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Neue Nationalzeitung · 1912-07-26 · Heft 15 (26.7.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 15 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 Aber es handelt sich ja doch um arme Juden, die buchstäblich am Hungertuche nagen, die ja nichts zu verlieren haben, für die ein trockenes Stück Brot schon eine Lebensexistenz bedeutet! Da drängt sich ja die Frage auf, was denn sonst mit diesen Leuten unternehmen? Die „Oesterreichische Wochenschrift", deren Beruf es ist, sich über die Tatsachen des wirklichen Lebens hinwegzusetzen und nur das zu schreiben, was der Kultusvorstand und die Allianz befehlen, ist mit einem Rat gleich zur Hand. Sie empfiehlt den jüdischen Arbeitern zu — emigrieren. Sonst sind ja die Kreise, denen die „Oesterreichische Wochenschrift" dient, gegen eine Emigration. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann und Präsident Doktor Stern haben es abgelehnt, für die Einberufung einer Emigrationskonterenz einzutreten, weil die Emigration der — Regierung nicht erwünscht sei; die Allianz leistet, wie ich in diesem Blatte nachgewiesen habe, aus ihren eigenen Fonds für die Emigranten gar nichts und vermittelt lediglich zwischen den östlichen und westlichen Emigrationsfürsorge-Organisationen. Und doch wird im Blatte des Kahals und der Allianz den armen jüdischen Arbeitern die Emigration empfohlen, die zwar viel Geld kostet, zu der sie aber selbst nichts beisteuern. Schade, daß sich die „Oesterreichische Wochenschrift" das Schimpfwort „Streikbrecher", das sie Hunderten von jüdischen Arbeitern entgegengeschleudert, nicht patentieren ließ. Denn diverse zionistische und assimilatorische Blätter haben sich diese von Uebelwollen und Ignoranz erzeugte „Streikbrecher"-Theorie sofort zu eigen gemacht. Den Rekord nach dieser Richtung hat sich der zionistische Schriftsteller Dr. Theilhaber in einem Berliner nicht-jüdischen Sensationsblatte geleistet, jn dem er in geradezu unwürdiger Weise das jüdische Arbeitsamt in Kattowitz angegriffen hat. Der Artikel hat die Absicht, die Aktion in Kattowitz unmöglich zu machen und die Tendenz, die sozialdemokratischen Organisationen dagegen zu hetzen. Der Artikel wird allerdings nichts erreichen. Dazu ist er viel zu wenig sachlich: nichts als Phrasen im Jargon der sozialistischen Agitatoren. Herr Dr. Theilhaber hätte besser über Sachen nicht geschrieben, die ihm ganz unbekannt sind, weil das für einen seriösen Schriftsteller nicht am Platze ist. Der Grundgedanke der Ausführungen des Herrn Dr. Theilhaber geht dahin, daß die preußische Regierung, welche die jüdischen Ausländer bisher ausgewiesen hat, nur deswegen so plötzlich für die jüdischen Arbeiter schwärme, weil sie „billiges Schachtfutter" benötige. Deshalb habe sie den „Handel" sanktioniert. Aber seinen ganzen Elan und alle die Uebertreibungen des Artikels hätte sich der Verfasser erspart, wenn er gewußt hätte, was er eben nicht weiß, daß die schlesischen Grubenbesitzer auf die jüdischen Arbeiter in keinem Falle angewiesen sind. In den schlesischen Kohlenbergwerken arbeiten nämlich viele Tausende polnischer und ruthenischer Arbeiter, sodaß die Grubenbesitzer gar nicht in Verlegenheit kommen können. Für diese polnischen und ruthenischen Grubenarbeiter gilt ganz dasselbe, was nunmehr für die jüdischen. Sie dürfen im Laufe des Jahres nur 11 Monate arbeiten und müssen für einen Monat fort, um nicht den Unterstützttngswohnsitz zu erlangen; wenn ihnen ein Unfall passiert, sind sie gegenüber den deutschen Arbeitern zurückgesetzt. Wenn ein Streik ausbricht, so sind auch sie denselben Eventualitäten ausgesetzt, wie die jüdischen Arbeiter. Und dennoch findet man weder im polnischen noch in ruthenischen Blättern irgendwelche Bedenken gegen diese Arbeit; am allerwenigsten findet sich ein Blatt oder ein Journalist dieser Nationalitäten, der die schlesischen Arbeitsgeber oder aber selbstlose Arbeitsvermiüler anrempeln würde. Die Sachsengängerei (kontinentale Auswanderung) wird in Galizien als eine wichtige Einkommensquelle für die ländlichen Proletarier, die Häusler und Zwergbauern, angesehen. Das hätten alle Blätter, die aus jüdischer Nächstenliebe die armen jüdischen Arbeiter verhungern lassen wollen, aus dem obzitierten Memorandum des Kattowitzer Arbeitsamtes erfahren können, wenn sie es gelesen hätten. Das Komitee führt ja an, warum die Arbeitgeber den jüdischen Arbeitern den Vorzug geben wollen und zwar: „Der ruthenische und russische Arbeiter neigt oft zur Trunksucht; wenn er sich betrunken hat, so macht er „blau", und die Grubenverwaltung kommt oft in große Verlegenheit, da sie nicht weiß, auf wieviel Leute sie an jedem Tage rechnen kann. In der Hauptsache werden die Sonntage und mehrere Tage, nachdem die Arbeiter ihren Lohn erhalten haben, zu ausreichendem Branntvveingenusse verwendet, und die Grubenbesitzer, die ihre Maschinen, Beamten, Häuer usw. stets bereit halten müssen, kommen oft in die Lage, diese Leute müßig gehen zu lassen und natürlich bezahlen zu müssen, weil die galizischen Hilfsarbeiter Geld in der Tasche haben und daher feiern. Dazu kommt, daß der galizische Arbeiter, nicht nur wenn er betrunken ist, sondern auch sonst zu Roheiten neigt, sich keiner Disziplin unterordnet und dadurch den Grubenbetrieb, in welchem viel mit Sprengstoffen gearbeitet wird, oft gefährdet. Alle diese Umstände treffen beim jüdischen Arbeiter — und das ist unser Stolz — nicht zu, deshalb wird er von den Gruben so außerordentlich geschätzt und deshalb sind sie zu Konzessionen bereit." Wer sich übrigens über die Wanderung polnischer und ruthenischer Arbeiter nach Preußen genauer informieren will, den verweise ich auf den jüngst erschienenen Bericht über die Auswanderungsenquete des k. k. Handelsministeriums. Da haben wohl polnische und ruthenische Experten über die Zurücksetzung ihrer Landsleute in Preußen allerhand Beschwerden erhoben. Aber es wurde eben die Beseitigung der Härten verlangt. Niemandem ist es eingefallen, gegen die kontinentale Auswanderung als solche Stellung zu nehmen, nicht einmal den Sozialdemokraten. Selbst der Führer der polnischen Sozialdemokraten, Abgeordneter Daszynski, erklärte, diese Erscheinung zu begrüßen. (Seite 189 des zitierten Berichtes.) Und wie hoch stehen die polnischen und ruthenischen Proletarier über den jüdischen Arbeitern. Sie haben ein Heim, eine Scholle, für sie gilt wenigstens in ihrer Heimat Recht und Gesetz .... Der Fall Kattowitz mag für die jüdische Presse eine Warnung sein. Nicht über alles zu schreiben, wenn man es auch nicht versteht; nicht alles abzuschreiben, was vom Parteistandpunkt in den Kram paßt. Das kann sich nicht an der Gesamtheit, wohl aber an den Aermsten unserer Armen rächen. Dr. S. R. Landau.

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