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Neue Nationalzeitung · 1912-07-12 · Heft 14 (12.7.1912) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 14 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 14 — „Mein Herrscher hat mich gerufen, dein Diener hat gehorcht. Mein Herrscher ist in sein Land zurückgekehrt nach langen und ehrenreichen Siegeszügen in fernen fremden Gegenden. Dein Diener grüßt Pharao auf seinem Angesicht." Pharao setzte sich auf einen Thronsessel, das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt und begann zu sprechen, wie einer, der seine Gedanken ordnen will. — „Meine Wagen sind über die rote Erde Syriens dahingerollt; meine Pferde haben die Heerstraßen von Babylon und Ninive getreten; ich bin über Euphrat und Tigris gegangen und durch das Land zwischen den beiden Strömen gezogen; ich bin zu dem Land der fünf Flüsse gekommen und habe die sieben in der Ferne gesehen, wo das Seidenland beginnt, um sich bis Sonnenaufgang zu erstrecken; ich bin auf meinen Spuren umgekehrt und habe meine Schritte nach Norden gelenkt, nach Skythien und Kolchis. Wohin ich kam, hörte ich Gemurmel und sah ich Bewegung. Die Völker sind erwacht; in den Tempeln weissagte man die Rückkehr der Götter; denn die Menschen waren allein gelassen worden, ihre Geschäfte zu besorgen und ihre Geschicke zu lenken; sie hatten sie aber schlecht besorgt und übel gelenkt. Recht war Unrecht geworden und Wahrheit Lüge; die ganze Erde seufzte nach Erlösung. Schließlich erreichten die Gebete den Thron, den Thron des Allerbarmers. Und nun verkünden die Weisen, die Milden, die Heiligen in allen Zungen die frohe Botschaft: die Götter kommen wieder! Kommen wieder, um den Menschenkindern ordnen zu helfen, was sie verwirrt haben; Gesetze zu geben und das Recht zu schirmen. Diese Botschaft bringe ich als Siegesbeute heim, und du Weisester unter den Weisen sollst sie zuerst von deinem Herrscher empfangen!" — „Du hörst, Herr Pharao, was über den ganzen Erdkreis gesprochen wird, dein Auge schaut weiter als die Sterne des Himmels, sieht ferner als das Auge der Sonne!" — „Und doch, was die Götter mir im Traum zu hören gegeben, hat mein Ohr begriffen, mein Verstand aber nicht. Deute mir den Traum!" — „Sag ihn, Herrscher!" — „Nichts sah ich, aber ich hörte eine Stimme, als der Schlaf das Licht meiner Augen gelöscht hatte. Und die sprach im Dunkel und sagte: „Die rote Erde wird sich über alle Länder der Welt verbreiten, die schwarze aber wird verrinnen wie der Sand im Meer." — „Schwer zu deuten ist der Traum meines Herrschers nicht, aber nichts Gutes verkündet er." — „Deute ihn!" — „Wohlan! Die rote Erde ist Syrien, das weißt du Herr; Syrien, wo das elende Chetavolk wohnt, ist das Erbland der Hebräer, Kanaan. Die schwarze Erde ist die des Nils, Ägypten, dein Land, Herr!" — „Wieder die Hebräer, immer die Hebräer. Die Jahrhunderte sind geflohen, seit dieses Volk in unser Land eingewandert ist. Sie haben sich vermehrt, ohne uns zu beunruhigen. Ich liebe sie nicht, hasse sie auch nicht; jetzt aber fürchte ich sie. Arbeiten haben sie müssen, zuletzt schwerer als je, aber sie murren nicht; geduldig sind sie, als erwarteten sie etwas Gewisses, das kommen wird." — Lass' sie los, Herr!" — „Nein, dann gehen sie und gründen ein eigenes Reich." — „Lass' sie!" — „Nein, ich will sie vernichten!" — „Lass' sie!" — „Gewiß, ich werde sie vernichten!" — „Aber der Traum, Herr?" — „Den deute ich als eine Warnung und Mahnung." — „Nicht als Voraussage des unvermeidlich Kommenden?" — „Nein, als eine Warnung und Mahnung." — „Rühr' nicht an das Volk, Herr, denn ihr Gott ist stärker als unserer!" — „Ihr Gott ist der der Chaldäer. Unsere Götter mögen kämpfen! — Ich habe gesprochen, du hast gehört; ich füge nichts hinzu und nehme nichts davon." — „Herr, du siehst eine Sonne am Himmel und du glaubst, daß sie über allen Völkern scheint; glaubst du nicht, daß der Herr des Himmels ein und derselbe ist, der über die Schicksale aller Völker herrscht?" — „Es müßte so sein! Aber über dieses Land hat der Herr des Himmels mich zum Lenker gesetzt, und nun lenke ich." — „Du lenkst, Herr, aber du herrscht nicht über Wetter und Wind; du kannst das Wasser des Nils nicht um einen Zoll erhöhen, und du kannst nicht hindern, daß wir dieses Jahr wieder Mißwachs bekommen." — „Mißwachs? Was sagt der Nilmesser?" — „Herr, die Sonne ist ins Zeichen der Wage getreten und das Wasser sinkt bereits. Das ist die Hungersnot!" — „Da werde ich ausroden alle unnützen und fremden Münder, die den Landskindern das Brot fortnehmen. Ich will die Hebräer vernichten." — „Lass' sie frei, Herr!" — „Ich will die Hebammen rufen und alle Knäblein, die von einem hebräischen Weib geboren werden, umbringen lassen. Ich habe gesprochen; jetzt handle ich!" Pharao stand vom Stuhl auf und ging, schneller als er gekommen war und Amram kehrte auf seinen Spuren zurück, fand aber nicht mehr als ein Papyrusstück. Da blieb er stehen und fürchtete sich sehr, denn er konnte seinen Weg nicht finden. Die Sonne war gestiegen und es spielte nicht mehr im Pfeilerwald, sondern dort war es still geworden. Nachdem er eine Weile gelauscht hatte, begann Amram dieses verdichtete Schweigen zu vernehmen, daß ein Lauschender von sich gibt; oder Kinder, die etwas Unerlaubtes tun und sich nicht verraten wollen. Er fühlte, daß jemand in der Nähe war und daß dieser verborgen sein wollte, aber doch seine Gedanken auf ihn richtete. Um Gewißheit zu erhalten, ging Amram nach der Seite, auf der das Schweigen am dichtesten war. Und siehe hinter einem Pfeiler stand Phater, der nicht einen Schimmer von Verlegenheit zeigte, sondern nur seine offene Hand ausstreckte, in der alle Papyrusstücke lagen, die Amram ausgestreut hatte. — „Du mußt nicht Papierstücke auf den Boden legen," sagte Phater mit einem unbeschreiblichen Lächeln. — „Ja, werde nicht zornig, ich will dir nur wohl! Denn jetzt wirst du mir folgen und nicht an deine Arbeit zurückkehren, die nur eine Schlinge war, denn man steht dir nach dem Leben. Du mußt in dein Haus zurückkehren und für dein neugebornes Kind sorgen, daß es nicht umgebracht wird. Siehst du, daß Ruben-Phater ein wahrer Israelit ist, wenn du's ihm auch nicht glauben wolltest!" Und Amram folgte ihm und kam hinaus und kam heim. (Schluß folgt).

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