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Neue Nationalzeitung · 1912-06-28 · Heft 13 (28.6.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 13 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 13 des Handelskammerkongresses, hinter dem die Kaufmannswelt aller Kulturstaaten steht, nicht zur Tagesordnung übergehen können. Inzwischen wüten die Schergen des Czarismus immer brutaler. Es haben bereits mehrere deutsche Handelskammern beim Berliner auswärtigen Amte gegen einen Erlaß des Gouverneurs von Petrikau Beschwerde erhoben, der den jüdischen Handelsreisenden zu den bisherigen Beschränkungen eine neue, den bestehenden Handelsverträgen direkt widersprechende auferlegt. Bekanntlich muß vor jeder Abreise von Rußland nach dem Auslande der Paß mit einer Bescheinigung der russischen Polizei des letzten Aufenthaltsortes versehen werden darüber, daß dem Reisepaßinhaber der Austritt aus Rußland gestattet ist. Nach einem ganz willkürlichen Erlaß des Gouverneurs von Petrikau, in dessen Amtsbezirk die großen Industriestädte Lodz, Czenstochau und Sosnowice gelegen sind, werden jüdischen Kaufleuten diese Bescheinigungen erst dann erteilt, wenn diese die russische Gewerbesteuer von 150 Rubel (325 iMark) pro Jahr bezahlt haben. Von christlichen Reisenden wird dagegen eine derartige, ganz ungesetzmäßige Steuer überhaupt nicht verlangt, während jüdische Reisende in jedem Fall die Steuer bezahlen müssen, auch wenn sie in Rußland selbst keinerlei Geschäfte betreiben. Bisher sind die erwähnten Beschwerden der Handelskammern ganz erfolglos geblieben. * Auch die jüdischen Kaufleute aus Rußland werden von ihren Behörden immer mehr chikaniert. So soll die Registrierung der jüdischen Kaufleute durch die vom Ministerrat bestätigten neuen Regeln erfolgen, die vom Innenministerium ausgearbeitet werden. Sie bestehen darin, daß jeder jüdische Kaufmann aus dem Ansiedelungsrayon von der Polizeiverwaltung alljährlich ein besonderes Buch erhält, in das ausschließlich Bemerkungen über die Zeit des Aufenthalts in den Städten der inneren Gouvernements eingetragen werden. In dieses Buch werden auch die Angestellten des Kaufmanns und die Kommis auf Grund der Kommisscheine eingetragen. Die Polizei der inneren Gouvernements hat in dieses Buch genaue Daten über die Zeit der Ankunft und Abreise der Juden im betreffenden Ort einzutragen. Die Regeln werden am 1. Jänner 1913 eingeführt, und werden in der Gesetzessammlung publiziert werden. Josef Leschtschinsky: Warum ist der Territorialismus keine Volksbewegung?*) .... Es läßt sich fast mit Sicherheit behaupten, daß bis jetzt noch kein einziger Territorialist sein Ideal in konkreter Form wirklich durchdacht habe. Niemand von uns hatte es auch nur versucht, sich ein klares Bild über die komplizierten Probleme zu schaffen, die mit der Realisierung unseres Ideals verbunden sind. Ich kann mich nicht einmal eines Artikels in unserer Partei-;) In einer der letzten Nummern der jidischen Emigrations- Zeitschrift „Wohin" in Kiew findet sich obiger Artikel. Mit Rücksicht auf die bevorstehende Territorialisten-Konferenz in W i e n, an der auch der Verfasser als Referent teilnimmt, hat der Artikel ein besonderes aktuelles Interesse und wir geben ihn daher zur Information unserer Leser bloß unter Weglassung der Einleitung wieder. Die Redaktion. Literatur entsinnen, der es nur versucht hätte, auseinanderzusetzen, welche Eigenschaften z. B., natürliche, soziale u. s. w., ein Land besitzen müsse, um eine großzügige jüdische Kolonisation zu ermöglichen. Ob unsere Kolonisation gelingen könne, wenn wir Kleinbauern schaffen, oder ob sie von allem Anfang einen großkapitalistischen Charakter tragen müsse, oder ob man vielleicht das Prinzip der Nationalisierung des Bodens durchführen könnte? Nicht auf eine einzige dieser und vieler anderer wichtigen Fragen wird ein Territorialist nur annähernd Auskunft geben können. Es ist aber eine längst bekannte Tatsache, daß man bei jedem Kolonisations-Unternehmen die individuellen Eigenschaften des Menschenmaterials, das dabei in Betracht kommt, in Jedem und Allem genau berücksichtigen müsse. Die Engländer wußten das schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts und bemühten sich daher, ein Kolonisations-System auszuarbeiten, welches einerseits den Eigenschaften des Landes, andererseits dem Kolonisten- Material entsprechen würde. Wir, die wir an Kräften jeder Art arm sind, müssen vor allem unsere eigenen Mittel und Eigenschaft in Betracht ziehen; wir können uns nicht jedem Lande anpassen, wie es England getan hatte, weil nicht in jedem Lande die Kolonisation unseren Zielen und noch mehr — unserer Kraft entsprechen kann. Ich meine, es ist nicht übertrieben, wenn man z. B. behauptet, daß wir Juden es in Neu-Seeland nicht so weit, gebracht hätten wie die Engländer. Wir sind gewohnt, alle diese Fragen als „Technik" zu betrachten, womit wir uns als Politiker nicht zu befassen haben. Aber das ist ein Irrtum! Ein Techniker oder Agronom kann noch weniger solche soziale Probleme lösen. Das sind Probleme, die gelöst werden müssen, noch bevor man zur praktischen Arbeit schreitet. Ein Techniker oder Agronom als solcher kennt nicht genau die sozialen Verhältnisse unserer künftigen Kolonisten, er kennt nicht die,,. Eigeriajten wd Eigen$chd[ten,,..tfip giften .und schlechten, unserer Massen, et hat keine Einsicht in die finanziellen Verhältnisse unserer Emigranten u. s. w. Seine Aufgaben beginnen erst beim Bauen selbst, beim Durchführen dieses oder jenes Kolonisations-Problems, aber nicht früher. Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Agronoms zu bestimmen, ob eine Kolonisation auf sozialistischer Grundlage in einem neuen Lande möglich sei, ob das System von Oppenheimer durchführbar sei, ob diese oder jene Form des Bodeneigentums zweckmäßig, oder ob gar bei diesen oder jenen klimatischen Verhältnissen eine jüdische Kolonisation möglich wäre. Die Beantwortung aller dieser Fragen kann nur die Aufgabe einer genauen sozialen Forschung sein. Das Resultat wäre folgendes: Wir hätten annähernd eine Vorstellung von der Riesenarbeit, die uns bevorsteht; wir wüßten dann, welche Organisationen und Institute wir benötigen; wir wären dann in der Lage, unsere Kräfte und Mittel zweckdienlich anzuwenden; wir wären dann annähernd orientiert, wo eine jüdische Konzentration möglich sei; wir wären dann nicht gezwungen, auf dem Globus herurnzusuchen, weil wir schon mehr oder weniger gewußt hätten, was für Bedingungen eine jüdische Kolonisation an ein Land stellen müsse. Unser Ideal würde Haut und Knochen kriegen und könnte dreist an die interessierten Massen herantreten. Der Territorialismus würde nicht bloß ein abstraktes regulatives Prinzip bleiben. Freilich, als solches trug es viel dazu bei, daß gerade wir die ersten waren, die der jüdischen Emigration unsere Hauptaufmerksamkeit zuwandten, daß wir eine bestimmte Richtung in der Emigfationspolitik eingeschlagen haben. Der Territorialismus wurde der treue Nachfolger und Erbe des politischen Zionismus, mit allen seinen Vorzügen und Nachteilen. In Herzl blitzte intuitiv der Gedanke auf: Juden brauchen ein Land! Das war der primitive Ausdruck des Prozesses, der sich in den Tiefen des jüdischen Lebens abspielt. Juden brauchen ein Land — das ist die einfachste Formel, die fast noch gar keinen Inhalt besitzt. Aus Gründen, auf die wir hier nicht näher ein-

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