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Neue Nationalzeitung · 1912-07-26 · Heft 15 (26.7.1912) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 15 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 FEUILLETON. Schalom Asch: Der neunte Ab. .... Die Gemeinde Israels schmollte mit ihrem Gotte. Wie eine zornige Braut, die dem Bräutigam die Brautgeschenke zurückwirft, so warf die Gemeinde dem Herrn der Welt die Thora zurück. „Geh, mit unserer Freundschaft ist es aus!" „Heute ist Tischah-B' ab!" Und es wird keine Thora „gelernt" . . . Junge Schwiegersöhne, die auf „Köst" sind, und Bachurim gehen müßig herum. Chederbuben laufen fröhlich, als gäbe es auf der Welt keinen Kantschu, keine Schule, keinen Rebben, frank und frei auf dem Markte umher. Doch in dem alten Lehrhause sitzt die heilige Rille ganz allein in einem Winkelchen traurig und jammert zu des Ewigen Majestät: Heute haben mich alle verlassen! Die Sonne warf noch einen letzten leuchtenden Blick auf die Dächer des Städtchens, auf den halben Klotz, der vom letzten Zirkus her noch mitten auf dem Marktplatz stand und vergoldete die Scheiben der großen Schenke, die am Eingang zum Städtchen liegt. Nach Westen zu aber hat die rotgoldene Sonne sich schon tief gesenkt, und eine schwere Wolke, die kühl von der anderen Seite des Städtchens heranschwebte, hat das flammende Sonnenauge wie mit einem grauen Hauch überzogen. Und die vielen irrlichfernden Strahlen, die noch auf dem Markte umherirren, sind kaum noch so hell wie ein Lämpchen, dessen Docht herabgebrannnt ist. ... Noch war es Tag, da wurden schon die Läden zugemacht, einer nach dem andern. Und wie nun eine Türe geschlossen wird und wieder eine und die bunten Schilder im Innern verschwinden, so daß nur ein schwarzer Fleck auf der freien Mauer übrig bleibt, da ist es mir, wie wenn in einer hellbeleuchteten Stube plötzlich ein Licht ausgelöscht wird. . . . Licht auf Licht. Und es wird dunkel, ganz allmählich, so allmählich, wie die Hochzeitsgäste den Hochzeitssaal verlassen, in den sich nun die graue Leere hineinschleicht. Vor irgend einer Türe steht ein hoher, magerer Jude in einem zerrissenen langen Rock, die Lenden fest gegürtet, und starrt mit verträumten Augen zum Himmel empor. Seine eingefallenen Wangen beben, wie wenn der Wind durch trockene Blätter weht. Dann wendet er seinen Blick vom Himmel und sieht über den Markt hin, als ob er sagen wollte: „Herr des Himmels, ich harre immer deines Befehls!" . . . Indessen hat die Gemeinde Israels ihre Wohnungen noch nicht verlassen. Jeder greift hastig noch zum letzten Bissen und macht sich dann mit traurigem Gesicht bereit, den tränenschweren Sang der Klagelieder anzustimmen. Ganz still ist es in der Gasse. Die Häuser stehen um den Markt herum und schweigen, als ob sie auf etwas warteten. Bald kommt aus irgend einem Hause ein schlanker, blasser, magerer Jude. Seinen trockenen Körper bedeckt ein weißer „Chalat". Aus dem Kragen ragt ein langer, dürrer Hals hervor, auf dem sich ein schmaler Kopf mit blondem Haar und Bart und langer, blasser Nase bewegt. Unter den Rockschößen gucken zwei lange Beine hervor, die keine Schuhe, nur weiße Socken bedecken. Und der Jude geht auf den Socken über die Straße, immer wieder in die Höhe schnellend, wenn er auf einen spitzen Stein tritt. In der Hand trägt er ein ungebundenes Buch . . . Ein eigenes Bild! Man könnte glauben, es sei ein Schulklopfer, der die Toten in ihre Totenschule ruft. . . . Bald zeigt sich wieder ein Jude und noch einer. Aus jedem Hause kommen immer neue Gruppen in zerrissenen Röcken und weißen Socken wie Trauernde und gehen in tiefem Schmerz zur winkligen Schulgasse. Jetzt wird's im Gäßchen stiller. Alles ist werktäglich. Lange, bleiche werktägliche Juden. Niedrige, eingedrückte, werktägliche Häuschen. Und ein kalter, werktäglicher Vorabend, wie er gestern war und vorgestern, breitet sich dichter über das Städtchen, doch sind die Läden wie am Freitag vor Nacht geschlossen, und es scheint, als ob ihr Leben plötzlich abgeschnitten wäre. Und immer stiller wird es und dunkler. Mir ist, als ob der Leichenzug eines sehr großen Rabbi über den Markt hinzöge. . . . Mitten auf dem Markte am Brunnen steht noch eine Schar junger Leute, zum Teil Bachurim, die noch den letzten Trunk vorm Fasten nehmen. Die älteren aber werfen, indem sie die Becher an die Lippen setzen, noch einen ängstlichen Blick zum Himmel, ob sich nicht —- Gott bewahre! — etwa ein Sternlein droben zeigt. . . . Auf der andern Seite des Gäßchens, dort hinter dem Rathaus, auf dem Wege, der zum Friedhof führt, stürmt eine Schar Jungens heran. Sie halten Kletten in der Hand und bewerfen sich damit. Wie es so Sitte ist im Ghetto. Voraus läuft ein Junge mit abgerissenem Rockkragen, macht vor der Treppe zum Lehrhause halt und winkt fröhlich den Juden zu, die dort stehen und zeigt mit der Hand auf seine gefüllten Taschen. Er hat sie voll Kletten. Es ist eine Lust. . . . Irgend ein kleiner Jude mit einem breiten Bart, der an seinem Gesicht angeklebt zu sein scheint, damit man die bleichen Wangen nicht sehe, steht auf der Treppe und betrachtet in mitleidiger Trauer den Knaben. Und da schien es mir, als ob er mit seinen trockenen Lippen vor sich hinmurmelte: Einen traurigen Festtag macht er sich. Bald wird es auch im Schuigäßchen still. Die Sonne ist schon längst hinter dem Rathaus versunken, hinten auf dem Wege zum Friedhof. Die Juden haben sich alle in der Schule, in dem Lehrhaus versammelt. Zuweilen sieht man eine Jüdin, werktäglich gekleidet, ein dickes Buch unter dem Arm, ein Lichtlein in der Hand. Sie geht mit gesenktem Kopfe. Auch die niedrigen Häuschen in der Gasse ducken sich krampfhaft nieder, als fürchteten sie sich, weil sie ohne Juden und ohne Thora wie im Golus stehen müssen. Sie scheinen sich zu dem Häuschen des Rabbi hinzuneigen, vielleicht um sich von dort Rat zu holen, was sie in dieser schweren Zeit tun sollen. Aus des Rabbi Fenster lugt eine tiefe Trauer. Ein kleines Lichtchen funkelt in der Finsternis. Vielleicht, daß innen ein Toter am Boden liegt, zugedeckt mit einem schwarzen Leintuche, und ein Totenlicht am Kopfende! Aber der Rabbi läßt seinen Toten allein. In einem alten zerrissenen Streimel, einem alten zer-

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