Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 13 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N&J5 tfCifttöL-ZBCÜNG rerausöbber: ors.R.LNNO«u: XIV. JAHRGANG. WIEN, 28. Juni 1912. Nr. 13. Wer wird Präsident der „Israelitischen Allianz"? Sie fragen mich, wer Präsident der Allianz werden wird? Ich frage dagegen: Wer wird der künftige Präsident des Kultusvorstands; wer der Präsident der Baron Hirsch-Stiftung werden?'1) Das aber sind, überblickt man das zur Verfügung stehende Präsidentenmaterial, müßige Fragen. Eine andere wohl aufzuwerfende Frage jedoch ist: Wie es gekommen, daß ein so beängstigender Mangel an führenden jüdischen Persönlichkeiten aus allen großen Vereinen uns entgegengähnt? „Mangel an Nachwuchs!" so lautet die offizielle Phrase. — Das ist aber eine bewußte Verschleierung des wirklichen Tatbestandes. Denn nie gab es eine größere Fülle bedeutender jüdischer Persönlichkeiten auf allen Gebieten, niemals mehr Interesse für das Judentum als heute, seit Beginn der antisemitischen Bewegung! Und dennoch dieser Mangel? Die Frage schreit zum Himmel. Sie soll hier sine ira et studio beantwortet werden. Schuldallein irägt das moderne Kliquenwesen, das über die heiligsten Interessen des Judentums entscheidet, das das jüdische Gemeinwesen gepachtet hat. Wir haben berufene Männer in Fülle, aber sie werden nicht berufen**) und noch weniger für dieSache des Judentums interessiert. Werden doch die Wähler selbst nicht dafür interessiert, ja womöglich fern gehalten. Wer wählt heute den ersten Kultusvorstand der Monarchie? Eine Küque! Einige tausend gedrillte Wähler, ins Treffen geführt von der Israelitischen Union, von der B. B. und einigen verwandten, interessierten Vereinen. Und so sind die Vorsteher bloß Gewählte einer Küque, und der Präsident des Kultusvorstandes bloß Präsident eines von Kliquegnaden gewählten Vorstandes. Was Wunder, daß ein solcher seinerseits das möglichste tut, um nicht durch wirkliche Begabung und Ver- *) Die letzte Frage ist bereits im Sinne der Ausführungen dieses Artikels entschieden. (Die Red.) **) Dasselbe gilt in der Rabbinerfrage. (Die Red.) dienst in den Schatten gestellt, oder gar verdrängt zu werden. Und da weint man Mühlsteine über „Mangel an Nachwuchs"! Herr David R. v. Gutmann war Präsident der Allianz und der Baron Hirsch-Stiftung. Er stirbt und eine erschreckende Leere starrt uns entgegen. Ja, warum habt ihr die ganze, lange Zeit nicht Bessere kooptiert oder gewählt, um künftige Präsidenten heranzuziehen? „Mangel an Nachwuchs!" lautet die verschleiernde offizielle Antwort. Das wagt man zu antworten, weil man vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen will. Hätte man mit Laternen nach Inferiorem gesucht, man hätte es nicht besser finden können. Ich sage Ihnen aber, der sei. Dav. v. Gutmann war noch der weitaus Beste unserer Zeit. Er hatte sich nie zu einem Ehrenamte gedrängt, es mußte im Gegenteil ihm aufgezwungen werden. Als er vor einem Menschenalter zum Vize-Präsidenten der Allianz gewählt wurde, wie sträubte er sich da lange und hartnäckig, dieses Ehrenamt anzunehmen, der intimeren Umgebung offen und ehrlich erklärend, er besitze nicht die Kapazität, sich mit Männern wie Wertheimer, Kuranda und Kompert in die Führung einer so verantwortungsreichen Institution zu teilen. Und als diese Männer, einer nach dem andern, heimgegangen und ihm die Präsidentschaft einstimmig zufiel, da gab es wieder einen harten Kampf mit ihm. Seine Bescheidenheit verwehrte ihm damals die Annahme, und er entschloß sich endlich nur sehr schwer dazu. Noch stärker war sein Widerstand, als er die Präsidentschaft der Baron Hirsch-Stiftung, auf die damals gegen den Willen des Baron Hirsch ein in Wien domizilierender galizischer Reichsratsabgeordneter aspirierte,übernehmen sollte. Es dauerte wochenlang, bis er nachgab, und auch dann nur infolge des Drängens seiner Gattin, die von Dr. Jellinek für die Sache gewonnen war. — Wo fände sich heute, in einer Epoche mittelmäßigen Strebertums, seinesgleichen? D. v. Gutmann kannte