nun die Plakkereien der Woche vorüber, leichteren Herzens nach seinem Heim. Rückt doch die Ruhe des Sabbats entgegen. Purpurn geht die Sonne im Westen unter und ihre scheidenden Strahlen spielen auf den hohen Schindeldächern des Judenviertels. Die Kaufläden werden geschlossen, das rege Treiben verstummt, die Straßenphysiognomie gewinnt ein feierliches Aussehen und in den Behausungen werden die Kerzen angesteckt. In Leibs Wohnung sieht es schon sabbatlich aus, der Tisch ist gedeckt und seine Frau zündet eben die Lichter an, den Segen über sie sprechend und die Augen mit ihren Handflächen verhüllend. Noch einmal breitet sie ihre Arme wie segnend über den weißgedeckten Tisch, Malke, die Tochter, schaut andächtig der Mutter zu und die beiden beobachten ein beinahe weihevolles Schweigen. Ja, Malke ist nicht mehr in der ersten Jugend, war auch nie schön gewesen und als Mädchen schaut sie bereits verblüht aus. Das ist auch der größte Kummer ihrer Eltern, daß ihre einzige Tochter noch nicht in Hymens Hafen einlaufen konnte, obwohl sie schon jahrelang verlobt ist. Ihr Bräutigam, ein weitläufiger Anverwandter, der „Belter" — Schuldiener — Berl, ist eine phlegmatische, schläfrige Natur. Der süße Brautstand währt, wie gesagt, bereits mehrere Jahre, aber noch immer ist für die jungen Leute keine Aussicht vorhanden, einen eigenen Herd gründen zu können, denn er ist arm wie ein türkischer Heiliger und sie hat auch nichts zur Mitgift. Aber Gott, Vertrauen haben beide; für ihn ist es zwar eine Unmöglichkeit, etwas ersparen zu können, sie hat ebenfalls keine Aussicht, zu Geld zu kommen, dennoch sind beide von jugendlicher Hoffnung beseelt und ihre endgültige Verbindung ist nur eine Frage der Zeit. Es ist natürlich der heißeste Wunsch der Eltern, das Paar

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