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Neue Nationalzeitung · 1912-06-28 · Heft 13 (28.6.1912) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 13 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 t fahren, so laß' uns unsere Pharaonen-Gräber betrachten, ' die, abgesehen von den sichtbaren Zweck, Gräber zu sein, auch eine geheime Aufgabe besitzen, nämlich die, in Zahlen und Maßen zu verbergen, was die Weisen über Sibus und Nuits gegenseitige Beziehungen haben erforschen können. Zuerst dies: Das Pharaonengrab oder die Pyramide arbeitet mit den Zahlen vier und drei; die Grundfläche mit vier, die Seiten mit drei. Das war ja eins von den Geheimnissen des Himmels. Aber die Grundfläche der großen Pyramide ist 365 heilige Ellen breit. Da hast du die 365 Tage des großen Jahres. Aber die dreizahlige Seite der Pyramide ist 186 Großellen oder ein Stadion lang. Da siehst du, wo das Wegemaß hergenommen ist. Vervielfältigst du die Breite der Grundfläche mit der Zahl 500, die ungefähr die doppelte Breite in Großellen ist, erhältst du eine Länge, die gleich 1/360 des ganzen Kreises ist, den die Sonne in einem Jahre wandert, da 360 die Tage des kleinen Jahres sind. Diese Länge entspricht vier Zeitminuten, und die Erdbewohner, die einen Grad westlich von uns wohnen, sehen die Sonne vier Zeitminuten später aufgehen als wir . . . Mehr weiß ich nicht von Zahlen und Maßen! Willst du weiteres erfahren, zum Beispiel, warum die Seiten der Pyramide 51 Grad geneigt sind, so mußt du Sternkundige fragen. Die Treppe zur Grabkammer hat dagegen einen Winkel von 27 Grad: Der entspricht dem Unterschied zwischen der Neigung der Weltachse und der Erdachse. Amram hatte mit besonderer Aufmerksamkeit des gelehrten Schreibers Erklärung der Pharaonengräber angehört, und wenn Rüben Zahlen nannte, lauschte er und schloß die Augen, als wolle er sich etwas genau merken. Schließlich griff er ein und nahm selbst das Wort: — „Du erwähntest zuletzt 27 Grad. Gut! Das ist nicht die Neigung der Weltachse, sondern des Mittelpunktes, der Milchstraße, die wahrscheinlich die eigentliche Weltachse ist und 27 Grad nördlich vom Aequator liegt, während die Neigung der Erdachse gegen die Sonnenbahn 23 Grad ist. Aber du hast die dritte Pyramide vergessen, die des Menkheres, deren Grundfläche eine Breite von 107 Großellen hat. Diese Zahl 107 ist im Weltall drei- oder fünfmal wiederzufinden. Denn 107 Sonnen haben zwischen Erde und Sonne Platz; 107 ist die Entfernung des Planeten Venus von der Sonne. 107 ist die Entfernung des Jupiters von der Sonne, ausgedrückt in Einheiten oder deren Vielheit." Rüben stutzte. — „Was? Wo hast du das her? Hier läßt du mich stehen und hältst mich zum Narren? Wo hast du das gelernt?" — „Von unserem Aeltesten und Weisen, welche die Erinnerungen an die Heimat Ur in Chaldäa bewahrt haben. Ihr verachtet Assur, ihr Männer von Aegypten, denn ihr glaubt, der Nil sei der Mittelpunkt der Erde. Aber es gibt viele Mittelpunkte im Unendlichen. Hinter Assur am Euphrat und Tigris liegt ein anderes Land an einem anderen Fluß, und das Land heißt Siebenflußland, weil dessen Flüsse auch in sieben Armen wie der Nil münden." — „Der Nil hat sieben Arme. Du hast recht, wie der siebenarmige Leuchter ..." — „Der das Licht der Welt bedeutet, das von jedem Land leuchten soll, wo ein Fluß sich spaltet, um ins Weltmeer zu münden. Die Flüsse, siehst du, sind die Blutgefäße der Erde, und wie diese führen sie abwechselnd blaues Blut und rotes; so hat unser Land seinen blauen Nil und seinen blutroten. Der blaue ist giftig wie das dunkle Blut, und der rote ist fruchttragend, lebengebend wie das rote Blut. So hat alles Geschaffene seine Gegenstücke oben im Himmel und unten auf der Erde, denn alles ist eins, und der Herr des Alls ist einer, ein und derselbe!" Rüben schwieg und lauschte. — „Sprich weiter," sagte er schließlich. Amram fuhr also fort: — „Die Pharaonengräber sind auch aus der Erde gewachsen, auf der sie ruhen. Die erste oder große Pyramide ist nach dem Vorbild des Meersalzes geschaffen, wenn es in der Sonnenwärme gerinnt. Könntest du durch einen Tautropfen in einen Salz- Stein hineinsehen, so fändest du ihn aufgebaut aus einer unendlichen Menge Quadersteinen wie die Pyramide. Wenn du aber Alaunlauge zu Stein gerinnen läßt, wirst du ein ganzes Feld von Pyramiden sehen. Alaun ist das Salz des Lehms. Da hast du das Salz der Erde und des Meers! Aber es gibt noch eine andere Art Pyramiden, deren Spitze abgestutzt ist. Das ist die Urform des Schwefels, wenn er aus dem Kalk wächst. Nun haben wir Wasser, Erde und Kalk mit seinem Feuerstein. Doch es gibt noch eine dritte Art Pyramiden, bei denen sind die Ecken abgestutzt, und die gleichen dem geronnenen Kiesel oder Bergkristall. Da hast du den Berggrund. Nun soll man bei genauerer Untersuchung des Nilschlamms alle diese Formen und Urstoffe wiederfinden: Lehm, Salz, Schwefel und Kiesel. Darum ist der Nil das Blut der Erde. Und die Berge sind das Fleisch, nicht die Knochen." Rüben, der jetzt Phater genannt wurde, hatte Amram mit Entsetzen und Bewunderung betrachtet; und erst als dieser schwieg, öffnete Rüben seinen Mund wieder: — „Du bist nicht Ebenholztischler und Schatullenmacher, du bist nicht Amram.1" — „Ich bin allerdings Ebenholztischler und Schatullenmacher, aber ich bin auch aus Israels Priestertum. Ich bin Kehats Sohn, der war Levis Sohn, der war Jakobs Sohn, der war Isaaks Sohn, der war Abrahams Sohn. Ich bin Levit und Jochebeths Gatte. Mirjam und Aron sind meine geborenen Kinder, das ungeborene erwarte ich. — Jetzt kehre ich zu meiner Arbeit zurück; begleite mich!" Phater ging voran, schlug aber einen anderen Weg ein als den, welchen Amram gekommen war. Als sie an einer offnen Tür vorbeikamen, die in einen großen Saal mit Büchergestellen führte, blieb Amram neugierig stehen und wollte eintreten, um die vielen Bücher anzusehen. Phater hielt ihm am Rock zurück. — „Geh nicht hinein! Dort sind lauter Hinterhalte und Schlingen. Der Buchhüter sitzt mitten im Saal versteckt und bewacht neidisch die Schätze. Er hat den Boden aus trockenen Weidenruten legen lassen, die schreien, wenn man auf sie tritt. Er hört, wenn jemand sich einschleicht, und er hört, wenn ein Schreiber die verbotenen Bücher besucht; es ist ein Zauberer! Er hat uns gehört, und — ertastet! Fühlst du nicht, wie eine kalte Schlangenzunge deine Backe, deine Stirn, dein Augenlid berührt?" (Fortsetzung folgt.)

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