Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 15 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 Lektüre, die wir ihnen zur Verfügung stellen, erholen (die Leute verlangen u. a. die Jüdische Geschichte von Grätz) und in welchen sie auch ihre gemeinsamen Gebete verrichten. Wir haben jetzt schon einen Stamm arbeitswilliger Leute auf den einzelnen Gruben untergebracht. Die Leute sind glücklich, daß sie sich und ihre Familien auf anständige, ehrliche Weise ernähren können. Am frühen Morgen 4">Uhr verrichten die Leute ihr gemeinsames Gebet mit Minjan, bevor sie in die Grube einfahren und am Abend ebenso. Dazu werden die Leute von uns nicht etwa genötigt, sondern sie tun es so, wie sie es von Hanse gewöhnt sind. Es sind auch jüdische Kantinen eingerichtet, wo die Leute sich in zuverlässiger Weise ihre Nahrungsmittel beschaffen können. Manche verdienen schon bis Mk. 4*50 täglich (in Akkord); sie können mit Ueberzeit bis Mk. 6*— steigen. An unserer Unterstützungskasse in Kattowitz haben wir die Einrichtung getroffen, daß ein Beamter von uns anwesend ist, der den arbeitskräftigen Wenderarmen anstatt Almosen Arbeit zureicht. Das hat schon zur . Folge gehabt, daß Arbeitsscheue Kattowitz in weiten Bogen umgehen. Wir haben, wie Sie sehen, auch das Problem gelöst, trotz der Sabbathfeier und der Sonntagsruhe, den Leuten sechs Tage in der Woche Arbeit zu schaffen. Im übrigen sind die Leute natürlich in Krankheitsfällen versorgt wie die anderen Arbeiter, bei Betriebsunfällen und im Todesfalle haben sie resp. ihre Angehörigen genau dieselben Ansprüche an die Berufsgenossenschaft (Knappschaft) wie die deutschen Arbeiter. (Da liegt ein Irrtum des Herrn Wiener vor. Die Red.) Die Leute werden mit der Zeit in der Lage sein, nicht nur für s ch und ihre Angehörigen zu sorgen, sondern auch einige Hundert Mark im Jahre zu sparen, mit denen sie nach Belieben an Ende des Jahres in das Land der Freiheit auswandern oder in die Heimat zurückkehren können, um einen neuen Trupp Platz zu machen. Wir gedenken auf diese Weise alijährlich bis zu 6000 Mann die Mittel zur Auswanderung zu beschaffen. Daß sie in Amerika mit einem Zeugnis der deutschen Gruben versehen, sofort lohnende Arbeit finden, ist wohl zweifellos. Wir dachten ein Kulturwerk allerersten Ranges zu vollbringen und werd m uns durch Ausdrücke wie Schachtfutter etc. und Ansichten, die durch keinerlei Sachkenntnis getrübt sind, keineswegs beirren lassen. Ich halte es für einen lapsus linguae, wenn sich Ihr Blatt der deutschen Arbeiter, die sich doch ganz wohl fühlen, im Gegenteil zu den jüdischen Arbeitern annimmt und fast die Regierung und die Sozialdemokraten stimuliert, auf die jüdischen Arbeiter scharf zu achten. Wir lösen die Judenfrage nicht, aber wir helfen sie lösen. Möchte doch überall ein so soziales Empfinden herrschen, namentlich bei unseren österreichischen Glaubensgenossen, so würde die Judenfrage weit schneller gelöst werden. Wenn Sie Interesse haben und vor allen Dingen Ihr Unrecht einsehen, wollen wir Sie gern von Zeit zu Zeit über die Fortschritte weiter unterrichten und Sie im Herbst nebst anderen Organen einladen, an Ort und Stelle die jüdische Kolonie zu besichtigen, damit Sie sich ein objektives Urteil bilden. Inzwischen mögen Sie aber, insoweit Sie nicht gehörige Informationen haben, nichts schreiben, was geeignet ist unser Vorhaben, das gewiß kein finsteres ist, zu diskreditieren. Oder glauben Sie etwa, daß es vernünftiger ist, die Leute zu Schnorrern zu erziehen oder verhungern zu lassen? Ich erbitte Ihre gefi. Nachricht. Hochachtungsvoll gez. Siegfried Wiener. I. Beilage. Hohenlohe-Werke Aktiengesellschaft. Abschrift. Hohenlohehütte, den 12. Juni 1912. V. K. Nr. 17172. Herrn JaquesWeissenberg Kattowitz. Beschaffung von Arbeitern. Unter Bezugnahme auf das Ihrerseits der Kohlenabteilung übergebene Schreiben des Herrn Siegfried Wiener vom 24. Mai d. J., erklären wir uns mit der gestellten Bedingung einverstanden, wonach die betreffenden Leute berechtigt sind, am S a b b a t h, d. h. VOfl Freitag abends bis Sonnabend abends, zu feiern, rechnen aber damit, daß die Leute von Sonnabend zu Sonntag, also in der Nachtschicht, arbeiten werden. Wir bitten Sie ergebenst, uns zunächst umgehend 25 Mann für Hohenlohegrube-Meldung im Zechenhaus Fürstin Paulineschacht zu beschaffen. Die im Schreiben von 20. April er. V. K. B. für die übrigen Gruben angegebene Anzahl *) jüdischer Arbeiter kann gleichfalls sofort eingestellt werden. Hochachtungsvoll Hohenlohe-Werke Aktiengellschaft gez. Defert pp. gez Pollak II. Beilage. Die Berg-Verwaltung der Vereinigten Königs- und Laurahütte ActiengesellschaH. Betriebsabteilung Laurahüttegrube. Laurahütte, O.-S., den 8. Juli 1912. An Herrn Siegfried Wiener Kattowitz. Die Informationen über die j i\di sehen Arbeiter auf den Nachbarwerken sind befriedigend ausgefallen und wollen auch wir welche beschäftigen. Die jüdischen Arbeiter würden bei dem nachstehenden Arbeitgeber Firma und Wohnort; Betriebsleitung Laurahüttegrube, Art der Betriebs- und Arbeitsstelle: Grubenbetrieb Ficinus-Schacht. Post: Laurahütte. Bahnstation: Laurahütte Kr. Kattowitz. Provinz: Schlesien, zu den nachstehenden Bedingungen als Grubenarbeiter in Arbeit treten, müßten sich der für die Arbeitsstelle geltenden Arbeitsordnung unterwerfen und sich verpflichten, die gesetzlich vorgeschriebenen Beitrage für die Versicherungskasse zu leisten. Die jüdischen Arbeiter haben das Recht am Sonnabend (S c h a b b e s, jüd. Sabbath) zu feiern. Die dadurch versäumten Schichten können, soweit es gesetzlich zulässig ist, am Sonntag oder auch durch Ueberschichten ganz oder teilweise eingeholt werden. Für jüdische Küche wird gesorgt werden. Verpflichtungsdauer 6 Monate mindestens. Tägliche Arbeitszeit: 10 bis 11 Stunden. Taglöhne: von Mk. 280 bis 3 — . Akkordlöhne: als Füller von Mk. 3-— bis 4 50 und darüber als Häuer von Mk. 4-— bis 6'— und darüber. Die Lohnzahlung erfolgt am 15. jeden Monats. Am 1. jeden Monats kann eine Abschlagszahlung gewahrt werden. *) Es handelt sich um etwa 250 jüdische Arbeiter.