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Neue Nationalzeitung · 1912-06-28 · Heft 13 (28.6.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 13 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung" Seite 5 gehen wollen, nannte Herzl (respektive der politische Zionismus) das Land auch gleich beim Namen: Palästina. Und das eben spielte die traurigste Rolle in der Geschichte des politischen Zionismus. Statt sich das klare und inhaltsreiche Problem der jüdischen Kolonisation vor Augen zu halten, konzentrierte sich alle Aufmerksamkeit des Zionismus nur auf die eine Frage: Wie erwirbt man Palästina? Das brachte den Zionismus auf den überaus gefährlichen Weg der Diplomatie, mit allen ihren Zauberformeln. Zunächst hoffte man, schon die nächste Post könne uns die Nachricht' von der Erwerbung Palästinas bringen, dann glaubte man wieder, das sei eine Arbeit auf Jahrzehnte hinaus. So oder so, das „Erwerben" war an und für sich noch so sehr problematisch und unsicher, daß es niemanden auch nur einfallen konnte, schon über die weiteren Details der Realisierung nachzudenken, bevor nicht dieser politische Akt durchgeführt sei, geradeso wie es keinem Sozialisten einfällt, jetzt schon technische Fragen des sozialistischen Zukunftsstaates zu behandeln. Bestenfalls kann das ein Thema für einen utopistischen Roman liefern. In einer solchen Stimmung hatte auch Herzl sein berühmtes Werk „ Altneuland" verfaßt. Und als der diplomatische Kurs im Zionismus Bankrott erlitt, war es wieder das Palästina-Moment, welches den wahren Sinn dieses Bankrotts nicht hervortreten ließ. Herzl und mit ihm alleUgandisten (die jetzigen Territorialisten) deuteten den Bankrott nur auf Palästina, aber nicht auf das System des politischen Zionismus. Der Palästina-Zionismus schlug dann seinen einzig möglichen Weg ein, den Weg der kleinen und kleinlichen Personen- Kolonisation. Die Zionisten hatten nicht viel zu überlegen. In Palästina war keine andere Arbeit möglich. Das System kam nicht mehr in Betracht. Dort, wo Palästina die Hauptsache ist, braucht man nicht viel zu überlegen, man braucht sich nicht mit den Fragen zu befaßen, warum die jüdische Kolonisation in Argentinien fr/cht ' die gewünschten Resultate gezeitigt hatte, warum in Palästina selbst die vielen Millionen kein günstiges Resultat geliefert haben, warum sich dort selbst die wenigen Kolonisten nicht halten können usw. Von ihrem Standpunkt ist diese Taktik unvermeidlich und logisch. Das Glück oder vielmehr das Unglück des Zionismus in seiner gegenwärtigen Phase ist die Tatsache, daß diese Phase Jahrzehnte dauern kann, bis sich die Zionisten von der vollkommenen Unfruchtbarkeit ihrer Arbeit überzeugt haben werden; es sei denn, daß äußere Umstände sie aus ihrem behaglichen Traume erwecken werden. Die Fahne des politischen Zionismus hißten nun die Territorialisten. Sie haben es aber unterlassen, ihr Erbe vor Allem genau zu analysieren. Der Territorialismus hat, wie früher einmal der politische Zionismus, auch die Parole aufgestellt: Erwerbung eines Landes — durch politisch-diplomatische Unterhandlungen, mit dem allerdings fatalen Unterschied, daß es ihm wegen der veränderten historischen Umstände nicht gelingen konnte, auf diesem Boden große Massen zu organisieren. Dasselbe spielte sich auch in den territorialistischen Arbeiter-Parteien ab. Auch bei ihnen verdrängt das Erwerbungs- Moment die realen Probleme des Territorialismus. Man kannte nur die Frage: Wie erwirbt man ein Land? Nicht aber die Frage-. Wie könnte man eines der vorhandenen Länder kolonisieren? Und darüber hatte man sich in jenen Kreisen auch nicht gekümmert, nämlich Kolonisations-Institute zu schaffen, sondern man war nur darauf bedacht, eine möglichst starke Organisation zu schaffen, die geeignet wäre, die jüdischen Massen bei etwaigen politischen Unterhandlungen mit den betreffenden Regierungen zu vertreten. Die eine große territorialistische Arbeiter-Partei „S. S." suchte zwar leidenschaftlich Anwendungs-Punkte für ihre territorialistischen Prinzipien; aber wieder nur im engen Rahmen der Landerwerbungs-Arbeit. Der Territorialismus galt für sie als eih Organisations-Problem: wie bringt man z. B., die Elemente zusammen, die für eine territorialistische Vertretung notwendig sind? Wie organisiert man die potentielle territorialistische, gesellschaftliche Meinung? Und indem sie sich in diesem Zauberkreis bewegten, gingen sie doch einige Schritte weiter. Sie sahen bald ein, daß der Territorialismus nicht bloß theoretisch, sondern vielmehr praktisch mit der jüdischen Emigration innig verknüpft ist. Sie haben auch dementsprechend bald alle ihre Agitationstägkeit dem Emigrations-Kongreß und der Emigrations- Organisation zugewendet, und nicht ohne Erfolg. Es liegt aber auf der Hand, daß dieser Emigrations-Kongreß, der an und für sich notwendig und wünschenswert ist, doch nur eine indirekte Bedeutung für den Territorialismus haben könne, und dies nur in entfernter Zukunft. Der Territorialismus spielt hier wieder bloß die Rolle eines regulativen Prinzipes. Statt zu den jüdischen Massen mit einer konkreten Kolonisations-Möglichkeit zu kommen, mit der Möglichkeit auf diese oder jene Art eines der vielen Länder zu kolonisieren, in denen die Kolonisation einem jeden frei steht oder wo die Erlangung einer betreffenden Konzession auf keine besonderen Schwierigkeiten stößt; statt direkt die Institutionen zu schaffen, die dazu nötig sind, um die jüdischen Emigranten zu sammeln; statt sich mit der ungeheuren organisatorischen Arbeit zu befassen, die für eine konkrete Kolonisation notwendig ist, — statt all dessen will man das Los des Territorialismus von der Evolution der künftigen Emigrations-Organisation abhängig machen, weil . . . eine solche Organisation schließlich und endlich unter dem Druck der historischen Kräfte, die im jüdischen Leben wirken, zum Territorialismus führen müsse. Ich will mich hier nicht auf eine Kritik dieses Standpunktes einlassen, denn er verdient in einem speziellen Artikel behandelt zu werden. Ich wollte nur zeigen, daß wir hier wieder nicht mit realer territorialistischer Arbeit zu tun haben. Auf keinem anderen Gebiete bewies sich die Unfruchtbarkeit unseres gesellschaftlichen Gedankens so tragisch, wie gerade im Territorialismus. Seit Herzl stehen wir noch immer auf einem toten Punkt. Juden brauchen ein Land - weiter sind auch wir nicht gegangen. Die Entwicklung des jüdischen Lebens fordert uns aber auf, auf dem nun eingeschlagenen Wege weiter zu gehen. Das Problem der jüdischen Kolonisation muß in seinem ganzen Umfang gelöst werden, die abstrakte Formel des Territorialismus muß konkreten Inhalt bekommen. Und nur dann wird die Krise behoben sein, die der Territorialismus durchmacht. SPREQHS/1/1L. Die Liste der Ausgetretenen — lückenhaft! Geehrter Herr Redakteur! Der Haus-Hofmeister der Familie G u t m a n n hat sich den Austritt seines Zöglings — an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! — offenbar sehr zum Herzen genommen und nach der bekannten Methode, statt zu schweigen, Ihr Blatt — beschimpft. Auf die Naivität des Publikums spekulierend, hat er demselben folgendes weismachen wollen: Frl. v. Gutmann steht nicht in der Austrittsliste, folglich ist sie nicht ausgetreten. Wenn also die „Neue National-Zeitung" das Gegenteil behauptet, so ist das eine »bewußte Lüge". Sehr kräftig, nicht zu leugnen. Ich hätte von einem Doktor der Philosophie und Erzieher etwas mehr, wenn nicht Anstand, so doch Logik erwartet. Es wäre ja möglich, daß Frl. v. Gutmann in Baden oder Tobitschau, wo die Familie ihre Besitzungen und Wohnsitz hat, ausgetreten ist! Was dann? Dann kommt ja der Austritt nicht zur Kenntnis des Wiener Kultusvorstandes. Allein noch ein Fall ist möglich, und Dr. Kapralik hätte sich darüber beim Dr. Bloch belehren lassen können: Im Wiener K u 11 u s v o r s t a n d werden zahlreiche Austritte vertuscht. Im Matrikelamt werden Austrittsanzeigen, wenn sich ein Vorstandsmitglied verwendet — was oft geschieht — nicht ins Buch übertragen und daher der Publikation durch die jüdische Presse entzogen. Hat nicht Ihr Blatt im Falle des Sektionchefs Sonnenschein dies nachgewiesen? Wurden nicht vor zwei Jahren drei solcher Vertuschungsfälle (es handelte sich um Ärzte) festgestellt? Man komme mir also nicht mit der Liste. Und die jüdische Oeffentlichkeit soll nun auch wissen, was sie davon zu halten hat. Hochachtend X. X. (Der Name des Einsenders bürgt der Redaktion für die Richtigkeit seiner Informationen.)

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