Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-07-12 · Heft 14 (12.7.1912) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 14 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425872--2428-2428859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 14 jüdische Publizist an den parlamentarischen Vorgängen der letzten Zeit, soweit sie diese Nationen betreffen, nicht achtlos vorübergehen. Von den zur Agnoszierung gelangenden Mandaten waren mehrere für die jüdischen Wähler von großem Interesse. Es gelangten zur Agnoszierung in erster Linie die Mandate des Abgeordneten G a\\ (Tarnopol) und des Abgeordneten Stern (Buczacz), denen Zionisten gegenüberstanden. Von ersterem ist es bekannt, daß er nur durch die Annullierung von mehreren Hundert für Adolf Stand abgegebenen Stimmen gewählt wurde. Dann handelte es sich auch um die Agnoszierung der Wahl des christlich-sozialen Abgeordneten H r u s z k a in dem Drei-Städte-Bezirke der Bukowina, bei welcher Wahl bekanntlich der jüdische Gegenkandidat Luzian Brunner nur durch eine Reihe von Wahlmißbräuchen und krassen Ungesetzlichkeiten unterlegen ist. Trotzdem wurden alle protestierten Wahlen im Sinne des vom Legitimationsausschusse gestellten Antrages agnosziert, die Wahl Hruszkas trotz einer scharfen Rede, die Abgeordneter Dr. Straucher namens der jüdischen Bevölkerung der Bukowina hielt. Bereits im Ausschusse hat sich der Stanislauer H a u s j u d e des Polenklubs, Rauch, in serviler Weise für den Antisemiten Hruszka eingesetzt. Offenbar haben sich die Majoritätsparteien geeinigt, sich die erschwindelten Mandate gegenseitig zu pardonnieren. Generalredner Abg. Dr. Straucher führte aus, er sei Hruszka gegenüber persönlich ganz unvoreingenommen, allein er müsse das Gesetz verteidigen, zumal bei der Wahl dieses Abgeordneten eine Summe von Gesetzesverletzungen verübt wurde. Es sei geradezu unglaublich, wie eigentlich der vorliegende Ausschußbericht zu dem Schlüsse gelangen konnte, die Wahl zu agnoszieren. Das Abgeordnetenhaus darf mit dem schlechten Beispiel nicht vorangehen, ungesetzliche Handlungen gutzuheißen; das Mindeste aber, was gefordert werden kann, ist die Vornahme von Erhebungen und, solange diese nicht gepflogen wurden und solange auf Grund der Proteste ehrenwerter Bürger feststeht, es seien Gesetzesverletzungen und Vergewaltigungen bei dieser Wahl verübt worden, könne er zur beantragten Agnoszierung der Wahl seine Zustimmung nicht geben. In diesem Parlamente wurden also die Mandate innerhalb eines Jahres agnosziert. Allein solche Agnoszierungen von erschwindelten Mandaten sind noch ärger als die Nichtagnoszierungen des vorigen Parlamentes; sie geben dem Wahlschwindel einen Freibrief. Und das nennt man allgemeines Wahlrecht! Die Verhandlungen der „Ito". Wien, 1. Juli. Am 27. Juni begann im Saale des Kaufmännischen Vereins in Anwesenheit von zirka 80 Delegierten aus Rußland, England, Amerika, Oesterreich, Deutschland, Frankreich, Schweiz usw., die Konferenz der JüdischterritoriaJistischen Organisation. Die Sitzung wurde vom Vizepräsidenten des Wiener Lokalkomitees Dr. Jakob Engel eröffnet. Besonders zahlreich haben sich die Mitglieder des Wiener Kuhusvorstandcs und seiner affilierten Organisationen, überdies mehrere Rabbiner eingefunden. Nach Dr. Engel sprach Israel Zangwi 11, der in einer ausführlichen, englisch gehaltenen Rede die Geschichte des Territorialismus und seine gegenwärtigen Bestrebungen schilderte. Hierauf hielt namens der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Vizepräsident Dr. Gustav Kohn eine überaus warme Begrüßungsansprache. Es sprachen dann als Vertreter der B'ne B'rith Doktor Wilhelm Knöpfmacher, namens der Wiener Israelitischen Allianz Herr Pappenheim und namens der Rabbiner Doktor David Feuchtwang. In der Nachmittagssitzung, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, hielt Israel Zangwill sein Referat über Angola. Zangwill erzählte zunächst die Entstehungsgeschichte dieses Projektes, auf welches er gerade vor einem Jahre durch eine Zuschrift des Rabbiners M. J. Cohen aus ßullawayo aufmerksam gemacht wurde. Er gab die bereits bekannten Vorgänge in Lissabon sowie die Einbringung und Annahme der Gesetzesvorlage über die jüdische Siedlung in Angola im portugiesischen Parlament ausführlich bekannt. Außer dem Angolaprojekte, welches abgelehnt wurde, besprach Zangwill auch ein zweites Landprojekt, welches sich auf Honduras in Zentralamerika bezieht. Es gelangen zwei Resolutionen zur Annahme. In der ersten beschließt die Konferenz, dem Hondurasprojekt sympathische Beachtung zuzuwenden und auf dem genannten Gebiete eine Mandelstammkolonie, zum Andenken des verstorbenen russischen Führers zu gründen. In der zweiten Resolution wird der portugiesischen Depuiertenkammer der Dank für die Annahme einer Gesetzesvorlage ausgesprochen, welche jüdischen Kolonisten in Angola Landkonzessionen anbietet. Die Konferenz bedauert jedoch, den Vorschlag nicht annehmen zu können. Zum Schlüsse sprach sich Zangwill gegen die von der Majorität angestrebte Schaffung einer itoistischen Organisation, nach dem Muster der zionistischen, aus und erklärte gleichzeitig, daß, falls die Konferenz eine Organisation in dieser Form beschließen würde, er sieh außer Stande fühle, derselben als Präsident vorzustehen. Eindrücke eines Konferenzteilnehmers. Ein russischer Konferenzteilnehmer schreibt uns: Wir sind sehr enttäuscht. Erstens über den kühlen Empfang, den unser Präsident Zangwill bei der hiesigen Presse gefunden hat. In anderen Großstädten hätte ihn die Presse gefeiert und interviewt, Ar.ikel und Porträts gebracht, in Wien ist man über ihn und unsere Konferenz zur Tagesordnung übergangen. Sehr überrascht waren wir Delegierte über den so warmen Empfang seitens des Kultusvorsiandes. Wir fragten uns verduzt, woher sind denn wir Nationaljuden plötzlich solche „Mechitunim" (Gevatter) mit euerem Kultusvorstand, der doch dem von allen Nationalisten (auch Territorialisten) so heftig bekämpften Warschauer Kultusvorstand sehr ähnlich sieht? Aber bald hatten wir es erraten. Nicht uns zu Liebe, sondern den Zionisten zum Trotz kamen die Herren; also eine anti zionistisch e Manifestation war es, zu der wir mißbraucht wurden. Die Konferenz selbst verlief sehr ungemütlich, in Folge der ungeschickten und auch brutalen Leitung des Vorsitzes durch Herrn Zangwill. Er ist gewiß ein genialer Dichter, aber er ist kein Führer und am allerwenigsten ein guter Präsident. Wir haben uns gefügt und sind von der Organisation abgekommen, da er mit dem Rücktritt drohte. Aber lange wird das nicht mehr gehen. Wenn wir für das Volk arbeiten, dann müssen wir auch das Volk mitsprechen lassen. Unsere P, T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.