Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Die ägyptische Knechtschaft. (2. Fortsetzung). — „Wahrhaftig!" — „Er ist's, der die Finger seiner Seele ausstreckt, wie wir unseren Arm! Jetzt aber schneide ich seinen Fühler, der uns untersuchen will, ab." Er nahm ein Messer und machte vor ihnen einen Schnitt durch die Luft. Amram hatte ein Gefühl von Wärme, und im selben Augenblick sah er eine große Natter sich im Todeskampf am Boden winden. — „Ihr übt Schwarzkunst hier?" sagte er. — „Wußtest du das nicht?" — „Ich habe es nicht erwartet." In diesem Augenblicke war es, als öffnete sich die Wand und eine feuchte Mauer aus Nilschlamm zeigte sich, wo Krokodile und Schlangen sich umeinander wanden, während ein Flußpferd drohend mit den Vorderfüßen trampelte. Amram erschrak, Phater aber holte ein Amulett in Form einer Skarabäe hervor, und die wie einen Schild haltend, ging er mitten durch die Schrecken, die sich wie Rauch auflösten, während Amram ihm folgte. — „Er verdreht einem nur das Gesicht, der schwarze Mann", sagte Phater. Und als er mit der Hand fächelte, verdunstete der ganze Anblick. Jetzt standen sie wieder im ersten Saal, und auf den Nilmesser zeigend, sagte Amram: — „Hungersnot!" — „Daran ist nicht zu zweifeln! Deshalb sollen alle überflüßigen Mäuler gestopft werden . . . ." — „Was Phater hatte sich versprochen und merkte es. — „Ich meine," fuhr er fort, „Pharao muß darauf bedacht sein, Korn zu schaffen." — „Er könnte jetzt einen Josef gebrauchen." — „Wozu?" fiel Phater ein, heftiger als er wollte. „Weißt du nicht, daß Josef, Jacobs Sohn, die Aegypter zu Leibeigenen unter Pharao machte? Euere Urkunden, unsere Urkunden erzählen, daß er den Bauern ihr Land als Pfand für die Hilfe während der sieben mageren Jahre nahm, und daß dadurch Pharao allein Besitzer des Grundes und Bodens von Aegypten wurde." — „Du bist nicht Rüben, du bist Phater, der ägyptische Mann, denn wärst du Israel, hättest du nicht so gesprochen! Unsere Wege trennen sich! Ich gehe an meine Arbeit!" Amram begann Hand an die Türe zu legen, und Phater glitt in die Schatten der Pfeiler hinaus und verschwand. Amram aber sah an seinem gekrümmten Rücken, daß er sich mit bösen Anschlägen trug. Als Amram am Abend nach Haus kam, hatte seine Frau ein Knäblein geboren. Das war wie andere kräftige Kinder, schrie aber nicht; und es wurde nach dem Bad in leinene Kleider gehüllt und in den dunkelsten Winkel der Hütte gelegt. Am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang ging Amram wieder an seine Arbeit in den Sonnentempel und wurde mit verbundenen Augen in die Kammer geführt; dort ließ man ihn allein, ohne einen Rat oder eine Warnung über die Aufführung, die er zu beobachten habe. Diese Sorglosigkeit erschien ihm als Gleichgültigkeit und deutete auf allgemeine Schlaffheit im Tempeldienst. Darum ging er wieder in den Pfeilersaal. Sah mit Unruhe am Nilmesser, wie das Wasser gesunken war. Also keine Hoffnung auf die fünfzehn Ellen, welche die Erde für die Ernte des Jahres verlangte. Er trat weiter auf die Terrasse hinaus gegen Sonnenaufgang. Ehe er aber weiter ging, traf er die Vorsichtsmaßregel, kleine Stücke Papyrus als Wegweiser für die Rückkehr fallen zu lassen. Er ging über die Höfe, die eng wie Brunnen waren, hütete sich aber vor Treppen; die gestrige Erfahrung hatte ihn gewarnt. Schließlich befand er sich in einem Pfeilerwald, in dem die Baumkronen von Lotusknospen gebildet wurden, und als er lauschte, strich es dahin wie ein leiser Gesang von Kinderstimmen oben vom Dach. Als er das Ohr an einen Pfeiler legte, hörte er es stärker, wie klingende Musik von Zither und Harfe. Das war ja die Sonne, das wußte er, die bereits die Dachsteine erwärmt hatte und eben jetzt aufgehen wollte. Er tat einige Schritte vorwärts, auf einmal öffnete sich eine Terrasse mit einem Opferaltar. Die Terrasse senkte sich mit einer Sphinxtreppe zum Fluß hinunter, und die ganze Talsenkung öffnete sich, im Osten von der Bergkettte am Roten Meer begrenzt. Am Altar stand ein Priester im weißleinenen Gewand mit Purpursäumen. Er hatte die Arme gegen den Himmel erhoben und stand unbeweglich. Die Hände waren ganz weiß, da das Blut in die Arme gesunken war, und das Gesicht des alten Mannes schien sich zu spannen von der Kraft, die er von oben mit den Händen holte. Zuweilen zuckte es im Körper, als durcheilten ihn Ströme von Feuer. Er war still und schaute gen Osten. Da schob sich ein glänzender Rand der Sonnenscheibe über den Gebirgskamm und die weißen Hände wurden durchsichtig rosenrot wie sein Gesicht. Und er öffnete seinen Mund und sprach: — „Sonnengott, Herrscher des Strahlenglanzes, sei gepriesen am Morgen, wenn du aufgehst und am Abend, wenn du untergehst! Ich rufe dich an, Herr der Ewigkeit, du Sonne beider Horizonte, du Schöpfer, der du dich selbst geschaffen hast. Alle Götter jubeln laut, wenn sie dich schauen, König des Himmels; ich werde von neuem jung, wenn ich deine Schönheit sehe. Heil dir, wenn du zum Land des Lebens gehst, du Vater der Götter!" Er schwieg und blieb stehen, die Arme gegen die Sonne gestreckt, als sauge er Wärme aus ihr. Da war im Pfeilerwald ein Gerassel von Waffen zu hören, das gleich wieder verstummte und unmittelbar darauf erschien ein stattlicher Mann, bartlos, in Gold und Purpur gekleidet. Sein Gang war lautlos wie der eines Panters, und er schien über den Boden zu schweben; eer Boden spiegelte sein Bild, das ihm folgte: ein heller Schatten, auf dem er dahin ging. Als er auf die Terrasse hinausgekommen war, gab die Sonne ihm einen dunklen Riesenschatten, der wie ein Teppich hinter ihm Jag. — „Schon im Gebet, du Weisester unter den Weisen", begrüßte Pharao den Oberpriester.