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Neue Nationalzeitung · 1912-06-28 · Heft 13 (28.6.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 13 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 gar wohl die Grenzen seiner Fähigkeiten, und er war damals noch bescheiden genug, es einzugestehen. Von hier aus besehen, ist sein Verlust in der Tat ein unersetzlicher. „Weinet nicht um die Toten", sagt der Prophet, „sondern über die Ueberlebenden weinet". Diese müssen wir uns ein wenig näher besehen. Blicken wir in die Jahresberichte der Allianz und der Baron Hirsch-Stiftung und verfolgen wir von Jahr zu Jahr die Wahlen und Kooptierungen von Mitgliedern in den Vorstand, da zeigt sich uns — fast schon so wie bei den Kultusvorstandswahlen — seit der Präsidentschaft des Herrn v. Gutmannein zielbewußterAbstieg. Zweierlei Bestrebungen treten wie im Kultusvorstand auch in der Führung der übrigen humanitären Institutionen markant zutage: 1. Nicht höher hinauf! 2. Wo ein Krakehler, der irgendwo und irgendwie ein Häuflein Anhänger gewonnen; herein mit ihm, dann wird er ruhig! Das ist stillschweigendes Uebereinkommen. Woher soll dann in allen diesen Institutionen der Nachwuchs kommen? Ein krasses Beispiel: Schon die ursprüngliche Zusammensetzung des Kuratoriums der Baron Hirsch- Stiftung, die ihre vielbewegte Geschichte hat, war keine ideale. Baron Hirsch wollte die Wiener jüdischen Geldbarone, die ihm aus mir unbekannten Gründen nicht sehr sympatisch waren, für seine galizische Stiftung interessieren, wobei er noch die malitiöse Genugtuung genießen wollte, sie als seine Handlanger zu sehen. — Gut, es waren wenigstens Geldbarone, denen — zum Lobe sei es hinzugefügt — auch ein gewisser Perzentsatz höherer Intelligenz beigemischt wurde. Wie aber sieht das jetztige Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung aus, das verwaist um seinen Präsidenten heute trauert? Als die Wiener Zionisten in den Jahren 1899 bis 1900 in ihren Journalen der Allianz in deren Emigrationsangelegenheiten arg zusetzten und sich soweit verstiegen, ihr mit einem Prozeß zu drohen, da geriet der Präsident der Allianz, Herr v. Gutmann, der gern die schwierigsten Dinge quietistisch abgewickelt sah, in Unruhe. Er ließ sich in Unterhandlungen mit Dr. Herzl ein, welche in aller Stille in dem Bureau der Baron Hirsch-Stiftung geführt wurden. Dr. Herzl verlangte einen zionistischen Vertreter in der Allianz. Darauf wollte Herr v. Gutmann, welcher seiner Allianz in Wirklichkeit sehr anhänglich war und sie vor innerem Unfrieden bewahren wollte, durchaus nichts wissen. Dagegen erklärte er sich als Präsident der Baron Hirsch-Stiftung bereit, ein Mitglied der zionistischen Partei in das Kuratorium der Baron Hirsch- Stiftung kooptieren lassen zu wollen. Darauf ging Dr. Herzl schließlich ein und bezeichnete als solches den vormaligen Redakteur der zionistischen „Welt", einen Professor der englischen Philologie, und — die Sache war erledigt. „Ueber allen Gipfeln war Ruh'!" Das machte mich, der ich bis dahin die zionistische Bewegung mit lebhaftestem Interesse verfolgte, "als ich von diesem Handel hörte, stutzig. Jawohl, auch ich begrüßte anfangs die zionistische Bewegung als ein Wiedererwachen des Judentums von innen heraus, das sich aus der trostlosen Versumpfung zum Selbstbewußtsein und zur geistigen Erhebung endlich aufzurütteln entschließt. Denn jede Stagnation ist der Tod; und der Zionismus war eine Bewegung, von der zu erwarten stand, daß, „wenn sich der Most auch ganz absurd geberdete", er doch schließlich einen guten Wein geben werde. Als ich jedoch sah, daß er politisch zuwerke zu gehen anfing, als ich merkte, wie skrupellos er sich entschloß, dem Scheine die Wahrheit, nämlich seine Wahrheit zu opfern: da wurde ich stark ernüchtert. Man denke: der Stifter der Baron Hirsch-Stiftung testiert, daß seine Schulen unentwegt das Ziel der Assimilierung der jüdischen Jugend Galiziens verfolgen und jede wie immer geartete politische Strömung streng von sich fern halten müssen, und der Zionismus verlangt dabei mitzuwirken! Will einen Vertreter im Kuratorium haben! Daß der Wille des Stifters in sein Gegenteil verkehrt werden könnte, war — das wußten die Zionisten — ausgeschlossen und dennoch bestanden sie auf eine Vertretung im Kuratorium dieser assimilatorischen Stiftung und — erhielten sie! Wenn das, dachte ich, am grünen Holze geschah, was soll man von dem dürren erwarten? Die Folgen haben es tatsächlich bald gezeigt. Ob die Baron Hirsch-Stiftung bei dieser ihr aufgezwungenen Besetzung, oder ob die zionistische Partei dabei den Vorteil hatte, weiß ich nicht, da ich nur ein draußenstehender Beobachter bin; daß aber die „Allianz" fortan Ruhe hatte, ist sicher. Und so paktierte man auf der einen Seite immer aufs Neue, angeblich „um des lieben Friedens willen" mit ganz unbedeutenden streberischen Elementen, und sperrte sich auf der anderen planmäßig ab gegen geistig höherstehende und möglicherweise selbstständige Persönlichkeiten, dabei ebenso planmäßig unaufhörlich über den „Mangel an Nachwuchs" jammernd. Daß eine solche gedankenlose Ausflucht solange verfangen konnte, zeigt nur zu deutlich, wie abgestumpft das jüdische Publikum gegen alle jüdischen Interessen geworden. Wer aber trägt die Schuld daran? In vergangenen Jahrzehnten, wo die Wiener Kultusgemeinde noch lange nicht so reich wie heute an jüdischen Kapazitäten war, da lugten die Gemeindeväter fleißig aus, ob nicht irgendwo im Verborgenen eine zukunftverheißende Kraft heranreife, und zogen sie, obgleich sie noch völlig unbekannt, heran, und — ein Nachwuchs war da. In den letzten Jahrzenten wurde der entgegengesetzte Weg eingeschlagen; die Kleinen fängt man ein, die Großen läßt man laufen: die Einberufer der Wählerversammlungen und hohlen Schreier gelangen auf kürzestem Wege in den Kultusvorstand und von dort weiter. Ernste Männer von hoher Intelligenz bleiben draußen. Und dieselben Gemeindeführer, die diesen irreparablen Rückfall verschuldet, sie jammern unaufhörlich über „Mangel an Nachwuchs und Interesse fürs Judentum"! Wer der Präsident der Allianz wird? Prüfen Sie den dermaligen Stand der Dinge und sagen Sie selbst, ob es sich verlohnt diese Frage aufzustellen. F. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

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