Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-07-26 · Heft 15 (26.7.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 15 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425873--2438-2428870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Das jüdische Arbeitsamt in Kattowitz. Der Leiter des jüdischen Arbeitsamtes in Kattowitz, Herr Siegfried Wiener, hat an die jüdischen Redaktionen, welche die Tätigkeit dieses Amtes angegriffen haben, nachstehendes Schreiben gerichtet, welches von denselben entweder gar nicht oder nur verstümmelt reproduziert wurde und das nun hier in seinem vollen Wortlaut samt zwei Beilagen wiedergegeben werden soll: Sehr geehrte Redaktion! Als langjähriger Abonnent Ihres werten Blattes sehe ich den heutigen Artikel betreffs jüdischer Arbeiter und gestatte mir als Leiter des Jüdischen Arbeitsamtes Kattowitz Ihnen folgendes ergebenst zu erwidern: Ich halte es tatsächlich für ein sehr großes Unrecht, wenn Sie ohne irgend welche Kenntnis von den tatsächlichen Verhältnissen den Artikel des Herrn Dr. Theilhaber ohne weiteres akzeptieren und damit Ihren Leserkreis für das Jüdische Arbeitsamt Kattowitz flau zu machen suchen. Ich habe keinen Anlaß, mich mit Herrn Doktor Theilhaber und mit der „Welt am Montag" öffentlich auseinanderzusetzen. Ich habe auch an keine Zeitung irgendwelche Mitteilungen über den Stand der Angelegenheit gerichtet, weil ich der Ansicht war, daß sich die Sache erst einrichten muß, und es dann an der Zeit ist, ausführliche Berichte zu erstatten. Dagegen habe ich alle Anfragen jüdischer Blätter kurz beantwortet. Ihr wertes Blatt hat mich aber nicht angefragt. Es sind jetzt gerade 21—22 Jahre her, daß zuerst der Gedanke bei uns auftauchte; und ein Expose, daß ich an sämtliche in Betracht kommende jüdische Organisationen, also Deutsch-Israel. Gemeindebund, Freie Vereinigung, Großloge, Hilfsverein richtete, hat überall begeisterte Aufnahme gefunden. Wir haben nun im Stillen weitergearbeitet und während wir früher daran dachten, Arbeiter aus den Galizischen Bergwerksdistrikten, die nur einen kümmerlichen Lohn verdienen, heranzuziehen, sind wir davon abgekommen, da wir es für zweckmäßiger halten, die Leute, die gar nichts verdienen, also der öffentlichen Unterstützung zur Last fallen oder aus Scham diese Unterstützung anzunehmen, langsam verhungern, hier unterzubringen. Ich darf es wohl als selbstverständlich betrachten, daß Niemand annimmt, wir wollten für irgendwelche materielle Vorteile den Gruben jüdische Bergarbeiter schaffen. Ob die Gruben Arbeiter haben oder nicht, ist uns ganz gleichgültig und Vorteile haben wir allerdings davon, aber nur ideelle, da wir das Bewußtsein haben, armen, gequälten, arbeitsfreudigen Menschen zu helfen. Materiell haben wir Lasten an Zeit und Geld. Die Sorgen des Herrn Dr. Theilhaber wegen Streik etc. sind doch eigentlich mehr die Sorgen der Sozialdemokraten. Wenn diese nichts darin finden, s o braucht Herr Dr. Theilhaber wirklich kein Obersozialdemokrat zu sein. Tatsächlich sind die oberschlesischen Arbeiter sehr zufrieden damit, da die jüdischen Arbeiter zunächst nur als Hilfsarbeiter angenommen werden und der gelernte Bergarbeiter bei dem derzeitigen Mangel an Hilfskräften, ein Mangel, der von Tag zu Tag sich steigert, es nur freudig begrüßt, wenn er seine gut bezahlte Akkordarbeit fortsetzen kann und ihm ausreichend Hilfsarbeiter zur Seite stehen. Die Sache ist nämlich folgende: Der gelernte Bergarbeiter (Häuer genannt) sprengt und haut die Kohle. Er hat etwa 5 Schlepper (Hilfsarbeiter) zur Seite, die die Kohle aufladen, sodaß der Häuer in seiner Arbeit nicht gestört ist. Hat nun der Häuer nicht genügend Hilfskräfte zur Seite, so muß er unnötige Pausen machen oder selbst zugreifen und läßt dadurch an seiner besser bezahlten Häuerarbeit ein. Nun zur Streikgefahr. Wenn man als Streik das plötzliche, ungesetzliche, weil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist erfolgte Einstellen der Arbeit bezeichnet, so ist es allerdings wahr, daß wir zu ungesetzlichen Maßnahmen unsere Hand nicht bieten werden und daß die ausländischen Arbeiter tatsächlich Gefahr laufen, bei ungesetzlichem Verhalten mit den Behörden in Konflikt zu geraten. Das ist dann auch ganz in der Ordnung. Handelt es sich aber um eine gesetzmäßige Einstellung der Arbeit, a/so unter Einhaltung der Htägigen Kündigungsfrist, so wird ihnen die Behörde kein Haar krümmen. Tatsächlich liegt die Sache so, daß seit 23 Jahren in Oberschiesien kein Streik war. Das liegt daran, daß noch nicht 20 Prozent der oberschlesischen Arbeiter organisiert sind, somit also über 80 Prozent keine Streikunterstützung erhalten. Ein Streik in Oberschlesien ist daher in hohem Maße unwahrscheinlich. Bricht aber wirklich ein Streik aus, so streiken vor allen Dingen die gelernten Arbeiter, die Häuer. Wenn diese streiken, so ist die Arbeit der Hilfsarbeiter damit erledigt, diese feiern und müssen von der Grube bezahlt werden. Außerdem haben wir noch keinen Streik gehabt, der 4 Wochen gedauert hätte und für 30 Pfennig Fahrkarte sind die Leute in ihrer Heimat auf russischem oder galizischem Boden, wo sie das Ende des Streiks abwarten können. Brauchen wir uns wirklich den Kopf jetzt zu zerbrechen, was im Streikfalle geschehen soll. Wir werden uns dann schon in Berlin Rat holen. Es ist auch unzutreffend, daß die Regierung die Einwanderung jüdischer Arbeiter begünstigt. Das genaue Gegenteil ist richtig. Die Regierung macht zur Zeit allerhand Schwierigkeiten, die wir allerdings zu überwinden hoffen. Es ist auch unrichtig, daß die Grubenverwaltungen in ihrer nichtswürdigen Dividendenpolitik jüdisches Menschenfleisch einführen wollen. Wir haben bei den Gruben petitioniert und haben bei diesen allerdings mit Rücksicht auf die Notlage, in der sich auch die Gruben befinden, Entgegenkommen gefunden. Daß die Gruben mit diesen Leuten, die doch an Arbeit gar nicht gewöhnt sind, einen Sprung ins Dunkle machen, möchte ich nur nebenbei erwähnen. Tatsächlich haben die Gruben mit den Leuten große Mühe, sie anzulernen, und etwa 50 Prozent der Leute geben die Arbeit nicht nur aus Mangel an Energie, sondern weil sie unterernährt und der Arbeit nicht gewachsen sind, wieder auf. Tatsächlich bringen auch die Gruben Opfer, indem sie die Leute von der Arbeit am Sabbath befreien und sie dafür am Sabbath Abend Nachtschicht machen lassen, indem sie ferner den Leuten besondere Wohnhäuser zur Verfügung stellen und in diesen nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Speiseräume, dann Räume, in welchen die Arbeiter nach der Arbeit sich durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.