Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 13 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 rEUILLETON. Schulschluß. Ein Gespräch, zu Nutz' und Frommen von Eltern, Lehrern, Kindern. Personen: der Vater, die Mutter, Helmut, der Septimaner, der Großvater. Szene: Villa in Grinzing. Abend. Die Familie ist auf der Gartenterrasse versammelt. — Zeit: Die unmittelbarste Gegenwart. Helmut (aufgeschossener, sehr blasser Jüngling, eine Zigarette mit Grandezza rauchend): „Allen Göttern Homers Dank, daß wir ihrer jetzt wieder auf ein paar Wochen los und ledig werden. Das Griechische! Ho, welche Last! Dieser Demosthenes mit seinem Gerede kann mir auch gestohlen werden. Hab' ihn zur Versetzprüfung bekommen, den alten Schwätzer. Und die Mathematik, die leidige! Alle großen Männer waren schlechte Mathematiker, z. B. Nietzsche, wie ich unlängst gelesen habe. Auch diese Versetzprüfung wäre überstanden. Nun werden sie Ruhe geben, die Herren Professoren für einige Wochen. Nächstes Jahr kommt dann die Matura, die eigentlich Martura heißen sollte. Was, feiner Witz? Nicht von mir, aber gut." — Er lacht. Die Mutter (elegante Dame von 36 Jahren, etwas zur Fülle neigend, schmachtende Augen, schöngeistig, interessiert sich für moderne Romane, Frauenbewegung und neueste Toiletten) seufzend: „Arme Kinder, sie müssen viel lernen. Und so viel unfruchtbares Zeug. Römische Altertümer, Geometrie, ägyptische Könige ... Da bleibt freilich wenig Zeit übrig für den so notwendigen körperlichen Sport. Das Gymnasium, wie es heute ist, erkläre ich für unmodern. Wir Eltern leiden viel mit unseren Kindern." Der Großvater (Sechziger, gesunde, rote Gesichtsfarbe, sarkastisch): „Na, na, der liebe Helmut, Euer Söhnchen, treibt ja allerlei Sport. Wie ich höre, habt Ihr ihm auch ein Reitpferd gekauft. Tennis, Rudern, Radfahren waren ihm zu wenig. Soll er vielleicht auch ein Luftschiff erhalten? Lernen muß doch heute jeder Mensch, sozusagen. Und, so viel ich höre, macht man es jetzt den jungen Leuten nicht allzuschwer. Etwas an Wissen müssen ja doch die Herren Professoren von ihren Schülern verlangen. Aber diese ewigen Klagen der Eltern, wegen Überbürdung ihrer Kinder, wollen nicht verstummen. Nun' sag' aber, lieber Chaim, pardon Helmut, wie hast Du's mit der Religion?" (Große Pause. Verlegenes Schweigen. Ruhe vor dem Wetter.) Der Vater (Vierziger, läßt den Kneifer von der Nase und die Zeitung, in der er den Kurszettel studierte, aus der Hand fallen): „Papa verfällt immer in seine atavistischen Liebhabereien. Hat der Bub' nicht an Griechisch und Mathematik genug? Soll er sich auch mit dem Hebräischen plagen? Ihr Religionslehrer quält sie genug mit den hebräischen Vokabeln und der exotischen Grammatik. Wozu das Zeug soll, das weiß ich nicht. Helmut soll Kaufmann werden, ein moderner Mensch. Was braucht der die Konjugation hebräischer Zeitwörter zu studieren? Und wenn wir schon einmal im Jahre die Synagoge aufsuchen, warum sagen wir nicht unsere Gebete in deutscher Sprache? Wir sind und bleiben immer die Rückständigen." Helmut wirft das Endchen der Zigareite ärgerlich und verächtlich weg. Die Mutter rümpft die Nase. Der Großvater (mit einer gewissen Konsequenz): „Nun sag' mein Söhnchen, wie hast Du's mit der Religion?" Die Mutter (überlegen): „Papa will mit seiner Frage zeigen, daß er den „Faust" zu zitieren versteht." Der Vater und Helmut (zugleich): „Den Faust? Den Faust von Goethe?" Der Großvater (satyrisch): „Gretchen bin ich zwar nicht, und Helmut kein Faust. Aber die Frage möchte ich mir schon erlauben. Doch, ein Septimaner sollte seinen Faust schon kennen. Seht Ihr, wie wenig jetzt gelernt wird. Ich, Atavist, lese meine Bibel, erschrecket nicht, in der exotischen Ursprache, aber auch meinen Goethe. Freilich bleibt mir wenig Zeit für körperlichen Sport. Bin aber gesund. Diese heutige Jugend aber ohne Bibel, ohne Goethe, dafür mit ihren vielen körperlichen Extravaganzen, starrt uns mit bejammernswerter Blässe an. Kein gesunder Geist weilt in diesen bleichen, ungesunden Körpern. Wenn ich aber Euren Chaim, pardon Helmut, fragte: Wie hast Du's mit der Religion?, erkundigte ich mich beileibe nicht nach hebräischen Vokabeln. Was haben diese mit der Religion zu tun? Lernt Ihr in Eureren Gymnasien nichts von dem alten Väterglauben, von unserer großen Geschichte, von den Erhabenen und Edlen unserer Vergangenheit?" Helmut (verlegen): „Weißt Du, Großpapa, ich bekomme von der Religionsstunde meist meinen Kopfschmerz oder ein unstillbares Nasenbluten, Krankheiten, die gewöhnlich mit solennem Schwänzen enden." Die Mutter kann das Lachen nicht verbeißen. Der Vater hat sich stark in den Kurszettel vertieft. Der Großvater: „Und werdet Ihr nie dazu angehalten, einem Gottesdienste beizuwohnen? Da höre ich fortwährend von hebräischer Grammatik sprechen, von Konjugationen und Deklinationen, dabei könnt Ihr kein hebräisches Wort lesen, und unser Gebetbuch ist Euch ein Buch mit 7 Siegeln, unser Gottesdienst mutet Euch an, als spräche man vom Kultus der Massaineger. Sonderbare Zeit, sonderbarer Unterricht." Helmut (naseweis): „Siehst Du, Großpapa, das sage ich auch. Ein sonderbarer Unterricht. Uebrigens in den Gottesdienst gehen nur die Streber, die ein „sehr gut" aus der Religion ergattern wollen. Zu den Strebern gehörte ich nie, ich, ein „deutscher Jüngling", — Du siehst, auch ich kann zitieren, denn so steht es in den „Räubern ..." Die Mutter (eifrig): „Aber Helmut, das Zitat stammt aus Lessing ..." Der Großvater (sarkastisch): „Ich glaube aus „Kabale und Liebe." Der Vater: „Man sieht, daß Ihr alle keine anderen Sorgen habt. Und dabei steigen „Alpine". Ich Narr aber habe sie „gespritzt." Helmut: „Also, ich, „ein deutscher Jüngling", verachte die Streber und begnüge mich mit einem „genügend" aus Religion. Während die Braven im Gottesdienste weilen, widme ich diese Stunde dem edlen Tennisspiele."