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Neue Nationalzeitung · 1912-07-12 · Heft 14 (12.7.1912) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 14 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 14 Durch die Senatsinterpretation ist den meisten hier lebenden Juden das Wahlrecht genommen worden, auf welches sie, der bisherigen Auffassung nach ein Anrecht hatten. Da den örtlichen Behörden bei der Aufstellung der Wählerlisten für die Wahlen in die vierte Reichsduma einige Zweifel aufstiegen, so wandten sie sich an das Ministerium des Innern, weil Kiew, dem „Buchstaben des Gesetzes nach" außerhalb des Ansiedlungsrayons Hegt. Der Senat hat den Sinn des Wahlgesetzes dahin ausgelegt, daß nur derjenige an seinem Wohorte wahlberechtigt ist, der das volle Wohnrecht am Orte genießt und es auch de facto ausübt. Tausende Juden verlieren ihr Wahlrecht; die Regierung sorgt dafür, daß unsere Stadt den Kadetten entrissen wird. GEMEiNUS= UND VSRSkNSNGlRRitWW Wien. (General-Versammlung der „Adaß Jisroel".) Am 16. v. M. fand im Saale des Bethamidrasch Thorah Ez Chaim die General-Versammlung der „Adaß Jisroel" statt. Der Vorsitzende, Dr. Reiniger, begrüßte in Vertretung des verreisten Obmannes, Herrn Philipp Back, die Erschienenen. Als Vertreter der Kultusgemeinde war Herr kais. Rat Kauders erschienen. Der Berichterstatter des Vereins, Herr Pappen heim, verwies auf den vorliegenden Bericht, der die Tätigkeit des Vereins kurz darstellt. Die materielle Lage des Vereins ist in einer günstigen Entwicklung. Den laufenden Einnahmen von K 49.854 und außerordentlichen Einnahmen von K 3.600, stehen an regelmäßigen Ausgaben K 45.384 gegenüber, so daß das Vermögen einen Zuwachs von K 8000.— erfuhr. Unter den Ausgaben befinden sich K 930 an Subventionen für Vereine, K 3386 an Spenden für Vereine, K 1125 Beteilung von Mazzos, K 240 Kaiser Franz Josef- Jubiläums-Armenbeteilung etc. In wiederholten Fällen hat der Verein für Eltern, deren Kinder in der Schule wegen Einhaltung der Sabbatgesetze Unannehmlichkeiten hatten, erfolgreich interveniert. Wien. Im Juni fand die 33. General-Versammlung des Vereines „Zur Unterstützung armer, kranker Israeliten" statt. Obmann, Herr Marcus Bondi, begrüßte die Versammlung und legt die prekäre Lage des Vereines dar, dessen G cbahrungsdefizit auf rund 7 8 0 0 Kronen angewachsen ist, und müssen oft dringende Verlangen der Herren Professoren und Abteiluugsvorstände unberücksichtigt bleiben, weil die Mittel des Vereines unzulänglich sind. Herr Bernhard Hofbauer möchte berichtigen, daß der Betrag der löbl. Knltusgemeinde nur zum Teile eine Subvention für den Verein darstellt, da circa 5—6000 Kronen das Aequivalent für die vom Vereine besorgte Verköstigung sämtlicher jüdischer Kranken in allen Heilanstalten während der Pessachtage und hohen Feiertage bieten, welche Verköstigung die Kultusgemeinde seit jeher gewährte. Herr Dr. Reiniger empfiehlt einen dringenden Aufruf an die ungarischen und galizischen Gemeinden, die eine große Anzahl Kranker senden. Herr Gabriel Fischer empfiehlt dem Vorstande, durch persönliche Agitation Geldmittel zu beschaffen. Hierauf wurden die Wahlen vorgenommen. Berlin. Die Gesellschaft zurFörderung der Wissenschaft des Judentums stellt uns einen Halbjahrsbericht zur Verfügung, dem wir folgendes entnehmen. Die Zahl der Mitglieder ist wieder in erfreulichem Umfange gestiegen, und zwar um 140, so daß die Berichtsperiode mit einem Bestand von rund 1500 Mitgliedern abschließt. Großen Beifalls hatten sich zu erfreuen die im vergangenem Winter kostenlos an sämtliche Mitglieder verteilten zweibändigen „Gesammelten Abhandlungen" von Ludwig Philippson, die dessen Söhne aus Anlaß der 100. Wiederkehr seines Geburtstages herausgegeben und in einer größeren Anzahl von Exemplaren der Gesellschaft zur Verfügung gestellt hatten; auch neu hinzutretende Mitglieder erhalten das Werk noch nachgeliefert. Die Gesellschaft hat neu herausgegeben die Schrift: Niki Müller: „Die jüdische Katakombe am Montevcrde zu Rom"; sie läßt in den nächsten Tagen neu erscheinen einen Vortrag von Dr. I. Elbogen über Ludwig Philippson und den 3. Band der bedeutsamen „Talmudischen Archäologie" von Professor Dr. S. Kraus, Wien. Ferner kündigt die Gesellschaft das Erscheinen der „Geschichte des Synagogenkultus" von Doktor I. Elbogen für den nächsten Herbst und die Herausgabe des 1. Heftes des von dem verstorbenen Lektor M. F r i e d m a n n- Wien bearbeiteten Sifra an. Der Ausschuß der Gesellschaft hat am 24. Juni eine Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, demnächst mit dem Drucke des 1. Bandes der kritischen Ausgabe der „Mis ch na", des I. Bandes der „Germania ludaica" und des 2. Bandes des „Maimonideswcrkes" zu beginnen. Ferner faßte der Ausschuß einige für den „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums" bedeutsame Beschlüsse. Er ergänzte den bisherigen Entwurf durch die Aufnahme einer Reihe neuer Teilwerke und die Bildung einer besonderen Gruppe von Werken unter dem Gesamttitel „Das Judentum und die Religionen" und genehmigte nach den Vorschlägen eiiur besonderen Kommission die Übertragung einer größeren Reihe von Teil werken an bedeutende Gelehrte. Auch hat der Ausschuß einer größeren Anzahl von Vereinen und Wissenschaftlern namhafte Subventionen bewilligt. Die nächste Generalversammlung wird vorraussichtlich in Breslau stattfinden. Der Bericht beweist aufs neue, wie außerordentlich bedeutungsvoll und verdienstlich das Wirken der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ist, und wir können daher nur dem Wunsche Ausdruck geben, d;iß ihr auch weiterhin neue Gönner und Freunde in großer Z.ihl beitreten mögen. $&U$ ftllSN WCITOilSN Konferenz der französischen Rabbiner. Vorige Woche fand in Paris unter dem Vorsitze des Grand Rabbi n von Frankreich, Alfred Levy, die siebente Generalversammlung der französischen Rabbinervereine statt. An der Konferenz haben 35 Rabbiner aus allen Teilen Frankreichs teilgenommen. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die G e t-Frage (Ehescheidungs-Frage), über welche Rabbiner Hagenau das Referat erstattete und den Antrag stellte, daß zur Vermeidung der Unzukömmlichkeiten bei den jüdischen Ehescheidungen, und um den Mann schon bei der Eheschließung zu veranlassen, für den Fall der späteren Ehescheidung die Verpflichtung auf sich zu nehmen, seiner Frau den in den jüdischen Religionsgesetzen vorgeschriebenen Get zu überreichen, in Hinkunft jede Kethuba auch die folgende Formel zu enthalten habe: „Für den Fall, daß das Zivilgericht die Auflösung der Ehe jemals ausprechen sollte, verpflichte ich mich mit Gegenwärtigen vor der kompetenten Stelle behufs religiöser bezw. religionsgesetzlicher Lösung der Ehe einzuschreiten." Der Antragsteller erwartet von dieser Maßregel, daß das Zivilgericht dieser Verpflichtung durch Auferlegung von Strafen und Zuurteilung von festzustellenden Schadenersatzsummen an die geschiedene Frau Geltung verschafft. Nach eingehender Debatte wurde der Antrag einer Spezialkommission zugewiesen. Ein Antrag auf Einführung einer Zeremonie im Tempel bei Leichenbegängnissen wurde von der Versammlung mit der Begründung einstimmig abgelehnt, daß vor dem Tode alle Menschen gleich seien und eine solche neue Einführung, die bei jedem Leichenbegängnisse einzuhalten unmöglich wäre, dieses Prinzip der Gleichheit umstoßen müßte. Nach einer Diskussion über eine Reform des Lehrplanes für den Religionsunterricht mit größerer Berücksichtigung der hebräischen Sprache wurde Rabbiner Metzger beauftragt, einen solchen Reform lehrplan auszuarbeiten. Die Beratung über die Frage der Unkündbarkeit der Rabbiner wurde vertagt. Der Präsident verliest ein von ihm verfaßtes Zirkular, betreffend die Gründung einer Gesellschaft zur Herausgabe von Jugendschriften, durch welche die jüdische Jugend Frankreichs über die Geschichte der Juden und die bedeutenderen Werke der jüdischen Literatur gelehrt werden sollen. Die französischen Rabbiner sind sich offenbar ihrer Amtspflichten mehr bewußt als anderswo. Dem judischen Museum in Wien ist für seine Beteiligung an der Intern. Hygiene-Ausstellung z. H. des Herrn Hofrates Prof. Politzer von der Ausstellungsleitung ein Anerkennungsschreiben nebst einer Plakette zugegangen.

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