Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425857-2425872--2431-2428862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Die Senatswahlen in Belgien. In den Senat sind bei den letzten Parlaments-Wahlen zwei Juden gewählt worden: Sam. Wiener für Brüssel und Herb. Speyer für die belgische Provinz Luxenburg mit dem Hauptort Arlon. Eine Neuausgabe der „Septuaginta". Mit Beihilfe der preußischen Regierung wird ein hochbedeutsames Werk von der „Königlichen Oesellschaft der Wissenschaften" in Göttingen zur Durchführung gebracht: die griechische Uebersetzung des alten Testamentes. Die „Septuaginta", ein weltgeschichtliches Kultlirwerk aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert, hat infolge der handschriftlichen Ucberlieferung manche wcscnt/ic/ic Abänderung erfahren, die der Uebersetzung zum Nachteil gereicht. Eine Wiederherstellung des ursprünglichen Textes wäre von größter Bedeutung und wird darum schon seit langer Zeit gefordert. Jetzt wurden von den wissenschaftlichen Körperschaften, die dem Karte// der deutschen Akademien angehören, in erster Reihe von der Göttinger Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, die Vorarbeiten zu einem wissenschaftlichen Wiederaufbau der Septuaginta in Angriff genommen. Auf Grund der wissenschaftlichen Forschungen ist zu hoffen, daß der ursprüngliche Text wieder vollkommen wird hergestellt werden können. Es ist dazu eine Summe von 450.000 Mark erforderlich. Die preußische Staatsregicrung hat sich bereit erklärt, einen großen Teil der Kosten zu übernehmen. Die Gesamtarbeit wird voraussichtlich 30 Jahre in Anspruch nehmen. Die KoscherfJeiscbteuerung in Brooklyn. Recht amerikanisch benehmen sich die jüdischen Hausfrauen in Brooklyn. Wie bei uns, sind auch dort die Fleischprcise im Steigen begriffen und bringen die Frauen in Verzweiflung. Aber die amerikanischen Frauen wissen von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen. Sic sandten an die Metzger ein Ultimatum mit dem Verlangen, die Koschcrfleischpreise herabzusetzen, oder das Fleisch wegzuwerfen und die Fäden zu schließen widrigcnsfalls die Ladenfenster eingeworfen würden. Hinige Metzger verstanden diesen Wink mit dem Zaunp ahl und sie schlössen ihre Läden. Die Flcischläden aber, die offen blieben, wurden von den verärgerten Frauen umringt und deren Fenster eingeworfen. Der Skandal dauerte ein paar Tage, während welcher mehrere Frauen arretiert wurden. Nun ist ein ernstlicher Versuch gemacht worden, die Frauen zu einer Liga zu verbinden, die ihre Bemühungen nach einem mehr Frfolg versprechenden Ziele richten wird dem nämlich, die Fleischertrusts niederzuwerfen statt die Ladenfenster. Zur Wahl des Chief-Rabbi in London. Die Chief-Rabbi- Wahlbcwcgung, die seit so langer Zeit das englische Judentum beschäftigt, hat endlich eine feste Gestalt angenommen Die Kommission, die mit der Auswahl der geeigneten Kandidaten für den Posten betraut war, trat vorigen Sonntag zusammen, um sich ihrer schweren Aufgabe zu entledigen. Die Erwartungen waren gespannt, denn die Zahl der in Betracht kommenden Kandidaten war gering und die Auswahl desto schwieriger. Es meldeten sich folgende Kandidaten: Dr. Moses Hyamson, der erste Dajan der United Synagoguc (der Londoner Hauptgcmeindc); Dr. Joseph H. Hertz, früher Rabbiner in Johannesburg (Südafrika), jetzt Rabbiner der Orach Chaitn-Synagogc in New-York; Dr. H. Gol- 1 a n c z, Rabbiner der Bayswatcr Synagoge zu London und Prof. des Hebräischen am University College und Dr. Samuel D a i c h e s, Dozent für Talmud und Homiletik am Jews' College, dem englischen Rabbinerseminar. Große Ucbenaschung rief es in der Gemeinde hervor, als bekannt wurde, daß die vorberatende Kommission von diesen Kandidaten nur Dr. Hyamson und Dr. Hertz zur Wahl vorgeschlagen hat. Dagegen hat sie noch einen Kandidaten vorgeschlagen — Dr. H.Drachinan aus New-York — der wahrscheinlich um den Posten angehalten hat, aber sich noca persönlich vorstellen muß. Dr. Drachman, ein geborener Amerikaner, ist Rabbiner einer othodoxen Gemeinde und Dozent am New-Yorker Rabbinerseminar; er ist bekannt als Uebersctzer von S. R. Hirschs „Neunzehn Briefen", und genießt den Ruhm, ein Lehrer Dr. J. H. Hertz' gewesen zu sein. Die Judengemeinde von Kopenhagen gegen ihren Oberrabbiner. Ein hochinteressanter Prozeß hat am vergangenen Freitag vor dem höchsten Gerichtshof in Kopenhagen seinen Abschluß gefunden. Die dortige israelitische Kultusgemeindc hatte im Jahre 1903 den Dr. Lcwenstein, bis dahin in Hamburg, als Oberrabbiner angestellt. Dieser hatte im voraus erklärt, er sei streng orthodox. Die Repräsentantschaft hatte nichts dagegen und ging sogar kontraktlich darauf ein, ihn als unabsetzbar anzustellen. Bald stellten sich indessen Schwierigkeiten ein, namentlich mit Rücksicht auf gcmiscIitcElie n und Aufnahme von Nichtjudcn ins Judentum. Dr. Lewenstein wollte keine „halben Juden" haben und nahm es sehr genau mit den Proselyten, die oft nur bezweckten, sich der jüdischen Geldaristokratie einzugliedern. Die Repräsentanten der Kultusgemeinde erlaubten deshalb im Jahre 1909 auch dem Unterrabbiner Dr. Schornstein Aufnahmsakte vorzunehmen. Dr. Lewenstein protestierte gegen dieses Vorgehen, indem er sich auf seinen Kontrakt berief, wonach rituelle Fragen von ihm allein entschieden werden sollten. Da aber dieser Protest vergeblich war, machte Dr. Lcwenstein in den angesehcns\en Blättern der Hauptstadt bekannt, daß Dr. Schornsteins Aufnahmsakte ungültig seien. Daraufhin wurde ersterer seines Amtes entsetzt. Nun kam es zum Prozeß zwischen Dr. Lcwenstein und der Repräsentanten der Kultusgemeindc. Der Oberrabbincr verlangte Wiedereinsetzung ins Amt oder einen Schadenersatz von 150.000 Kronen. Die erste Instanz, das Hof- und Stadtgericht, billigfe ihm aber am 26. Juni 1911 nur einen Ersatz von 150.000 Kronen zu, wogegen Dr. Lcwenstein Berufung einlegte. Nach fünftägiger Prozedur hat nun der Oberste Gerichtshof die Entscheidung getroffen, die Kultusgemeindc müsse ihm 80.000 Kronen als Ersatz zahlen und außerdem die Gcrichtskostcn von 1200 Kronen begleichen. Dr. Lewenstein, dem man unter anderem auch vorgeworfen hatte, daß er seinen Kantor zurechtgewiesen, weil er es wagte, am Sabbat mit dem Regenschirm zu gehen, ist mit dem Ausfall des Prozesses insoweit zufrieden, als das Gericht in höchster Instanz anerkannt hat, daß er als „Repräsentant des gesetzestreuen, traditionellen Judentums seine Pflicht getan", wie er sich in einem Interview ausdrückte. Dr. Lcwenstein ist bereits von der Judengemeinde in Zürich zum Oberrabbiner bestellt werden. LITERATUR. Hebräisch-deutsches Liederbuch. Herausgegeben vom „HUfsverein der Deutschen Juden". Die jüdischen Schulen im Orient leiden unter dem Mangel an Schubüchern, die der Eigenart des Orients entsprechen. Bisher werden dem Unterricht notgedrungen meist Bücher zu Grunde gelegt, die für die europäischen Länder Frankreich, Deutschland, England etc. geschaffen sind und in der Hauptsache in Natur- und Kulturverhältnissen dieser Länder wurzeln. Der H i 1 f s v e r e i n der Deutschen Juden ist nun daran gegangen, Schulbücher herauszugeben, die den Bedürfnissen des Orients mehr angepaßt sind. Der Anfang ist mit einem hebräisch-deutschen Liederbuch gemacht worden, das von Herrn A. Z. I d e 1 s o h n, Gesanglehrer an den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem, unter Mitwirkung kompetenter Persönlichkeiten zusammengestellt wurde. Singen gehört, wie Zeichnen und Turnen, zu den Schulfächern, die im Orient trotz ihrer großen Bedeutung — noch nicht recht zur Entfaltung gelangt sind. Die Welt des Liedes, die einen unsagbaren Zauber hat, der jüdischen Jugend in jenen Ländern zu erschließen, wo das Schicksal der Juden seit vielen Generationen Not und Elend ist, bedeutet nicht nur einen Fortschritt auf pädagogischem Gebiete, sondern eine Bereicherung heranwachsender Generationen, mit großen Werten für