Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 13 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 Bologna, dessen Regiment nicht nach Lybien ging, als gewöhnlicher Freiwilliger bei einem ausrückenden Regiment ein, nur um den Feldzug mitmachen zu können, ebenso der Leutnant C o e n von Modena und andere. Viele Juden sind ferner gefallen oder haben sich durch Tapferkeit vor dem Feinde hervorgetan. Der Leutnant Levi Bianchini nahm unter sehr schwierigen Umständen ein Blockhaus bei Benghazi, Kapitän Angeln Frank leistete beim Angriff auf Tobruk Hervorragendes, Hauptmann P u g 1 i e s e (der schon früher mit der Tapferkcitsmedaille ausgezeichnet war) brachte unter heftigstem feindlichem Feuer bei Benghazi Depeschen und blieb, obschon verwundet, bis zum Ende des Kampfes im Sattel. Leutnant Del Vechio endlich fiel bei Ainzara. In der römischen Synagoge wurde dieser Tage für fünf gefallene Juden eine Totenfeier abgehalten; außerdem hat die israelitische Gemeinde von Turin einen Preis von tausend Francs für denjenigen jüdischen Soldaten ausgesetzt, der zuerst die goldene Tapferkeitsmedaille nach Hause bringen wird. Ebenso halten die italienischen Rabbiner fortdauernd bestimmte Gebete für den Krieg und Sieg Italiens. Der Historiker Anatole Leroy-Beaulieu ist in der Nacht zum 16. Juni im Alter von 70 Jahren gestorben. Er war Verfasser der bekannten Werke „Israel unter den Völkern", „Die Juden und der Antisemitismus", „Das Papsttum, der Sozialismus und die Demokratie", „Christentum und Sozialismus" und „Das Reich der Zaren und Russen", Bande, die seit ihrem Erscheinen den Rang klassischer Werke errungen haben. Seit 30 Jahren war er Professor an der Pariser Hochschule für politische Wissenschaften, die er zuletzt auch als Rektor leitete. Er war Mitglied der Akademie der moralischen Wissenschaften und allgemein als eine Autorität auf allen Gebieten anerkannt, die er wissenschaftlich pflegte. Ein jüngerer Bruder des Verstorbenen ist der namhafte Professor der Nationalökonomie am College de France Paul Leroy-Beaulieu. Ist „Chuzbe" eine Ehrenbeleidigung? Das Jargonwort „Chuzbe" — zu deutsch „Dreistigkeit" bildete den Ausgangspunkt eines vor der 1. Kammer des Berliner Kaufmannsg e r i c h t s ausgefochtenen Rechtsstreites. Eine Verkäuferin fühlte sich in ihrer Ehre verletzt, weil die Chefin (eine Christin!) ihr auf eine ganz sachlich gehaltene Erklärung zur Antwort gab: „Das ist eine Chuzbe". Da ihr damit zu Unrecht der Vorwurf der Frechheit oder Unverschämtheit gemacht worden sei, habe sie sich für berechtigt gehalten, das Dienstverhältnis ihrerseits sofort zur Lösung zu bringen und sei darum fortgeblieben. Die beklagte Prinzipalin dagegen führt an, das Wort sei ihr allerdings in der Erregung entschlüpft, sie habe sich aber umsoweniger etwas Böses dabei gedacht, als sie den Ausdruck mit „vorlaut" oder „anmaßend" für richtig übersetzt hielt. Sie habe dann ihre Deutung auch von Personen jüdischen Glaubens bestätigt erhalten. Trotzdem sei sie der Klägerin entgegengekommen, habe sich bei der Klägerin schriftlich entschuldigt und sie gebeten, wieder anzutreten. Letztere kam aber gleich darauf mit der Klage. Es bedurfte nicht erst die Vernehmung eines »Sachverständigen" über die Auslegung des inkriminierten Wortes, das Kaufmannsgericht kam vielmehr nach eigener freier Ueberzeugung zu der Auffassung, daß eine erhebliche Verletzung der Ehre der Klägerin nicht vorliege und erkannte deshalb auf Freispruch. Ein jüdischer Universitäts-Rektor. Zum Rektor der Lemberger Universität wurde für das nächste Schuljahr der Professor der medizinischen Fakultät Dr. Adolf Beck gewählt. Er ist der erste jüdische Rektor an dieser Universität. Dr. Beck ist in Krakau als Sohn eines Bäckermeisters geboren und erfreut sich als Patholog eines großen Rufes. Das höchste Rabbiriergehalt. Die jüdische Sinaigemeinde in Chicago, die reichste Reformgemeinde der Welt, hat vor kurzem ihrem Rabbiner, dem ultrareformatorischen Dr. Emil Hirsch, das Jahresgehalt auf 20.000 Dollar (K 100.000) erhöht. Dr. Hirch dürfte das höchste fixe Rabbinergehalt in der ganzen Welt beziehen. ZEITSCHRIFTEN-RUNDSCHAU. Minister Sir Rufus Isaacs. Ueber den jüngsternannten jüdischen Minister in England, Sir Rufus Isaacs, schreibt Sidney L o w im „Pester Lloyd": „Die Ernennung des Sir Rufus Isaacs, des obersten Staatsanwalts oder Kronanwalts, zum Mitglied des britischen Kabinetts, die vor einigen Tagen angekündigt wurde, ist ein Novum in der englischen Politik. Bisher wurde der Staatsanwalt, obzwar er eine höchst wichtige Persönlichkeit war, doch nicht in den Kreis des Kabinetts aufgenommen. Die gegenwärtige Beförderung ist eine Anerkennung der Fähigkeiten Sir Rufus Isaacs' und seiner der Oeffentlichkeit geleisteten Dienste, denn er hat in letzter Zeit eine einflußreiche Rolle als Hauptberater des Premierministers in Fragen der öffentlichen Arbeiten und in vielen anderen Angelegenheiten gespielt. Sir Rufus Isaacs ist ein bemerkenswert geistvoller und erfolgreicher Mann. Er ist Jude von Rasse und Religion, und das dritte Mitglied des gegenwärtigen britischen Ministeriums, das der israelitischen Gemeinschaft angehört. Er ist mit einer kaufmännischen Familie in der City von London verwandt, die bescheidenen Wohlstand und Stellung hat. Als Knabe ging Rufus Isaacs für einige Jahre zur See, dann kehrte er in die City zurück und betrieb während einiger Zeit das Geschäft eines Papiermaklers ohne besonderen Erfolg. In England kann jedermann, in jedem Alter, mit sehr geringer Vorbildung Advokat werden. Es ist dazu nicht erforderlich, an einer Universität Jus studiert zu haben oder ein Diplom als doctor juris zu besitzen. Isaacs war 27 Jahre alt. als er mit geringem Einfluß und ohne besondere Empfehlungen außer jener seiner eigenen Fähigkeit zu Gerichte ging; aber er hatte Freunde in der City und Kenntnisse der geschäftlichen Angeiegertlieiten, Wie sie wenige englische Anwälte besitzen. In wenigen Jahren war er der erste Advokat in allen wichtigen kommerziellen Rechtsfällen und sein Jahreseinkommen war eines der giößten, daß an einem englischen Gerichtshofe verdient wurde, wo doch die Honorare der erfolgreichsten Männer ungeheuer groß sind. Rufus Isaacs soll nicht weniger als 30.000 Pfund jährlich durch seine Berufsarbeit erworben haben. Dann wendete er sich der Politik zu, kam als Liberaler ins Parlament, errang einen Erfolg als tüchtiger Debatter und wurde bald zum Kronanwalt ernannt, an die höchste Stelle, die ein englischer Advokat, mit Ausnahme des Lordkanzleramtes, erstreben kann. Ohne Zweifel kann Sir Ruius Isaacs, wenn es ihm beliebt, mit der Zeit auch dieses hohe Amt erlangen, obzwar das Gesetz vorschreibt, daß sein Inhaber ein Mitglied der englischen Kirche sein müsse. Einmal hatte es eine Person jüdischer Abstammung schon inne, niemals aber noch eine der jüdischen oder katholischen Religion angehörende. Aber wenn für diesen glänzenden Anwalt die Zeit kommen wird, die Kanzlerwürde zu empfangen, so ist es recht wahrscheinlich, daß man zu seinem Nutzen das religiöse Hindernis aus dem Wege räumen wird."