Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 15 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 11 rissenen Rock und mit betrübtem Gesicht geht er allein in Strümpfen über die spitzen Steine ins Beth- Hamidrasch hinüber. Ganz in sich versunken. Vielleicht wird er bei den dort versammelten Juden Trost finden. Matschik zieht durchs Gäßchen. Er kommt schon von der Weide heim. Die Kühe voraus mit tiefgesenkten Hörnern und Matschik mit seinem Hunde, seinem Gehilfen hinterher und er spielt sich auf seiner Flöte ein Liedchen, just, wie er es gestern und vorgestern abends getan. Es ist Nacht! In der Schulgasse Totenstille. Die Läden geschlossen, die Türen zugemacht. Der Mond wandelt einsam hoch oben am Himmel und blickt schweigend herab ins Schulgäßchen. Hinten, von irgendwo her, dringt durch den Spalt eines Fensterladens ein trauriger Singsang, der sich schnell ins Gäßchen hineinzieht, ganz, ganz für sich, und er schwebt durch die Gasse, schwimmt fort und verhallt irgendwo in der Ferne, irgendwo im Gässel, dort nach dem Rathaus zu, auf dem Wege zum Friedhof. Aus einem Fensterspalt des Rabbinerhauses schaut noch das einsame Jahrzeitlicht heraus. Für eine fromme Seele brennt's! Drinnen beim Rebben bleibt alles still. Der Mond wirft seine kalten Strahlen auf die großen Scheiben des Lehrhauses. Drinnen ist alles finster. Huscht nicht etwas durch die Stille? Auf den Treppen des Hauses liegt etwas — sind's Menschen oder Tote? — Die Haare zerzaust, die Hände übereinander geschlagen. So lagen sie still da. Aber der Mond wandert vorbei und wirft seine kalten Strahlen auf die dort Liegenden. Die Schule ist so fest verschlossen, als hätte man innen etwas gefangen und wollte es nicht herauslassen. Nur von einem kleinen Fenster in einem Winkelchen an der Tür, dort vom Platze der „Gemeinschaft der Psalmenfreunde" schleicht sich ein schwacher Lichtschein heraus und bricht sich im blassen Scheine an der gemauerten Säule, die vor der Schule steht und die Galerie der Weiberschule stützt. Innen sitzt auf dem Platze der „Chewre Thillim" irgend ein Mensch auf der Erde, und bei dem Scheine des schwachen Lichtchens starrt er in ein offenes Buch und sinnt . . . Bei der „Rebbezin" im Eßzimmer haben sich die frommen Frauen — die „Klei-Kaudisch-Weiber" — versammelt. Im Halbdunkel ist die Stube; nur Schatten huschen auf und nieder. Und auf der Erde hocken auf Kissen die Frauen umher, auf den Armen die schlafenden Kinder, und lauschen der weihevollen Stimme der Rebbezin, die in der Mitte des Kreises sitzt. Auf einem Stuhl liegt die „Zeenoh Ureennoh", das Buch der Frau, aufgeschlagen, beleuchtet von dem matten Schein einer Küchenlampe. Mit ihrer heiseren Stimme erzählt die Rebbezin die Geschichte der Hanna und ihrer sieben Söhne. Ueber der Gerichtsstube beim Rabbi liegt das gleiche Halbdunkel. Auf dem Tisch brennt noch das Jahrzeitlicht, das in einem Topf mit Sand steckt. Von dem Licht tropft der Talg herab in den Sand hinein. Auf der Erde, in einem Winkel, das Gesicht vergraben zwischen großen Bücherstößen, sitzt der Raw. Zuweilen bläst ein Windhauch. Es ist, als ob durch die Stube ein schwerer Schatten hindurch schreite. Und der Raw stützt sein Haupt in die müden Hände und sinnt. In der Gasse ist's noch still wie zuvor. Der Mond zieht am Himmel dahin und blickt mit kalten Augen auf das finstere Gäßchen. Alles umher ist in sich versunken, als ob zwei große Tränen aus Gottes Augen herniedergefallen wären und alles ertränkt hätten, alles, alles. Und mir ist, als ob einsam der Prophet Jirumijahu zum Friedhofe schritte, um die Ahnen aus den Gräbern zu wecken, damit sie endlich Fürsprache bei dem Ewigen einlegten für die vertriebene Gemeinde Israels. Und bald wird es im Gäßchen laut werden . . . August Strindberg: Die ägyptische Knechtschaft. (Schluß). Jochebeth ging in Pharaos Garten umher und begoß Kürbisse. Sie ging mit ihrem Eimer zwischen der Wassertür am Fluß und dem Kürbisbeet hin und her. Zuweilen aber ging sie durch die Tür hinaus und blieb eine Weile fort. Mirjam, die Tochter, ästete die Weinstöcke an der Gartenmauer, schien ihre Aufmerksamkeit aber mehr nach dem großen Gang zu richten, der zum Sommerpalast der Prinzessin hinaufführte. Ihr Kopf bev/egte sich wie das Laub des Palmbaums, wenn der Wind hindurchzieht, hierhin und dorthin, zwischen der Wassertür und dem großen Gang, während die Hände die Arbeit ausführten. Als die Mutter verzog, ging sie von der Mauer zur Tür hinunter und auf den niedrigen Strand hinaus, wo die Binse in einem schwachen südlichen Winde schaukelte. Ein Steinschmätzer der Wüste saß auf einem Strandstein und wippte mit dem Schwanz, flatterte mit den Schwingen, als wollte er etwas zeigen, was er erspäht; und er schwatzte und schnatterte über etwas Ungewöhnliches in den Binsen. Hoch oben in der Luft schwebte ein Weih in Schraubenlinien, mit dem Kopf nach dem Boden spähend. Mirjam brach Lotusknospen ab und warf sie nach dem Steinschmätzer, der ein Stück weiter flog, aber immer mit dem Schnabel nach der Birire zeigte. Das Mädchen schürzte sich, stieg ins Wasser hinein und nun sah sie die Mutter im Papyruswalde stehen, bis zur Mitte verdeckt, sich über einen Binsenkorb beugen und einem kleinen Kind ihre linke Brust geben. — „Mutter", flüsterte Mirjam, „Pharaos Tochter nähert sich; sie kommt, um im Fluß zu baden". — „Herr! Gott Israels! Erbarme Dich über mein Kind!" — „Hast Du dem Knaben genug zu trinken gegeben, so beeile Dich, komm!" Die Mutter beugte sich wie ein Gewölbe über das Kind; ihr Haar hing wie ein Mückennetz herab und zwei Thränen fielen aus Ihren Augen auf die ausgestreckten Hände des Kleinen. Dann erhob sich die Mutter, steckte eine süße Dattel in den Mund des Kindes, mach'e sacht den Deckel zu, murmelte einen Segen und stieg aus dem Wasser. Eine schwache Brise vom Land schaukelte die Binsen und das Wasser kräuselte sich. — „Der Korb schwimmt", sagte sie, „aber der Fluß fließt dahin, er ist rot von Blut und dick wie Rahm! Herr! Gott Israels, erbarme Dich!" — „Das wird er", antwortete Mirjam, „wie er sich erbarmt hat über unseren Vater Abraham, der die Verheißung bekam, weil er gehorchte und glaubte: „Durch Deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden". — „Und nun schlägt er alle Erstgeburt ..." — „Deinen Sohn nicht!"