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Neue Nationalzeitung · 1912-06-28 · Heft 13 (28.6.1912) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 13 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13 Der Vater: „Der Gottesdienst ist auch danach. Unsere Kinder verstehen die Gebete nicht und doch verlangt man von ihnen Andacht. Rückständigkeit auf allen Gebieten." Die Mutter: „Und dann ist er zu einer Stunde angesetzt, welche die Jugend zu ihrer Erholung notwendig braucht." Der Großvater: „So sieht demnach unsere religiöse Erziehung aus. Dann wundere sich jemand noch über die Massentaufen unserer Jugend. Wenn die Kinder die Gebete nicht verstehen, warum leitet man sie nicht zu ihrem Verständnisse an? Ach, wie viel ist krank in unserem Judentum! Wie soll sich unsere Zukunft gestalten? Religion ist unseren Jünglingen Nebensache, bei den Mädchen wird's nicht besser, wenn nicht ärger sich verhalten. Tennis ist wichtiger geworden, als der Gottesdienst. Wir haben es wirklich herrlich weit gebracht." Die Mutter (witzelnd): „Papa gefällt sich heute im öfteren Zitieren des „Faust." Der Großvater: „Also will ich, zur Abwechslung einmal, meine Mutter selig zitieren. Die pflegte zu sagen: Möcht' auch lachen, wenn der Narr nicht mein wäre." Der Vater (grimmig lachend): „Und ich, wenn ich nicht „Alpine" gespritzt hätte." Helmut: „Und ich lache aufrichtig, wenn ich an die Ferienreise nach Bayreuth denke. Nicht wahr, Papachen, du gibst mir doch ein erkleckliches Reisegeld. Und Du, Mamachen, gibst eins hinter dem Rücken des Papatschi, aus Deiner Privatschatulle, auch Strumpf genannt. Von dem ersparten Wirtschaftsgeld. Die Mutter (auf den Gatten schielend): „Die Privatschatulle ist leer und die Schneiderin wartet." Der Großvater: „Und die „gespritzten Alpinen" steigen. Es gibt viel Unglück in der Welt. Indessen, was hast Du Chaim, rekte Helmut, in Bayreuth zu tun? Ich bin heute sechzig — bis hundert — alt und lebe ohne Bayreuth und ohne „Parsival." So heißt doch Dein Ideal, deutscher Jüngling, Dein Ideal, das Du gar nicht verstellst. Aber Helmutchen muß dabei gewesen sein. Ohne ihn würde kein Rennen, kein Fußballmatch, kein Tennisturnier abgehalten werden können. Also muß auch mein Söhnchen Wagners „Parsival" in Bayreuth hören und sehen. Warte, nächstes Jahr hörst Du ihn in Wien besser, da wird er frei für alle Bühnen." Helmut (spöttisch): „Wie gut sich Großpapa auskennt in Dingen der Kunst." Der Großvater: „Besser jedenfalls, als Du in Dingen der Religion, Grünschnabel, Chaim." Die Mutter (aufbrausend): Warum, Papa, nennst Du Helmut konsequent Chaim?" Der Vater: „Kulturelle Rückständigkeit." Der Großvater: „Rückfall in meine atavistischen Neigungen. Bin nun schon so, und Ihr werdet mich nicht anders machen. Bin zu alt dazu. Ich wurzle in unserer Vergangenheit, finde aber, daß man sie sehr gut mit der Gegenwart verbinden kann. Ihr aber kommet mir vor, wie die Bäume, deren Wurzeln in der Luft hängen." Helmut (naseweis): „Kann mich erinnern, daß uns der Naturgeschichrs-Professor, ein alter Weinbeißer mit Kupfernase, von diesen Gebilden etwas erzählt hat. Und er schnupfte dabei gewaltig." Der Großvater: „Spotten über Deine Lehrer hast Du am besten in Deinem Gymnasio gelernt." Der Vater (erregt): „Aber jetzt habe ich genug von dem Schulsack. Essen möchte ich. Uebrigens Papa, willst Du vielleicht, daß Helmut Zionist werde? Das fehlte uns noch. Lieber gebe ich ihm ein größeres Reisegeld nach Bayreuth." Helmut (freudig, aufjauchzend): „Ja, Papa. Tue das, und ich werde Dein großes Herz preisen. Und ich schwöre Dir, nie werde ich Zionist. Sie gefallen mir nicht, meine zionistischen Kommilitonen. Möchten sich fortwährend duellieren. Und machen wilde Gesichter. Furcht könnte man vor ihnen bekommen. Dieses ewige Gekeile mit den Deutsch-Nationalen wird jedem anständigen Menschen zuwider." Die Mutter (zitierend): „Politisch Lied, ein häßlich Lied." Der Großvater: „Wenn Du schon zitierst, tu's richtig. „Ein garstig Lied! — ein politisch Lied! ein leidig Lied!" Und dazwischen steht ein „Pfui". Man muß sich wirklich zurückhalten, wenn man bei vielen Erscheinungen unserer Tage nicht auch das „Pfui" Goethes und, im geziemenden Abstände gesprochen, das des seligen Paters Greuter, ausstoßen soll." Helmut: „Wer war Pater Greuter, Großpapa? Den Goethe kenne ich. Wir mußten manches von ihm im Kummer und Stejskal lernen. Ich glaube, der Germanist, sonst ein ziemlich anständiger Mensch, mit etwas abgetretenen Schuhabsätzen, wird mir ein „gut" geben. Die einzige Oase übrigens in der Wüstenei der „genügend", die ich erhalte. Doch, wer war Pater Greuter?" Der Großvater: „Frag' Deinen Geschichts-Professor. Vielleicht weiß er es, vielleicht auch nicht. Die Herren sind in der altindischen Geschichte besser bewandert, als in der neuösterreichischen. Zionist mußt Du übrigens nicht werden. Aber deshalb könntest Du doch mehr Jude sein. Dafür sollte doch der Religionsunterricht sorgen, wenn es schon das Haus nicht tut." Der Vater: „Ich will mich bessern, aber jetzt möchte ich essen." Helmut: „Eine großartige Idee. Zuerst essen und dann philosophieren, pflegt unser Philolog zu sagen. Uebrigens, das einzige gescheite Wort, das ich von ihm hörte. Oh, wie schön ist die Welt, wenn man an die Ferien denkt." Der Großvater: „Und weil ich Dir diese schöne Welt nicht häßlich machen will, so sage ich Euch allen Adieu! Guten Appetit!" (Er zündet sich eine Zigarre an und verschwindet unter ihren Rauchwolken.) Dr. M. Ahronsohn. Die ägyptische Knechtschaft. (1. Fortsetzung). Unsere Gelehrten kennen nur die Länder, die gegen Sonnenaufgang liegen; die Gegenden aber, die im Norden unter dem großen Bären ruhen, sind uns unbekannt, wie die Länder, die gegen Sonnenuntergang liegen. Aber es hat den Anschein, als seien die Länder des Bären zu großen Aufgaben bestimmt. Vier und drei sind ihre Zahlen, wie die des Jägers. Drei ist das Göttliche mit seinen Attributen, vier ist das Vollkommene in der Möglichkeit; drei und vier bilden die wunderbare Zahl sieben. Den Menschen opfert man in der ungeraden Zahl drei, den Göttern in der geraden Zahl vier. Das ist ungefähr, was ich im Vorbeigehen von den Geheimnissen des Himmels begriffen habe. Willst du jetzt einige von dem Entsprechenden der Erde er-

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