Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 16 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Der „Semi-Gotha" — konfisziert. Ein Buch Aber die „Verjudung" der Könige und europäischen Aristokratie. Dem altrenommierten Gothaer Almanach hat der Kyffhäuser- VerJag in Weimar in dem kürzlich erschienenen und erst nach Verkauf von 5000 Exemplaren in Deutschland verbotenen Semi-Gotha ein Werkchen entgegengestellt, das sich zu seinem Vorbilde wie ernste, gewissenhafte Forschung zu leichtfertigem, unkontrollierbarem Gerede verhält. Als den Zweck dieses merkwürdigen Buches bezeichnen die Verfasser, die sich im Verborgenen halten, die .Aufsammlung all der im Mann es stamme aus jüdischem Geblüt, das heißt aus dem echt orientalischen Rassentypus der (eigentlich unrichtig Israeliten genannten) Juden oder Hebräer hervorgegangenen Adelsfamilien von einst und jetzt, ohne sonderliche Ansehung ihrer eventuell "derzeit christlichen Konfession oder etwaiger Blutzmnischungen durch Einheirat arischer Frauen — vom Rassenstandpunkte aus besehen*. Die Tendenz ist also durchsichtig. Es soll nachgewiesen werden, daß zahlreiche Herrscherdynastien und unzählige Aristokraten-Familien jüdisches Blut in ihren Adern haben. Damit sollen die Betroffenen vor der öffentlichen iMeinung bloßgestellt werden. Also ein rein antisemitisches Machwerk. Nur wegen dieser hohen Herrschaften wurde das sensationelle Pamphlet konfisziert. Woher die Verfasser ihr Material schöpfen, werden wohl die Beispiele dartun, die wir hier folgen lassen : Da ist in der I. Abteilung, der Fürstenklasse, zunächst Kaiser M e n e 1 i k, der den Juden zugezählt wird. Der Semi-Gotha behauptet kühn: „Meneliks Dynastie stammt ab von Menilek, dem Sohne König Salomons und der Königin von Saba. Religion: Koptisch, Art von verwildertem Judenchristentum mit gewissen alttestamentarischen Reinigungsgesetzen, teilweise Polygamie und Beschneidung. Abessinien ist aber niciit das einzige Reich, das von einem Judeustämmling beherrscht wird; in unserer Nachbarschaft gibt es ein zweites, das sich in gleicher Lage befindet. Man wird schwer darauf kommen, es ist Montenegro. «Wir vorzeichnen hier", sagen die Verfasser, .die durch italienische Gelehrte behauptete Tradition von der Abstammung des Fürstenhauses .Negusch" oder „Njegosch" der Ccrnagora aus altjüdisch cm (Aaroniden) Priestergeschlecht, das seine Abkunft, gerade so wie die Dynastie des „Negus" von Abessinien vom König Salomon, beziehungsweise einem Venezianerjuden herleitet, der handelnd ins Land gekommen. Das Haus Njcgos taucht 1515 aus dem Nichts an die historische Oberflache, als Inhaber der griechisch-orthodoxen Bischofswürde, „Wladika" geheißen, seit 1711 erblich in dieser und mit ihr die oberste Staatsgewalt vereinend. Es ist dies der einzige Fall in der Christenheit eines erblichen Oberpriesters nach Aaronidensystem.* Aus einer Randglosse erfahrt man so nebenbei, daß auch König Ferdinand von Bulgarien jüdische Urahnen hat. Es heißt nämlich da: „Anläßlich der Feiern bei Erhebung Montenegros zum Königreich toastierte Ferdinand von Koburg (K o h e n) Kohary als bulgarischer Zar auf Nikita (Cetinje, 28. August 1910) wörtlich: .....und in geheimnisvoller Weise fühlten wir uns sofort zu einander hingezogen.* Die Aufstellung der Tatsache, daß in beider Adern homöopathisch jüdisches Blut rollt, lüftet das Geheimnis. Und da die Herren Herausgeber schon beim Lüften von Geheimnissen sind, wird gleich erbarmungslos der Schleier von der Abstammung Napoleons Iii. gezogen. Man höre: „Napoleon III. (Verhuel) stammt von Sephardines; in jedem Konversationslexikon ist bei Verhuel die geschichtlich stark beglaubigte Version zu finden, nach der der aus holländischer Judenfamilie stammende Carel Henrik Verhuel - Badinet, geboren am 11. Februar 1764 zu Döltichen in Geldern, als natürlicher Vater Napoleons III. anzusehen ist. Er war erst Marineoffizier, 1806 Mitglied der batavischen Deputation zur Einholung Ludwig Bonapartes als König von Holland, welcher ihn zum Admiral, Marineminister und Reichsmarschall und zum Grafen von Zevenar machte. In jene Zeit fielen seine intimen Beziehungen zur Königin Hortense (gebornen Beauharnais, Tochter des Generals Beauharnais und der Josephine Zabber de la Pagerie, späteren Gemahlin Napoleons I., als deren Frucht Napoleon III. gilt. Aus dem sonstigen Inhalt der Fürstenklasse wird interessieren, daß das Redaktionskomitee die Borgheses, Borgias, Henckei von Donnersmarcks und Metscherskys in den Semi-Gotha aufgenommen hat. Bei den Borgheses muß wie bei König Nikita die — Physiognomie als Beweismittel herhalten. „Die noch heute ausgesprochenst jüdischen Gesichtszüge einiger seiner Sprossen beglaubigen die Version, daß auch das altrömische Fürstenhaus der Borghese — das besonders durch Camillo Borghese, der 1605 als Paul V. Papst wurde, zu Ansehen und Reichtum gelangt ist, hieher gehört hat. Xtoph Wagenseil führt in seinem Buch .Der adriatische Löwe* (1709) an, daß es vorher „Burgesius* hieß und 1605 in den Venezianer Adel gelangt sei. An anderer Stelle findet sich, daß die Burgesius ihrerseits deutsche Juden (Borges), dann getauft Burg(esius) und Gelehrte gewesen seien, bevor sie nach Siena und von dort nach Rom kamen.* Bei den Borgias, die der Kirche ebenfalls zwei Papste geschenkt haben, C a 1 i x III. und Alexander VI., stellt der Semi-Gotha die jüdische Abkunft einfach als geschichtliche Tatsache hin, ohne sich es aber entgehen zu lassen, Alexanders Übeltaten mit seiner Genesis in einen ursprünglichen Zusammenhang zu bringen. Von den Henckel-Donnersmarcks berichtet das Buch: „In den schlesischen Adelskreisen herrscht die allgemeine Anschauung (!) daß die Henckel jüdischen Ursprungs sind. Und dem ist auch so, sie sind auf kastarischem Boden aufgeblüht und ihr Aufstieg vollzog sich als geschäftemachende Hofdiener, so ähnlich wie jener der Walterskirchen und mehrerer anderer. Ihre Wiege stand in Leutschau, ungarisch Löcse in Oberungarn, lange Vorort der 24 deutschen Zipserstädte, deren Stadtarchiv 1552 leider fast ganz verbrannt ist. Der Name Henckel, heißt es in einem alten Leutschauer Manuskript, stammt davon, daß der Erste nach sogenannten Henkelohren den Namen erhalten hat Po stand es in 1552 verbrannten Akten." Einen ähnlichen Ursprung hatte nach dem Semi-Gotha die Fürstenfamilie Metschersky. Die Verfasser erklären kurz und bündig: „Die Ahnen auch dieses russischen Fürstenhauses sind trockenen Fußes durch das Rote Meer gezogen, sie stammen von einem jüdischen Handelsmann aus Hamburg, aus der Zeit, als Peter der Große nach dem Vorbilde des (vvest)europäischen Adels einen russischen Adel schuf. Er zog eine Menge Handelsleute nach Rußland, worunter viele Juden waren, die rasch hinauf und in den höchsten Adel kamen. Derart sind im XVIII. Jahrhundert mehrere fürstliche und gräfliche Häuser dort entstanden." Bei diesen Angaben kann sich Semi-Gotha allerdings nicht einmal auf das Aussehen der Metscherskys stützen, aber was verschlägt das weiter Forschern, die am Ende der fürstlichen Abteilung wortlich folgendes selbst sagen : Diese, als fürstliche Abteilung, ist allerdings zum größeren Teil nicht sehr ernst zu nehmen, aber auch sie zeigt schon, wohin sich die europäischen Adelsinstitutionen verirren ..." Mußten aber die Verfasse beir der fürstlichen Klasse sich noch gewisse Beschränkungen auferlegen, so kann ihre Phantasie in den übrigen Abteilungen um so freier schweifen. Die Grafenklasse wird mit einem Vorwort eingeleitet, in dem ausgeführt wird: »Über ein halbes Hundert Familien gräflichen Ranges aus jüdischem Mannesstamm gibt es bereits, und wenn wir im Gotha blättern, finden wir schon fast auf jeder Seite auch jüdische Allianzen der arischen Grafenhäuser. Die Grafenklasse ist überhaupt die verhältnismäßig am meisten judäisierte des gesamten alten Adels." Jüdischer Abstammung ist nach dem Semi-Gotha sogar die Fürstin Pauline M e 11 e r n i c h - S a n d o r. Erscheint den Ver-