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Neue Nationalzeitung · 1912-07-12 · Heft 14 (12.7.1912) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 14 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 7 ff0RR6SPOM>6NZeN Oesterreich-Ungarn. Das vierzigjährige Professorenjubiläum des Hofrates Professors Dr. Karl S. Grünhut. Wien. Am 2. Juli vollendete Hofrat Dr. Karl Samuel G r ü n h u t das 40. Jahr seiner Zugehörigkeit zum Professorenkollegium der Juristenfakultät. Noch nicht 25 Jahre alt, trat Grünhut im Sommer 1869 als Privatdozent in den Lehrkörper der Wiener Universität. Drei Jahre später wurde er zum außerordentlichen Professor und bald darauf (1874) zum Ordinarius ernannt. Am Jubiläumstage fanden sich in der Wohnung des Hofrates Grünhut die Herren Hofrat Professor Dr. Josef Freiherr v. Schey und Hofrat Dr. Lammasch ein, um ihn zu seinem vierzigjährigen Jubiläum als Professor der Wiener Universität zu beglückwünschen. Hofrat Freiherr v. Schey überreichte mit herzlichen Glückwünschen als sinniges Geschenk der Kollegen zwei Originalaquarelle von der Hand des Wiener Malers Erwin Pendl, die im Auftrage des Professorenkollegiums der Universität ausgeführt wurden. Das eine Bild zeigt eine Ansicht der alten Universität, in der Hofrat Grünhut einst seine akademische Lehrtätigkeit begonnen hat, das zweite die neue Universität, bei welcher besonders die „Juridische Ecke" Berücksichtigung gefunden hat. Im Hintergrunde sieht man das Herrenhaus, dessen Mitglied Hofrat Dr. Grünhut ist. Die beiden Aquarelle sind gemeinschaftlich gerahmt und tragen zwei Widmungstafeln mit den Aufschriften: 1872-1912 und CAROLO SAMUELI GRUENHUT PER OCTO LUSTRA ALMAE MATRIS VINDOBONEN- SIS PROFESSORI COLLEGAE OPTIME MERENTI ORDO JURIS CONSULTORUM D. D. D. Zu Deutsch: „Karl Samuel Grünhut, dem durch acht Lustren an der Wiener Almer mater wirkenden Professor und über alles verdienten Kollegen, die Fakultät der Rechtsgelehrten." Der Unterrichtsminister Dr. Ritter von Hussarek hat Hofrat Grünhut anläßlich seines Professorenjubiläums in einem ausführlichen Schreiben herzlichst beglückwünscht. Hofrat Grünhut ist ein treuer Anhänger des Judentums, wenn er auch bisher sehr wenig hervorgetreten ist. Er war nur kurze Zeit Mitglied des Kultusvorstandes. Er hat aber nie und nirgends mit seinem „Deutschtum" renommiert, durch welches Bekenntnis sich andere Professoren billige Lorbeeren bei der deutsch-nationalen Studentenschaft zu erobern suchen. Hofrat Grünhut ist ein wirklicher Meister und Freund seiner Schüler; die größte Genugtuung am Tage seines 40jährigen Professoren-Jubiläums mag für ihn sein, daß er Generationen von Juristen erzogen hat, die alle mit gleicher Liebe und Verehrung an ihn hängen. Deutsches Reich. Geheimrat Hermann Cohen als Jubilar. Berlin. Geheimer Regierungsrat Professor Hermann Cohen, der berühmte Marburger Philosoph, vollendete am 4. Juli sein siebzigstes Lebenjahr. Der Sohn des jüdischen Gemeindejehrers aus dem kleinen Coswig an der Elbe ist schon als Dessauer Gymnasialschüler in die Religionsphilosophie des jüdischen Mittelattets von seinem Vater eingeführt worden, und noch eine seiner letzten Arbeiten zeichnet eine Charakteristik der Ethik des Maimonides, des großen jüdischen, in Spanien lebenden Denkers des 14. Jahrhunderts. Auf dem Breslauer jüdisch-theologischen Seminar boten ihm Manner wie Graetz, Bernays, Joel Anregungen. 1861 ging er zur Universität über, drei Jahre später nach Berlin zu Steinthal, im nächsten Jahr machte er in Halle den Doktor. Sein erstes wirksames Hervortreten war sein Eingreifen in den Trendelenburg-Cuno Fischerschen Streit über Kants Erkenntnislehre. Sein 1871 erschienenes Werk über Kants Theorie der Erfahrung wurde von der grüßten Bedeutung für das Wiedererwachen der kritischen Philosophie. In Marburg habilitierte er sich im Jahre 1873, drei Jahre später wurde er Friedrich Albert Langes Nachfolger im Ordinariat er hat seinem Vorgänger in der von ihm besorgten Ausgabe von dessen Geschichte des Materialismus eine schöne Biographie geschrieben. Als dann der Antisemitismus in die Höhe kam, wurde der Name dieses aufrechten Anhängers seines Glaubens eine Zeitlang übel genug behandelt. Damals erhielt Cohens Wesen jenen leidenschaftlichen Charakter, der jedem seiner Worte etwas Kämpferisches gibt. Noch vor zwei Jahren hat er auf dem Berliner Weltkongreß für freies Christentum die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit betont und seinen alten Glaubenssatz bekräftigt: die Lieberwindung von konfessionellen Schranken sei wohl ideales Ziel, aber die begriffliche Vollendung der Einheit der Religion könne, sich nur in der Idealisierung der Einzelzüge dieser religiösen Mannigfaltikeiten vollziehen. Von seinen Arbeiten auf jüdischem Gebiete verdienen Erwähnung: »Bekenntnisse in der Juden frage", „Die Nächstenliebe im Talmud", ein Gutachten, welches Prof. Cohen in einer Gerichtsverhandlung gegen einen Volksschullehrer wegen unqualifizibarer Angriffe auf Talmud und Schulchan Aruch abgegeben hat, schließlich „Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit", Berlin, 1910. Teile dieses Vortrags gelangten in einem Blatte von religiös gesetzestreuer Tendenz, im „Sabbath" zum Abdrucke. Rußland. Neue Progroms — ohne Blut. Kiew, den 1. Juli. Die Regierung fährt fort, die Juden zu quälen und zu verfolgen — bis zur Verzweiflung. Es finden keine Pogroms mehr statt; Europa hat sich ja doch ein bischen entrüstet. Dafür werden täglich neue Chikanen ausfindig gemacht, um die Juden aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben, oder sie noch vogelfreier zu machen. Pogroms ohne Blut. Infolge des neuen Erlasses des Petersburger Senates, wonach den jüdischen Schülern der Theater-, Zeichen- und Musikschulen der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons verboten wird, sind aus Kiew, wo sich 1 8 solcher Schulen befinden, 500 jüdische Schüler ausgewiesen worden. Die Polizei ließ ihnen nur 7 Tage Zeit. Zusammen mit den Schülern müssen Buch ihre Eltern, die bisher dort wohnen durften, weil ihre Kinder die Schulen besuchen, die Stadt verlassen. Auch die Lehrer der Schuie Brodzki und anderer jüdischer Schulen sind aus Kiew ausgewiesen worden. Es sind somit einige Tausend Juden, von denen nur die wenigsten einige Mittel besitzen, ihres Lebensunterhalts beraubt und in die weite Welt vertrieben worden. Der erdrückend größte Teil von ihnen wird sich notgedrungen in den ohnehin überfüllten Ansiedlungsrayon begeben müssen und das dort unter den Juden herrschende Elend noch vermehren. Das AHerniedrigste ist der Wahlrechtsraub, der an den jüdischen außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnenden Wählern begangen wird. Am meisten ist dadurch unsere Stadt betroffen worden.

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